08 Mai 2012

(K)eine Epistemodizee in Frankfurt

Von ANNA KATHARINA MANGOLD

Bericht von einer konfliktfreien Podiumsdiskussion im Frankfurter House of Finance am 19. April 2012 zum Thema „Wie unabhängig ist die Wissenschaft?“

Ein Jahr, nachdem er den Guttenberg-Skandal durch seine Rezension in der Kritischen Justiz ins Rollen gebracht hatte, meldet Andreas Fischer-Lescano, Professor an der Universität Bremen,  sich nun mit seinem  Beitrag Guttenberg oder der ‚Sieg der Wissenschaft‘?“in den Blättern für deutsche und internationale Politik zu Wort. Darin hinterfragt Fischer-Lescano, „das Verhältnis der Rechtswissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Fischer-Lescano, der seinerzeit selbst in Frankfurt habilitiert wurde, fragt zunächst zwar verallgemeinernd, ob die Universität nurmehr als „Kadettenanstalt der Finanzmärkte“ anzusehen sei, nennt dann aber als Beispiele die Frankfurter Rechtswissenschaft sowie – und vor allem – das House of Finance. Hier seien durch Stiftungsprofessuren und die Dominanz von Law and Finance kritische Zugänge zum Recht nicht mehr zu finden, die Ausrichtung verleite „zu karrieristischen und monofunktionalen Engführungen“ auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs. Ausgehend vom Frankfurter Beispiel erkennt Fischer-Lescano: „Auch bundesweit herrschen in der Rechtswissenschaft Wirtschafts- und Regierungsnähe.“ Die (Frankfurter) Rechtswissenschaft habe ihre Autonomie verloren.

Dass diese Invektive in Frankfurt für einigen Wirbel gesorgt hat, versteht sich von selbst. Isabel Feichtner, selbst Juniorprofessorin am gescholtenen House of Finance in Frankfurt, hat als Reaktion auf die Anwürfe eine Podiumsdiskussion organisiert, die Antworten suchte auf die Frage: „Wie unabhängig ist die Wissenschaft?“ Eine Einladung, an dieser Diskussion teilzunehmen, hatte Fischer-Lescano ausgeschlagen. Das ist sehr bedauerlich, steht doch hinter aller Polemik seines Beitrags nicht weniger als der Beitrag zu einer „Epistemodizee“ (Michel Serres) der (Rechts)Wissenschaft in Zeiten der Finanzkrise. „Warum wird die Finanzkrise vor der EZB diskutiert, ist aber zugleich die Occupy-Bewegung am House of Finance so wenig sichtbar?“, fragte Feichtner in ihrer Einführung. Es handelt sich dabei keineswegs um eine rein Frankfurter Frage. Auch in den USA gibt es eine vergleichbare Debatte um die Rolle der Wissenschaft (eine flammende Stellungnahme von Roberto Unger hier).

Fünf Minuten zu spät zum Showdown

Zur Diskussion traten an: Andreas Cahn, Direktor des Institute for Law & Finance, Frankfurt, als Vertreter des House of Finance und Dresdner Bank Stiftungsprofessor; Christoph Möllers, Professor für Öffentliches Recht an der HU Berlin, der sich in letzter Zeit wiederholt zum Charakter der Rechtswissenschaft als wissenschaftlicher Disziplin geäußert hat (hier und hier); Klaus Günther, Professor für Rechtsphilosophie und Strafrecht an der Goethe-Universität Frankfurt und Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ (das unlängst unter Hegemonieverdacht geraten ist); sowie der bekannte Eliten- und Organisationssoziologe Michael Hartmann von der TU Darmstadt. Die Moderation übernahm Jürgen Kaube, ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Ressorts Wissenschaft bei der FAZ.

An und für sich hätte man bei dieser Zusammensetzung einiges an Konfliktpotential erwarten können. Hier trafen Stiftungsprofessor auf staatlichen Professor, trafen privatwirtschaftlich finanzierte Drittmittelprojekte auf das staatlich finanzierte Exzellenzcluster, traf House of Finance auf den Fachbereich Rechtswissenschaft. „Das wird spannend!“, dachte wohl jede Leserin und jeder Leser des Programms.

Das Setting hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Showdown eines Westerns. Einem Showdown allerdings, zu dem sich die Diskussionsteilnehmer um fünf Minuten verspätet hatten. Sie unterhielten sich, als sei alles schon vorbei. Von Beginn an herrschte große Eintracht: Gutachten sind nicht wissenschaftlich und damit auch kein Thema für die Unabhängigkeit der Wissenschaft. Unabhängigkeit der Wissenschaft bedeutet vor allem eines, finanzielle Unabhängigkeit. Solange Drittmittel die Grundausstattung nicht völlig ersetzen, ist alles gar nicht so schlimm. Es ist bezeichnend für den Diskussionsverlauf, dass ein Emeritus aus dem Publikum als einziger die Unabhängigkeit der Wissenschaft radikal bestritt.

Jene fünf Minuten Verspätung zum Showdown machten den ganzen Unterschied: Eine distanzierte, kritische Diskussion des Wettbewerbsdenkens in der Wissenschaft ist offenbar nicht mehr möglich. Die Umstände haben sich eingependelt, am nach dem und durch den Showdown etablierten Regime scheint nun nicht mehr zu rütteln.

Die Herrschaft des Wettbewerbsdenkens in der Wissenschaft

Spannend wäre gewesen, die Gründe zu diskutieren, die zur Herrschaft des Wettbewerbsdenkens in der Wissenschaft geführt haben. Ein Wettbewerbsdenken, das dem Vorbild des Marktes folgt. Kennzeichen dieser Art des wettbewerblichen Vergleichs ist die Quantifizierung: Alles muss in Zahlen darstellbar sein. Anscheinend ist es jedoch inzwischen schwierig bis unmöglich, überhaupt in einer Sprache zu diskutieren, die sich dem Zwang zu marktorientiertem Wettbewerb und Quantifizierung verschließt. Dieser Zwang ist allerorten zu beobachten: bei der Aufzählung eingeworbener Drittelmittel (incl. der Summen); bei der Klassifizierung von Publikationen (AAA-Journal? Peer-reviewed?); bei der Wertschätzung für die Forschenden (Leistungszuschläge in welcher Höhe?). Aber ist das nicht die eigentliche Frage: Darf Wissenschaft überhaupt den Zwängen eines nach dem Vorbild des Marktes gestalteten, quantifizierenden Wettbewerbs ausgesetzt werden?

Als Konsequenz des Wettbewerbsdenkens war nicht überraschend, dass im Diskussionsverlauf allmählich eine bedenkliche Gegenüberstellung von Theorie und Praxis aufschien, der sich glücklicherweise Günther entgegenstemmte mit der Aussage: „Theorie macht nicht praxisuntauglich.“ Aber darf das die Antwort sein? Erst die Anerkennung des Wettbewerbsdenkens führt ja überhaupt in solch fatale Gegenüberstellungen.

Fundamentale Kritik ist wohl nur noch möglich, wenn der Vorrang des marktorientierten Wettbewerbsdenkens grundsätzlich bestritten wird. Spezialgebiete wie das antike Keilschriftrecht können sich unter den Bedingungen der Quantität nicht rechtfertigen, wie in der Publikumsdiskussion richtig konstatiert wurde: Es gibt keinen praktischen Nutzen solcher Forschung, schon gar nicht einen, der sich in Zahlen festhalten ließe.

Aber darf die (Rechts)Geschichte, darf die Theorie, dürfen Grundlagenfächer überhaupt in eine solche Erklärungsnot gebracht werden? Muss die Frage nicht vielmehr lauten, wie wir diesen für die Wissenschaft so evident unpassenden Kategorien des Wettbewerbsdenkens entrinnen können?

Die Diskussion hat ein für die Wissenschaft überlebenswichtiges Thema auf den Tisch gebracht. Die Chance zu einer kritischen Auseinandersetzung verstrich allerdings vorerst ungenutzt.

Am kommenden Donnerstag, 10. Mai 2012, gibt es glücklicherweise bereits eine neue Gelegenheit zu kritischer Auseinandersetzung: Diskutiert wird Ethik und Moral in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Um die gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftlers wird es dann am 30. Mai 2012 gehen.

Von ANNA KATHARINA MANGOLD

Bericht von einer konfliktfreien Podiumsdiskussion im Frankfurter House of Finance am 19. April 2012 zum Thema „Wie unabhängig ist die Wissenschaft?“

Ein Jahr, nachdem er den Guttenberg-Skandal durch seine Rezension in der Kritischen Justiz ins Rollen gebracht hatte, meldet Andreas Fischer-Lescano, Professor an der Universität Bremen,  sich nun mit seinem  Beitrag Guttenberg oder der ‚Sieg der Wissenschaft‘?“in den Blättern für deutsche und internationale Politik zu Wort. Darin hinterfragt Fischer-Lescano, „das Verhältnis der Rechtswissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Fischer-Lescano, der seinerzeit selbst in Frankfurt habilitiert wurde, fragt zunächst zwar verallgemeinernd, ob die Universität nurmehr als „Kadettenanstalt der Finanzmärkte“ anzusehen sei, nennt dann aber als Beispiele die Frankfurter Rechtswissenschaft sowie – und vor allem – das House of Finance. Hier seien durch Stiftungsprofessuren und die Dominanz von Law and Finance kritische Zugänge zum Recht nicht mehr zu finden, die Ausrichtung verleite „zu karrieristischen und monofunktionalen Engführungen“ auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs. Ausgehend vom Frankfurter Beispiel erkennt Fischer-Lescano: „Auch bundesweit herrschen in der Rechtswissenschaft Wirtschafts- und Regierungsnähe.“ Die (Frankfurter) Rechtswissenschaft habe ihre Autonomie verloren.

Dass diese Invektive in Frankfurt für einigen Wirbel gesorgt hat, versteht sich von selbst. Isabel Feichtner, selbst Juniorprofessorin am gescholtenen House of Finance in Frankfurt, hat als Reaktion auf die Anwürfe eine Podiumsdiskussion organisiert, die Antworten suchte auf die Frage: „Wie unabhängig ist die Wissenschaft?“ Eine Einladung, an dieser Diskussion teilzunehmen, hatte Fischer-Lescano ausgeschlagen. Das ist sehr bedauerlich, steht doch hinter aller Polemik seines Beitrags nicht weniger als der Beitrag zu einer „Epistemodizee“ (Michel Serres) der (Rechts)Wissenschaft in Zeiten der Finanzkrise. „Warum wird die Finanzkrise vor der EZB diskutiert, ist aber zugleich die Occupy-Bewegung am House of Finance so wenig sichtbar?“, fragte Feichtner in ihrer Einführung. Es handelt sich dabei keineswegs um eine rein Frankfurter Frage. Auch in den USA gibt es eine vergleichbare Debatte um die Rolle der Wissenschaft (eine flammende Stellungnahme von Roberto Unger hier).

Fünf Minuten zu spät zum Showdown

Zur Diskussion traten an: Andreas Cahn, Direktor des Institute for Law & Finance, Frankfurt, als Vertreter des House of Finance und Dresdner Bank Stiftungsprofessor; Christoph Möllers, Professor für Öffentliches Recht an der HU Berlin, der sich in letzter Zeit wiederholt zum Charakter der Rechtswissenschaft als wissenschaftlicher Disziplin geäußert hat (hier und hier); Klaus Günther, Professor für Rechtsphilosophie und Strafrecht an der Goethe-Universität Frankfurt und Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ (das unlängst unter Hegemonieverdacht geraten ist); sowie der bekannte Eliten- und Organisationssoziologe Michael Hartmann von der TU Darmstadt. Die Moderation übernahm Jürgen Kaube, ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Ressorts Wissenschaft bei der FAZ.

An und für sich hätte man bei dieser Zusammensetzung einiges an Konfliktpotential erwarten können. Hier trafen Stiftungsprofessor auf staatlichen Professor, trafen privatwirtschaftlich finanzierte Drittmittelprojekte auf das staatlich finanzierte Exzellenzcluster, traf House of Finance auf den Fachbereich Rechtswissenschaft. „Das wird spannend!“, dachte wohl jede Leserin und jeder Leser des Programms.

Das Setting hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Showdown eines Westerns. Einem Showdown allerdings, zu dem sich die Diskussionsteilnehmer um fünf Minuten verspätet hatten. Sie unterhielten sich, als sei alles schon vorbei. Von Beginn an herrschte große Eintracht: Gutachten sind nicht wissenschaftlich und damit auch kein Thema für die Unabhängigkeit der Wissenschaft. Unabhängigkeit der Wissenschaft bedeutet vor allem eines, finanzielle Unabhängigkeit. Solange Drittmittel die Grundausstattung nicht völlig ersetzen, ist alles gar nicht so schlimm. Es ist bezeichnend für den Diskussionsverlauf, dass ein Emeritus aus dem Publikum als einziger die Unabhängigkeit der Wissenschaft radikal bestritt.

Jene fünf Minuten Verspätung zum Showdown machten den ganzen Unterschied: Eine distanzierte, kritische Diskussion des Wettbewerbsdenkens in der Wissenschaft ist offenbar nicht mehr möglich. Die Umstände haben sich eingependelt, am nach dem und durch den Showdown etablierten Regime scheint nun nicht mehr zu rütteln.

Die Herrschaft des Wettbewerbsdenkens in der Wissenschaft

Spannend wäre gewesen, die Gründe zu diskutieren, die zur Herrschaft des Wettbewerbsdenkens in der Wissenschaft geführt haben. Ein Wettbewerbsdenken, das dem Vorbild des Marktes folgt. Kennzeichen dieser Art des wettbewerblichen Vergleichs ist die Quantifizierung: Alles muss in Zahlen darstellbar sein. Anscheinend ist es jedoch inzwischen schwierig bis unmöglich, überhaupt in einer Sprache zu diskutieren, die sich dem Zwang zu marktorientiertem Wettbewerb und Quantifizierung verschließt. Dieser Zwang ist allerorten zu beobachten: bei der Aufzählung eingeworbener Drittelmittel (incl. der Summen); bei der Klassifizierung von Publikationen (AAA-Journal? Peer-reviewed?); bei der Wertschätzung für die Forschenden (Leistungszuschläge in welcher Höhe?). Aber ist das nicht die eigentliche Frage: Darf Wissenschaft überhaupt den Zwängen eines nach dem Vorbild des Marktes gestalteten, quantifizierenden Wettbewerbs ausgesetzt werden?

Als Konsequenz des Wettbewerbsdenkens war nicht überraschend, dass im Diskussionsverlauf allmählich eine bedenkliche Gegenüberstellung von Theorie und Praxis aufschien, der sich glücklicherweise Günther entgegenstemmte mit der Aussage: „Theorie macht nicht praxisuntauglich.“ Aber darf das die Antwort sein? Erst die Anerkennung des Wettbewerbsdenkens führt ja überhaupt in solch fatale Gegenüberstellungen.

Fundamentale Kritik ist wohl nur noch möglich, wenn der Vorrang des marktorientierten Wettbewerbsdenkens grundsätzlich bestritten wird. Spezialgebiete wie das antike Keilschriftrecht können sich unter den Bedingungen der Quantität nicht rechtfertigen, wie in der Publikumsdiskussion richtig konstatiert wurde: Es gibt keinen praktischen Nutzen solcher Forschung, schon gar nicht einen, der sich in Zahlen festhalten ließe.

Aber darf die (Rechts)Geschichte, darf die Theorie, dürfen Grundlagenfächer überhaupt in eine solche Erklärungsnot gebracht werden? Muss die Frage nicht vielmehr lauten, wie wir diesen für die Wissenschaft so evident unpassenden Kategorien des Wettbewerbsdenkens entrinnen können?

Die Diskussion hat ein für die Wissenschaft überlebenswichtiges Thema auf den Tisch gebracht. Die Chance zu einer kritischen Auseinandersetzung verstrich allerdings vorerst ungenutzt.

Am kommenden Donnerstag, 10. Mai 2012, gibt es glücklicherweise bereits eine neue Gelegenheit zu kritischer Auseinandersetzung: Diskutiert wird Ethik und Moral in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Um die gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftlers wird es dann am 30. Mai 2012 gehen.


SUGGESTED CITATION  Mangold, Anna Katharina: (K)eine Epistemodizee in Frankfurt, VerfBlog, 2012/5/08, https://verfassungsblog.de/keine-epistemodizee-frankfurt/, DOI: 10.17176/20170510-094855.

3 Comments

  1. Nora Markard Di 8 Mai 2012 at 21:05 - Reply

    Da wäre ich tatsächlich gern gewesen – habe ich wirklich so wenig verpasst? Vielen Dank für diesen informativen Beitrag, ich freue mich auf den nächsten…

  2. Alexandra Kemmerer Mi 23 Mai 2012 at 14:41 - Reply
  3. Elisabeth Holzleithner Mi 21 Dez 2016 at 15:14 - Reply

    cherchez la femme … ein podium, das auch ohne moderatorin auskommt 😉

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