Parität und Asymmetrie im Arbeitskampf

Im Arbeitskampfrecht hat sich über die Jahre hinweg ein produktives Wechselspiel zwischen Bundesarbeitsgericht (BAG) und BVerfG entwickelt: Das BAG gestaltet den verfassungsrechtlichen Rahmen aus, und wird darin vom BVerfG weitgehend unterstützt, das an entscheidenden Stellen immer wieder Leitplanken festsetzt. Am 19. Juni 2020 sowie am 9. Juli 2020 hat die 3. Kammer des Ersten Senats dies wieder in zwei Entscheidungen getan. Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, dass sie die Rechtsprechung zu Parität und Asymmetrie im Arbeitskampf angemessen fortschreiben.

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Kohärentes Asyl- und Aufenthaltsrecht statt legislativer Hyperaktivität

Die gesetzgeberische Hyperaktivität und der bestehende exekutive Föderalismus führten in Deutschland seit 2015 zu einer Rechtszersplitterung, die sowohl der systemischen Kohärenz als auch der Rechtssicherheit abträglich ist. Gerade die – bewusst oder unbewusst – durch die gesetzgeberische Hyperaktivität erzeugte Intransparenz und Ambiguität haben schwerwiegende negative Auswirkungen auf das Funktionieren des Schutzsystems insgesamt, da es willkürlich und nicht nachvollziehbar erscheint. Neben den rechtlichen Implikationen stellen diese Entwicklungen vor allem die Verwaltung im Allgemeinen und deren Mitarbeit*innen im Besonderen vor enorme Herausforderungen.

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Sehr gut, Gut, Akzeptabel

Die große Koalition hat es mit ihrer Mehrheit also geschafft. Sie hat im Innenausschuss des Bundestags einen gemeinsamen Antrag von Grüne, Linke und FDP nicht ans Plenum verwiesen und damit auf die lange Bank geschoben. Dieser hatte vorgesehen, das Wahlgesetz so zu ändern, dass der Bundestag verkleinert wird. Der abgelehnte Vorschlag lief darauf hinaus, die Wahlkreise von 299 auf 250 zu verringern. Da aber demnächst in den Wahlkreisen schon mit den innerparteilichen Vorbereitungen für die Kür der KandidatInnen begonnen wird und die Sommerpause des Parlaments ansteht, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Koalition dies noch rechtzeitig vor der nächsten Bundestagswahl ändert. Zwar bastelt man bei der CDU/CSU an eigenen, quantitativ eher bescheidenen Überlegungen mit dem Ziel, dass einige Direktmandate wegfallen, aber es ist höchst unklar, ob daraus überhaupt etwas wird, ein Gesetzentwurf rechtzeitig kommt, was die SPD dazu sagt und vor allem, ob das juristisch dann Bestand haben wird.

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Neutrale Straf­verfolgung und demokratische Struktur­verantwortung

Kürzlich hat die Generalstaatsanwältin des Landes Berlin die Ermittlungen wegen einer Anschlagsserie in Neukölln gegen Linke und Sozialdemokraten an sich gezogen, weil die bisherige Ermittlungsführung Anlass geben könnte, an der Unbefangenheit eines befassten Staatsanwalts zu zweifeln. Der Fall demonstriert in besonderer Weise, warum es notwendig ist, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte weiterhin sowohl dem internen als auch dem externen Weisungsrecht zu unterstellen.

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Zurechtgerückt

Am 6. August 2020 veröffentlichte das Bundesverfassungsgericht einen Beschluss (1 BvR 842/17) zum Einsatz von Leiharbeiter*innen als „Streikbrecher*innen“, der das Potential hat, politisch sowie sozial Wirkmacht zu entfalten. Die 3. Kammer des ersten Senats stellt recht eindrücklich fest, dass sich Arbeitgeberinnen gegenüber der Arbeitnehmer*innenseite von Natur aus in einer überlegenen Position befinden und dass der Gesetzgeber daher Maßnahmen ergreifen kann, um Kampfparität zwischen beiden Seiten herzustellen. Diese Annahme wird auch in Zukunft Pate für Entscheidungen im Bereich des Streikrechts und insbesondere der Kampfparität stehen. Arbeitgeberinnen werden sich daher darauf einstellen müssen, dass auf Grund dieser strukturellen Überlegenheit ihre Arbeitskampfmittel anders beurteilt werden können als die der Arbeitnehmer*innenseite.

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Blaming the People is not a Good Starting Point

A few days ago a very thought provoking article written by Prof. J. H. H. Weiler was published on ICONnect blog. I very much agree with the core of his argument that we need to pay more attention to the popular support enjoyed by the Orbán government and we cannot blame everything and anything on him alone. However, there are several points in his argumentation which I would like to address.

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The Kafkaesque Edifice of Law

The current presidential campaign has already been described as a “révolution de femmes” by Le Monde and echoed with “an ordinary Belarusian wife looking after her two children […] posing the greatest threat to an authoritarian rule” by the Financial Times. The improbable presidential candidate Śviatłana Cichanoǔskaja (or Tsikhanouskaya) decided to run in the campaign in place of her husband Siarhiej Cichanoǔski. He and two other increasingly popular alternative candidates – Viktar Babaryka and Valery Capkała – were not allowed to compete for office, all for different reasons. They were unusually hard challengers for the current autocratic ruler Aliaksandar Łukašenka, who is running for his sixth consecutive term following his 26 years in power.

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Augen auf bei der Wahl des Tanzpartners

Glücklicherweise ist Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern bislang relativ gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Dies ist in vielen Bereichen auf staatlich verordnete Schutzmaßnahmen zurückzuführen, mit denen – entsprechend der zweiten Phase der Strategie „Hammer und Tanz“ – nun flexibel auf das Infektionsgeschehen reagiert werden soll. Doch je länger die Fallzahlen auf einem verhaltenen Niveau bleiben und je stärker die Menschen sich an die Infektionsgefahr gewöhnen, desto schwieriger ist es, die Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung des Virus umzusetzen. Rechtlich problematische Situationen können vor allem dann entstehen, wenn der Staat nicht ausreichend eigene Kräfte zur Verfügung hat, um Schutzmaßnahmen durchzusetzen. Können private Sicherheitsdienste in solchen Situationen helfen und zum Tanz gebeten werden?

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Whittling Down the Collective Interest

On Friday 31 July, the Cypriot parliament voted against the Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA) with Canada. This latest development in the ratification process of CETA illustrates perfectly how facultative mixity continuously frustrates our collective interest in seeing the development of a European public sphere by forcing the discussion on European issues in isolated national public spheres.

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Toto, we are not in Kansas anymore

The massive consequences of the Covid-19 pandemic are felt throughout the world, not the least in our daily work as scholars and practitioners. While the effect of the pandemic upon the political, legal, and economic systems have been widely debated also on this blog (see here, here, here), the last months have also brought about one of the most rapid and encompassing structural transformations in both academia and legal practice. Reflections on its consequences upon academia were so far overshadowed by more imminent concerns such as the reopening of campuses, student mobility, and mass layoffs in higher education. Yet, many of the changes brought about by the pandemic are here to stay on a long-term basis, hence, this post attempts a first sketch of a critical reflection by discussing some of the potentials and challenges posed by the “Zoomification” of our working lives.

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Polexit – Quo vadis, Polonia?

Unkenntnis und Unwille sind in Polen heute an der Tagesordnung: Unkenntnis darüber, wie das europäische Recht und die europäischen Institutionen funktionieren und Unwille, sich an die freiwillig eingegangenen europäischen Verpflichtungen zu halten. Wir sind Zeugen, wie in Polen die Grundprinzipien der EU untergraben werden. Wenn aber das Rechtssystem der EU in Polen nicht mehr wirksam ist, ist das: der Polexit. Die bedenkenlose Säuberung des Obersten Gerichts, schließlich die Aushebelung der Vorabentscheidung, die Einschüchterung der Richter durch Disziplinarverfahren, das alles ist leider bereits der Polexit. Richtig verstanden bedeutet der Polexit allerdings sehr viel mehr als die Nichtanerkennung des europäischen Rechts und die Angriffe auf die Gerichte.

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Strasbourg slams old democracies on elections

On July 10 this year, the Grand Chamber of the European Court of Human Rights delivered a seminal judgement in the field of elections in the case of Mugemangango v. Belgium. Beyond its implications for Belgium in particular and the interpretation of Article 3 of Protocol 1 of the ECHR in general, the judgement rocks the long-standing distinction in Strasbourg case-law between old and new democracies. The message from Strasbourg is as clear as it is timely: The rule of law applies equally for all.

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No Need for a New Constitution in Brazil

In two recent articles, published in English and Portuguese, Professor Bruce Ackerman argued that the roots of Brazil’s political crisis, with the rise of extremist factions to power, is the 1988 Constitution and the presidential system it established. Under Ackerman’s account, the best response to such crisis would be to convene a new Constituent Assembly in 2023 in order to set up a parliamentary system, while also allowing the constituent delegates to “reconsider key decisions by the Assembly of 1988”. In this article, we intend to engage in this debate by explaining why the intent to promulgate a new Constitution might make things even worse.

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Stay Away from Using your Constitutional Rights

The Academics for Peace Petition is a petition signed by over 2,200 academics in and outside Turkey in 2016. It became, however, more than a simple petition. This collection of signatures put in motion mass criminal proceedings, job dismissals and many other forms of administrative and social sanctions against hundreds of academics in Turkey. This reaction is unprecedented in terms of scale and effects in contemporary times.

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The Walk After Bostock

The judgment of the U.S Supreme Court in Bostock v Clayton Country, is a landmark decision in protecting members of the LGBTQ community from employment discrimination on the basis of their gender identity and sexual orientation. Nevertheless, there are hurdles in the implementation of this judgment, particularly in relation with the right to religious liberty and the right to association under the First Amendment to the U.S Constitution.

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Chasing reality

This year, like every year, saw the usual spate of data and publications aimed at tracking and analysing changes in the Rule of Law. This year, unlike every other year, has seen a global pandemic of hitherto unknown proportions. We have seen extreme changes to institutional powers, the balance between institutions, and new innovations in digital courts and parliaments. These changes render much of the painstakingly collected and analysed data on the Rule of Law out of date.

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Schrems II: The Right to Privacy and the New Illiberalism

This post unpacks the implications of Schrems II for this new, unstable, and in many instances, illiberal political landscape. A number of excellent posts on this blog have already examined the impact of Schrems II on the corporate actors that transfer EU data globally. My focus here is on how Schrems II and the CJEU’s evolving jurisprudence on the right to privacy can be read as targeting the political developments of recent years.

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The Counter-Enlightenment Strikes Back

How does one make sense of the piece of legislation known as the “Constitution” in a political context where there are no effective mechanisms for its enforcement, and where constitutional text and political reality diverge dramatically? For the longest part of the post-1989 era, the majority of Chinese jurists approached this predicament with an avowedly reformist attitude. Using the familiar language of Enlightenment universalism, they called for the gradual overcoming, through an empowered judiciary, of the rift separating political reality from normative ideal: China, it was said, was “marching toward an age of rights”.

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No Country for Dissent

On July 25, Twitter ‘withheld’ or disabled access to two tweets made by activist lawyer Prashant Bhushan. Prashant Bhushan had posted two tweets in the end of June, criticizing the Supreme Court and especially its current Chief Justice. Based on the Tweets, the Supreme Court initiated suo moto contempt proceedings against Bhushan on July 21 and Twitter’s withdrawal comes two days after the first hearing in the case.

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