01 Februar 2020

Die vollendete Trennung

Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen Bilder zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines hypnotischen Verhaltens. […] Das Spektakel ist das, was der Tätigkeit der Menschen, der Wiedererwägung und der Berichtigung ihres Werkes entgeht. Es ist das Gegenteil des Dialogs.

Es ist Brexit Day, und ich bin in London. Ich bin vor Ort, laufe den ganzen Tag hin und her. Zwischen Parliament Square, wo die Brexiteers feiern und London Eye, wo sich, spät erst, eine kleine Gruppe von vielleicht 60-70 Personen versammelt. Um 23 Uhr singen sie Auld Lang Syne, leise, bevor Bollocks to Brexit-Rufe laut werden. Ich bin also da, an diesem Tag, den die EU-Gegner*innen als Independence Day feiern, spreche mit Leuten, stehe mittendrin im Geschehen, an einem Tag, der, das ist jetzt schon klar, historisch ist. Und dennoch. Es scheint unwirklich. Dieser Tag, der Brexit Day, und der zermürbende Prozess, der hierher geführt hat, sie entfalten die Wucht ihrer Realität erst in den Bildern, die so omnipräsent sind: das Entfernen des Union Jack in EU-Institutionen und die Lücke, die bleibt, ein Brexiteer, der eine EU-Flagge verbrennt, der Countdown, der auf Nr. 10 Downing Street projiziert wird, die Jubelrufe, die um 23 Uhr ertönen. Selbst Big Ben wird als Bild projiziert und sein Läuten ist nur eine Aufnahme, die abgespielt wird. Der Brexit, das ist das Gefühl, das zurückbleibt, ist heute kaum mehr als ein Ereignis der Bilder, ein Spektakel.

Dieses Gefühl kommt bereits auf, als ich um etwa 13 Uhr am Parliament Square stehe. Zu diesem Zeitpunkt ist der Platz relativ leer. Es stehen und sitzen ein paar Dutzend EU-Gegner*innen herum, hier und da verstreut die obligatorischen Touri-Gruppen. Natürlich, es sind noch zehn Stunden bis zum „Independence Day“. Aber die Kameras sind überall, scheinbar mehr als Brexiteers. Zugegeben, das ändert sich im Laufe des Tages und vor allem am Abend, aber es ist das erste Bild, das sich mir bietet. Und dazwischen ein Leaver, den ich am Morgen noch im Fernsehen gesehen habe.

Doch vielleicht ist das nur mein Gefühl. Ich gehöre schließlich nicht dazu, werde vom Austritt Großbritanniens aus der EU nicht in der gleichen Weise betroffen sein wie die Menschen, die hier leben, oder die Brit*innen, die in einem EU-Staat ein zweites Zuhause gefunden haben. Also spreche ich mit Leuten, in der Hoffnung, dass sie mir ihre Realität vermitteln können. Ich bin schließlich hier, um zu erleben, wie dieser Tag wirklich ist. Aber der Eindruck des Unwirklichen verfestigt sich nur, das Gefühl wird stärker. 

Von Utopien und Dystopien

Zwischen all den Leuten, die den Union Jack schwingen oder ihn so um ihre Schultern gebunden haben, dass er an diesem windigen Tag wie ein Superhelden-Cape hinter ihnen her weht, sehe ich einen jungen Mann mit einer Flagge stehen, die ich nicht kenne. Die obere Hälfte ist gelb, die untere schwarz, in der Mitte ein dunkelroter Ring, auf der einen Seite türkis abgesetzt und in zwei sich gegenüber liegenden Ecken zwei Kreise, einer schwarz einer gelb. „Was ist das für eine Flagge?“, frage ich ihn. „Mars“, antwortet er. Ich verstehe nichts. „Das ist die Flagge von Mars aus der Fernsehserie ‚The Expanse‘. Mars ist eine gewählte, parlamentarische Demokratie, die Erde eine nicht gewählte Bürokratie.“ Es ist klar, wer hier wer ist.

Das ist fast schon sympathisch verschroben. Aber dennoch. Hier steht jemand und feiert etwas, das bereits jetzt sehr reale Auswirkungen zeigt und in Zukunft verstärkt zeigen wird. Viele nutzen den Brexit als Legitimation für Gewalt gegen Minderheiten, seine wirtschaftlichen Folgen werden aller Voraussicht nach besonders diejenigen zu spüren bekommen, deren Löhne ohnehin schon sehr niedrig sind und zumindest mittelbar könnte er dazu führen, dass sich das konstitutionelle Gefüge des Landes in einer Weise verschiebt, die einen Anhänger gewählter, parlamentarischer Demokratie zumindest stutzen lassen sollte. Es scheint, als seien die Bilder stärker, vielleicht auch wirklicher, als die Realität. 

„Solidarität“ und Spaltung

Und dann ist da der Mann, der sich die englische Flagge so umgebunden hat, dass er aussieht wie ein Kreuzritter. Darunter trägt er einen silber glitzernden Kapuzenpullover, das macht den Eindruck perfekt. Natürlich kein Zufall, wie er mir sagt. Ein Verweis auf Richard I., nur symbolisch versteht sich. An einem langen Stab, den er hält, ist ein Schild befestigt. Auf der einen Seite steht Lock up the traitors, weiter oben weht die Flagge von Hong Kong. „Als Zeichen der Solidarität. Du weißt schon, sie leben unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei, wir haben 47 Jahre lang unter Brüssel gelebt.“ Dabei setzt er ein Lächeln auf, aus dem deutlich wird, dass er den Vergleich wohl nicht ganz ernst meint. Eine kalkulierte Provokation, die es darauf anzulegen scheint, Widerspruch und Empörung hervorzurufen. 

Da sind sie wieder, die Bilder. Sie machen sichtbar, was am anderen Ende der Welt geschieht und führen der Welt seit beinahe zwei Jahren die Proteste in Hong Kong vor Augen. Auf der anderen Seite dienen sie hier als Mittel, das die Trennung zwischen denen vergrößert, die sich unmittelbar gegenüberstehen. „Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im Inneren die Entfernung als spektakuläre Trennung wieder auf“ (Debord, 167). Das haben wir auch schon in der Brexit-Kampagne gesehen. Das Bild von Flüchtlingen etwa, das UKIP instrumentalisiert hat, um das Gefühl eines „Wir“ und „die Anderen“ zu schaffen und zu verstärken. Für viele Menschen, nicht nur in Großbritannien wohlgemerkt, sind diese und ähnliche Bilder zu „wirklichen Wesen“ geworden, die ihre Wahrnehmung der Realität geprägt haben.

Verkehrte Welt

Debord schreibt: „In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen“ (9). Dieser Satz beschreibt das Gefühl, das ich an diesem Tag und zwischen all diesen Leuten habe. Egal, wie man zur EU steht und ob man den Brexit nun für richtig oder falsch hält: Sollte der 31. Januar 2020 für die Brexiteers nicht ein Tag der Freude sein? Sie scheinen aber eher schadenfroh. Ich habe den Eindruck, viele feiern weniger ihren Sieg als vielmehr die Niederlage der Remoaners.

Und sollte hier nicht eine demokratische Revolution gefeiert werden? Die EU-Gegner*innen haben in dem ganzen politischen und gesellschaftlichen Gezerre der letzten Jahre schließlich immer wieder betont, dass das Referendum – der Ausdruck des politischen Willens der Bürger*innen – respektiert werden müsse. Für sich genommen klingt das doch richtig, das klingt wahr, wer wollte einer solchen Aussage schon widersprechen? Es fühlt sich aber nicht an wie ein Sieg der Demokratie. Dass dieses Referendum nicht bindend war, stößt dabei weniger auf. Dass die Vote Leave-Kampagne aber wohl gegen das Wahlrecht verstoßen hat und das Referendum nicht wiederholt werden musste, eben weil es rechtlich nicht bindend war, trübt den Eindruck gelebter Demokratie aber doch erheblich.

Am Tag nach meinen Erlebnissen denke ich, dass der Brexit Day sich wirklicher angefühlt hätte, wäre ich zu Hause geblieben und hätte ihn im Fernsehen verfolgt.


SUGGESTED CITATION  Dalkilic, Evin: Die vollendete Trennung, VerfBlog, 2020/2/01, https://verfassungsblog.de/die-vollendete-trennung/, DOI: 10.17176/20200201-225718-0.

6 Comments

  1. K.Anton So 2 Feb 2020 at 00:37 - Reply

    Remoaners?
    Dieser Beitrag trieft nur so von Haltung. Dass hier die Demokratie in der UK in Frage gestellt wird, disqualifiziert diesen Blog.

    • Rydberg So 2 Feb 2020 at 09:56 - Reply

      Falls Ihnen Prorogation ein Begriff ist, so müssten Sie eigentlich wissen, dass der gesamte Brexit-Prozess schon einige konstitutionelle Schranken von Großbritannien getestet hat und die Diskussion darum nicht einfach mit dem Brexit aufhört.

      „Dieser Beitrag trieft nur so von Haltung“

      Was soll dieser Satz Aussagen? Es ist ein persönlicher Bericht des Autors und Sie kritisieren, dass man seine wie auch immer geartete „Haltung“ dort rausliest? Und ein persönlicher Beitrag von einem Autor disqualifiziert einen ganzen Blog? Faszinierende Sichtweise

  2. Paul So 2 Feb 2020 at 16:22 - Reply

    „Am Tag nach meinen Erlebnissen denke ich, dass der Brexit Day sich wirklicher angefühlt hätte, wäre ich zu Hause geblieben und hätte ihn im Fernsehen verfolgt.“

    Ja, irgendwie fehlt einem die Einordnung und Deutung durch die Tagesschau.

  3. Sepp Mo 3 Feb 2020 at 15:57 - Reply

    Schlussendlich wurde der Brexit auf die gute alte repräsentative Art gelöst. Das heisst die Partei mit der klaren Message „Get Brexit Done“ hat eine absolute Mehrheit erhalten um den Brexit durchzusetzen. Fans der repräsentativen Demokratie können sich also schlecht beklagen.

  4. Andreas Martin Wagner Mo 3 Feb 2020 at 17:55 - Reply

    Nun ja, die Partei mit einer klaren populistischen Position hat mit Lügen und Halbwahrheiten einen Prozeß in Gang gesetzt, der nun umgesetzt wird.
    Dabei haben die Brexit-Anhänger immer darauf verwiesen, dass es kein zweites Referendum geben dürfe, weil das dem Volkswillen nicht entsprechen würde.
    Nur haben sie dabei unterschlagen, dass sie selbst mit diesem Brexit-Referendum ein vorheriges Referendum (aus dem letzten Jahrtausend) ignoriert haben.
    Fans einer repräsentativen Demokratie können sich über dieses Vorgehen schon beklagen…

    • Sepp Mo 3 Feb 2020 at 18:32 - Reply

      @Andreas Martin Wagner

      Lügen und Halbwahrheiten sind nun mal Teil des öffentlichen Diskurses. Über mangelnde Rede- oder Pressefreiheit kann man sich in dem Kontext nicht beklagen.

      Ich wage zu behaupten, bei den Remainers ging es beim zweiten Referendum nicht um Prinzipien der direkten Demokratie, sondern schlichtweg darum, das Resultat rückgängig zu machen. Wer die Systemfrage nicht stellt, muss akzeptieren, dass das Parlament entscheidet, ob es ein zweites Referendum gibt oder nicht. Labour hat mit dem Wahlversprechen nicht gewonnen.

      Das Referendum von 1975? Die EC von damals unterscheidet sich grundsätzlich von der heutigen EU. Das ist ein schlechtes Argument.

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