16 Dezember 2019

Liberalismus: Eine Grußkarte aus dem Roten Wien

1.

Stellen Sie sich vor, geneigt* Les*, Ihnen würde der Fauxpas unterlaufen sein, eine transsexuelle Person als „sehr geehrter Herr“ oder „sehr geehrte Frau“ angeschrieben zu haben. Wäre das nicht grausam von ihnen gewesen? Die innere Stimme ihres zeitgenössischen liberalen „Me“ erforschend werden Sie brav antworten wollen: ja, leider, denn immerhin wären Sie wie ein transphober Panzer über die Selbstdefinition einer diversen Person hinweggerollt. Sie hätten dieser Person ihren besonderen Platz in der sozialen Welt aberkannt. So respektlos darf niemand sein.

Und doch mögen Sie auch Zweifel befallen. „Grausam“ – das ist doch, wenn man nackte Menschen in Eiseskälte mit Wasser abspritzt und sie dann erfrieren lässt; wenn man Menschen ohne Narkose Organe herausschneidet, um herauszufinden, wie lange sie ohne diese überleben können; wenn man – „best practice“ in Belgisch-Kongo – unbotmäßige Arbeiter die Cichotte spüren lässt oder ihnen gleich eine Hand abhackt. Zwischen solchen Fällen und dem Ausgangsbeispiel besteht doch ein erheblicher Unterschied. Würde nicht, wer diesen Unterschied ignorierte, die Verreckten und die Verstümmelten verhöhnen? Wäre das nicht auch grausam?

Erstaunlicherweise lässt sich dem neuen Buch von Jan-Werner Müller Furcht und Freiheit: Für einen anderen Liberalismus eine konträre Idee entnehmen. Aus der Sicht dieses Werks könne a priori nicht ausgeschlossen werden, dass eine diverse Person, die binär codiert angesprochen werde, ebenfalls grausamer Behandlung unterliege. Evident könne es freilich nicht sein (88). Es komme darauf an. Worauf es ankomme, sei, denen, die als Opfer auftreten, zuzuhören (91, 120, 148). Es solle ihnen aufmerksam zugehört werden (95). Und wenn man mit dem Zuhören einmal fertig sei, würde jemand bestimmen, ob die Opfer wirklich Opfer grausamer Behandlung geworden seien. 

Wer würde das bestimmen? 

Die Vernunft würde das bestimmen (62). 

Gott sei Dank.

Der Liberalismus ergreift Partei für die Vernunft (75-76, 118). Wegen seines frühen Rücktritts von der Volkssouveränität ist er aber notorisch in Verlegenheit anzugeben, in welcher Gruppe oder Institution sich diese verkörpert. 

Yoda: Ein alter Hut das ist.

2.

Mit dem Fokus auf die Grausamkeit plädiert Müller für einen „anderen Liberalismus“. Weg mit dem einfach gestrickten Rechtsstaatsliberalismus Hayekscher Provenienz, denn der ist zu minimal ausgelegt und ein Komplize des laissez faire (39, 146); weg mit dem Selbstvervollkommnungsliberalismus eines John Stuart Mill, denn der spreche nur zu Strebern, wie Mill selbst einer gewesen sei (77, 83). 

Der gesuchte andere Liberalismus sei der Liberalismus der Furcht. Er sei, weil er Opfern eine Stimme gebe, ein „Liberalismus von unten“ (146).

Die Idee stammt von Judith Shklar (84-89). Demnach bedeutet die Freiheit, für die der Liberalismus steht, sich nicht vor Grausamkeit fürchten zu müssen (87-88). Im Hintergrund der Idee steht wohl Shklars durchaus persönliche Erfahrung mit totalitären Systemen (27).

Im Kontrast dazu entpuppt sich Müllers „anderer Liberalismus“ bei näherer Betrachtung als ein Palimpsest, als eine Überschreibung also. Den nur schlecht abgeschabten Hintergrund bildet die liberale Urschrift, auf der geschrieben steht: keine Entfernung von Menschen bei Nacht und Nebel, kein gesetzwidriger Zwang, keine Reduktion der Menschen auf mit Schlägen disziplinierte Sklaven. Darauf aufgetragen wird ein „postkategorialer“ Diskurs, der die Themen des Urliberalismus für weitere Erfahrungen des Ausgeliefertseins öffnet. Diese zweite Schicht speist sich, zumal der Schwerpunkt auf der Unterdrückung und Ausgrenzung von Minderheiten liegt, aus dem Schutz vor Diskriminierung, die von den Betroffenen als demütigend und erniedrigend erfahren wird (148).

Am Durchschimmern des alten Diskurses zeigt sich, dass Shklars Liberalismus der Frucht vor allem eine gute Paraphrase bekannter Vorstellungen bietet. Er offeriert eine alternative Ansicht der Idee, die sich bei Montesquieu schon findet. Freiheit sei Gemütsruhe, die man genieße, wenn man sich in der Zuversicht wiegen könne, keine Übergriffe befürchten zu müssen (Vom Geist der Gesetze XI. 6.). Umgekehrt hemme das „Gefühl des Ausgeliefertseins“ (93) die Freiheit.

Die von Shklar wohl bewusst in Kauf genommene Redundanz des Ansatzes missbehagt aber offenbar einem Autor, der auf der Suche nach einem „anderen“ Liberalismus ist. Daher konstruiert Müller eine Verknüpfung zwischen der Sensibilität für die Erfahrung von Grausamkeit und der Vermeidung ihres Auftretens durch die Garantie von Rechten (101, 107, 116, 120): „Rechte schützen den Einzelnen und eröffnen furchtfreie Räume“ (147). Soweit noch nichts Neues. „Originell“ sieht es erst aus, wenn die Erfahrung von Grausamkeit mit dem Ausschluss oder der Missachtung von Gruppen kurzgeschlossen wird. Sein solle vielmehr umgekehrt die „Gleichbehandlung und damit Freiheit von Furcht.“ (116). 

Der Liberalismus der Furcht verwandelt sich damit aber unter der Hand in einen Liberalismus der Inklusion. 

3.

Das Programm ist menschenfreundlich und wegen des offenen Ausgangs des Zuhörens auch unverbindlich. Dagegen kann man doch keine Einwände haben. Oder doch? 

Einen Versuch ist es wert.

Den Begriff der Grausamkeit ins Zentrum des Ansatzes zu rücken und dessen Bestimmung an ein das Leid nachfühlendes (27) Geschichtenerzählen zu delegieren, zeugt von einer gewissen Bequemlichkeit der Gedankenführung. Aus bloßen Geschichten folgt normativ nichts, wie Müller selbst weiß (92). Also hätte er die alte „Anstrengung des Begriffs“ auf sich nehmen müssen. 

Grausamkeit wirkt über den Körper und schaltet den Geist aus. Wer Geist hat, kann über seine Reaktionen entscheiden, indem er Gründe erwägt. Wer gefoltert wird, muss schreien. Wer ausgepeitscht wird, ist bloß eine Kreatur. Aufschreiend und weinend verlieren die Opfer die Aura ihrer Würde. Die Täter haben ihren Spaß daran. Grausamkeit reduziert die Menschen aufs Natürliche. Sie führt ihnen vor, wie sehr sie trotz allen Geistes im Organischen verwurzelt sind. Zur Demonstration hackt man ihnen ein Glied ab oder lässt sie verdursten. Die „seelische“ Grausamkeit dehnt die Erfahrung von genussvoll zugefügter überwältigender Pein bloß auf psychische Eindrücke aus.

Diskriminierungen sind zweifelsfrei demütigend. Die Afro-Amerikaner mussten im Bus hinten sitzen. Das war erniedrigend. Aber grausam war es nicht. Grausam war, was den Kongolesen unter Leopold II. angetan wurde. Eine Demütigung lässt den Geist intakt und setzt ihn sogar voraus. Sie mutet ihren Opfern zu, Regeln zu beachten, deren Befolgung signalisiert, dass sie Menschen zweiter Klasse sind. Aber sie können immerhin noch handeln. Auch schlimme Regeln machen eine Autorität berechenbar. Das Entsetzliche an grausamen Verhältnissen ist ja auch, dass man nie wissen kann, wann und wie die Grausamkeit zuschlagen wird. Deswegen traut sich niemand mehr frei zu atmen. Alle gehen beklommen in Deckung. 

Um diese Erfahrung geht es im „Liberalismus der Furcht“.

4.

Müller dehnt diesen Liberalismus zum Inklusionsliberalismus aus und verschiebt damit den Fokus von der Furcht vor entsetzlichen Qualen auf die Furcht, nicht gleich viel wie die anderen zu gelten und deswegen erniedrigt zu werden (109, 112, 138). Das ist natürlich auch „liberal“. Letztlich muss es im Liberalismus um die Freiheit gehen, das, was man als das eigene Sosein versteht, auszuleben, ohne benachteiligt zu werden. Aber das ist kein „anderer“ Liberalismus (oder es ist ein „anderer“ nur insofern, als es sich gerade nicht um den Liberalismus der Furcht vor Grausamkeit handelt). 

Müllers „anderer“ Liberalismus ist sogar ein alter Bekannter. Er hat uns seit gut vierzig Jahren im Gefolge der ideologischen Demontage der Sozialdemokratie begleitet. Der Inklusionsliberalismus hat den sozialen Liberalismus utilitaristischer oder Rawlsscher Provenienz verdrängt. Wie Nachtwey zurecht hervorgehoben hat, entfällt in seinem Kontext – wie bei Müller auch – die vertikale Dimension der Emanzipation. An den sozialen Statushierarchien und Klassengegensätzen ändert sich nichts mehr. Bloß auf der horizontalen Ebene – der gleichberechtigten Mitwirkung auf den Ebenen der Hierarchien – wird die Diskriminierung abgebaut: „Lean In“, „Glass Ceiling“ etc. Zwar hat sich die Statuskonkurrenz „ethnisiert“ und „feminisiert“, aber das „Oben“ wird freudig bejaht, während die Sozialleitungen gekürzt werden. Der Inklusionsliberalismus ist kein Liberalismus „von unten“.  

Einen solchen kann es wahrscheinlich nicht geben. Denn der Liberalismus ist das Credo der Aktiven, der Macher, der Gründer und der Sich-Selbst-Neuerfinder. Die Agilen werden sich im Rahmen einer postkategorial und also offen gedachten Antidiskriminierungsagenda Gehör verschaffen können. Sie werden laut aufschreien, trommeln, ein Getöse veranstalten und sich Respekt verschaffen. Die Überwindung der sexuell binär codierten Anrede muss erkämpft werden (und ist teilweise schon erkämpft worden). In diesem Kampf werden die Kämpfenden sich selbst finden. Seit Wilhelm von Humboldt ist der Liberalismus in diese Idee geradezu vernarrt gewesen. Die Menschen, die in Ruhe gelassen werden und nicht weiter hervorstechen wollen, kommen im liberalen Universum nicht vor. Sie arbeiten als Dienstboten oder liefern Pakete aus. 

Gegen einen dem Diskriminierungsschutz und der Inklusion verpflichteten Liberalismus lässt sich daher einwenden, dass er auf die Dekommodifizierung vergisst. Das Leben bleibt bestimmt vom Kampf um Marktmacht und Ressourcen. Darüber hinaus ist er zutiefst aporetisch. Denn wenn die Opfer nicht den von ihnen erwünschten Status zuerkannt bekommen, werden sie sich als Opfer zweiter Ordnung verstehen. Dieser Opferstatus, aus dessen Sicht alles Liberale ohnedies als snobistisch gilt, ist das „gefährliche Supplement“ (Derrida) des Inklusionsliberalismus. Aus ihm gebiert sich das Gespenst des elitenfeindlichen Populismus, den er so artig abwehrt. 

Müller will den Populisten dezidiert vorschreiben, was man sagen kann und was nicht. Der gezielt geplante „große Austausch“ lasse sich nicht behaupten (104). Was bedeutet das? Muss man die Behauptung verbieten? Vom Streberliberalen (77, 83) Mill können wir lernen, dass die dumme Rede, auf die keine Widerrede folgt, im Untergrund immer mächtiger wird. Besser raus damit und sie als Unsinn entlarven. 

Oder trauen wir uns das schon nicht mehr zu?

5.

Womit abschließend bloß noch zu erörtern bleibt, wieso der alte Wein in alte Schläuche gegossen wird. 

Wie ein basso continuo durchzieht das Buch ein Rechtfertigungsversuch (106). Nicht der Hochmut der liberalen Bildungseliten sei schuld am Aufstieg des Populismus, sondern … der Populismus selbst. Die Identitätspolitik sei keine Erfindung der Linken (111) und die Kontrastierung von sozialer Gerechtigkeit und Identitätspolitik sowieso „falsch“. Erfolgreiche Kämpfe um Gerechtigkeit seien immer auch „identitätspolitisch“ angelegt gewesen. Auch die Sozialdemokraten des Roten Wien hätten mit der Schaffung einer Arbeiterkultur die Arbeiterklasse identitätspolitisch aufgewertet (116). 

Aber das stimmt natürlich nicht. Im Wien der Zwischenkriegszeit ging es um etwas anderes als um die Etablierung einer Alternativkultur zu Vermehrung der Vielfalt der Situationen. Das Proletariat wurde als ausersehen erachtet, als letzte Klasse die neue universelle Lebensform aus sich zu gebären. Das war ein Horror für Liberale, denn immerhin ging es um nichts weniger als die Schaffung von „neuen Menschen“. Aber das war keineswegs Ausdruck von Identitätspolitik. Inklusionsliberale mögen sich auf Vieles berufen können – etwa auf Giddens und Blair – aber nicht auf das Rote Wien. 

Das Resultat von Gleichbehandlung kann nur so gut sein wie ihr Maßstab. Die Gerechtigkeit kommt zuerst, die Gleichbehandlung danach. Ob der Inklusionsliberalismus darauf vergessen hat? Jedenfalls wird der Liberalismus, solange er darauf vergisst, gegen sein „gefährliches Supplement“ – den Populismus – wohl kaum ankommen können.


SUGGESTED CITATION  Somek, Alexander: Liberalismus: Eine Grußkarte aus dem Roten Wien, VerfBlog, 2019/12/16, https://verfassungsblog.de/liberalismus-eine-grusskarte-aus-dem-roten-wien/, DOI: 10.17176/20191217-060447-0.

5 Comments

  1. Juliana Di 17 Dez 2019 at 00:16 - Reply

    Es geht für Trans Personen nicht darum, einen „besonderen Platz in der sozialen Welt“ zu beanspruchen. Auch nicht für non binäre trans Personen, die hier wohl ausschließlich gemeint sein müssen? Denn mich als „Sehr geehrte Frau…“ anzuschreiben ist vollkommen richtig. Es gibt in Deutschland eine merkwürdige Tendenz, alle trans Personen als Angehörige eines dritten Geschlechts darzustellen. Das ist falsch und ignorant.

    Ferner: Das Transsexuellengesetz wird hier nicht erwähnt. In diesem wird trans Personen das verfassungsmäßige Recht auf Selbstbestimmung entzogen. Ihre Geschlechtszugehörigkeit wird durch psychiatrische Gutachten und Gerichtsverfahren von außen entschieden! Haben Sie das… einfach übersehen? Wir werden systemisch diskriminiert, nicht nur durch respektlose Individuen. Indem Sie das ignorieren, legen Sie recht gut offen, warum im Liberalismus kein Platz für uns ist. Danke dafür!

  2. Juliana Di 17 Dez 2019 at 11:31 - Reply

    Nach dem emotional geladenen Kommentar von gestern, für dessen den Autor als Person anklagenden Charakter ich mich entschuldige, hier jetzt ein sachlicherer Kommentar. Er hat trotzdem nur den Anspruch auf genaue Benutzung juristischer Begriffe , den meine Laienhaftigkeit zulässt:

    Die allgemeine Ignoranz gegenüber dem Thema trans in der Öffentlichkeit in allen Bildungsschichten und allen Berufen, auch unter den uns zwangsweise begutachtenden Psychiatern ist so gewaltig, dass ein besonderes Verantwortungsbewusstsein an den Tag gelegt werden muss, wenn Aspekte unserer Lebensrealität als argumentative Aufhänger benutzt werden. Diesem Umstand wird im vorliegenden Text in folgenden Aspekten nicht Rechnung getragen:

    1.) Es wird als Fauxpas bezeichnet, transsexuelle Personen mit einer der beiden sich auf die Geschlechter Mann und Frau beziehenden Anreden zu adressieren. Viele transsexuelle Personen, wie z.B. ich, haben aber eine klare Geschlechtszugehörigkeit zu einem dieser beiden Geschlechter. Insofern wäre eine der beiden Anreden (die männliche) falsch für mich, die weibliche aber genau so korrekt wie für eine cis Frau.
    2.) Es wird von einem „besonderen Platz in der sozialen Welt“ gesprochen. Dieser wird von trans Personen, auch von nonbinären Personen in keinster Weise eingefordert. Dementsprechend wird er, wenn misgendering geschieht, nicht aberkannt. Was tatsächlich passiert, wenn eine trans Person misgendered wird, ist dass ihr ihr Geschlecht entzogen wird, da cis Menschen de facto die Deutungshoheit über Geschlecht innehaben. Was konkret heißt, dass allgemein davon ausgegangen werden kann, dass die Mehrheit der cis Personen, in den meisten real in dieser Gesellschaft auftretetenden Situationen, ohne Weiteres überzeugt werden können, die Geschlechtszugehörigkeit einer trans Person sei illegitim. „Herauszustechen“ ist nicht das Ziel von trans Personen. Im Gegenteil. Die meisten von uns wollen weitgehend untertauchen. Auch trans Aktivismus kein ein Schrei nach Anerkennung unserer Besonderheit. Es ist ein Schrei nach Anerkennung unserer Menschlichkeit.
    3.) Es gibt durchaus Situationen, in denen misgendering die Bedingungen für seelische Grausamkeit erfüllt. Sagen wir mal dieses migendering geschehe täglich am Arbeitsplatz einer trans Person. Nehmen wir ferner an, dieses misgendering werde körperlich begründet. Nehmen wir dafür das Beispiel einer trans Frau mit starker Bartbehaarung, der Tag für Tag vorgehalten wird, sie könnte in Anbetracht der auch mit viel Makeup sichtbaren Bartstoppeln keine Frau sein. Ohne Weiteres kann angenommen werden, dass die Täter Spaß daran haben, dieses Mobbing durchzuführen und dieser Spaß im psychichen Schmerz der trans Pereson begründet ist. Hier kommen dann auch Aspekte der physischen Grausamkeit ins Spiel. Die meisten trans Personen stehen ihrer als Abweichnung von ihrem tatsächlichen Geschlecht wahrgenommenen körperlichen Eigenschaften mit starker Abscheu gegenüber. Daran zusätzlich zur inneren Realität andauernd von Außen erinnert zu werden, kann physische Schmerzen und ernsthafte psychosomatische Beschwerden verursachen. Mir ist bewusst, dass im Text ein versehentliches Misgendering gemeint ist. Das ist in der Tat keine Grausamkeit. Trotzdem wäre es wichtig, absichtliches Misgendering in Sytemen wie dem Arbeitsplatz, aus denen es keinen Ausweg ohne Existenzgefährdung gibt, ebenfalls zu berücksichtigen. Gesetzlich beorderte Zwangsbegutachtungen von trans Personen bergen ebenfalls zumindest das Potenzial dieser Grausamkeit in sich. Es gibt Psychiater*innen, die davon ausgehen, Transsexualität sei in jeglicher Hinsicht pathologisch und die Anerkennung von trans Menschen als ihr tasächliches Geschlecht sei Teil einer „politisch korrekten Agenda“. Wenn ein Mensch , dem die tiefsten körperlichen und psychischen Realitäten und evtl Traumata einer trans Person mitgeteilt wurden, diese Person anschließend konstant misgendered, (ja, es passiert) so ist es nicht abwegig, diesem Menschen einen grausamen Spaß am Leiden seines Opfers vorzuwerfen.

  3. Juliana Di 17 Dez 2019 at 11:35 - Reply

    *Korrektur bzgl. Punkt 2: Auch trans Aktivismus ist kein Schrei nach Anerkennung unserer Besonderheit. Es ist ein Schrei nach Anerkennung unserer Menschlichkeit.

  4. Alexander Somek Di 17 Dez 2019 at 18:05 - Reply

    Sehr geehrte Juliana, es tut mir leid, wenn Sie mein Beispiel verärgert hat. Ich bin stur der Vorgabe meiner Universität gefolgt und habe hypothetisch die Anrede gewählt, die für Transpersonen dort vorgeschlagen wird. Dass Sie persönlich mit beiden traditionellen Geschlechtern kein Problem haben, vereinfacht den Sachverhalt. Auch habe ich das Beispiel nur deswegen gewählt, um das Problem aufzuwerfen, was eine „Grausamkeit“ von demütigenden Akten oder Repektlosigkeit unterscheidet. Meines Erachtens wird diese Unterschied in dem besprochenen Werk vermischt. Darauf lag das Schwergewicht. Beste Grüße, Alexander Somek

    • Juliana Mi 18 Dez 2019 at 07:15 - Reply

      Sehr geehrter Herr Somek,

      danke für Ihre Antwort. Ich fühle mich mit der Anrede Frau wohl, da ich eine Frau bin. Meiner Erfahrung nach sind auch die meisten trans Personen binär, d.h. einem der Geschlechter Mann und Frau zugehörig, nur halt nicht dem, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. „Herauszustechen“ heißt für uns in vielen Fällen auf dem Arbeitsmarkt als uneinstellbar zu gelten und uns massiver alltäglicher Diskriminierung bis hin zu Morddrohungen und Gewalt auszusetzen. Ich bin äußerst froh, in dieser Hinsicht nicht „herauszustechen“.
      Falls Sie an weiteren Faktoren unserer sozialen und ökonomischen Marginalisierung interessiert sind, kann ich Ihnen meinen Youtube Kanal ans Herz legen:
      https://youtu.be/TVvoyq0FeaA

      Mit freundlichen Grüßen aus Berlin
      Juliana Franke

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