21 January 2020

Zur Korrektur­dauer von Doktor­arbeiten: ein Appell an die Dekane der rechts­wissen­schaftlichen Fakultäten in Deutschland

Die meisten rechtswissenschaftlichen Doktorarbeiten werden binnen weniger Monate korrigiert. Es ist aber ein nicht zu ignorierender Missstand, dass manche Promotionskandidatinnen und -kandidaten weit über ein Jahr, teilweise über zwei Jahre auf die Korrektur ihrer Arbeit warten müssen. Das trifft junge Menschen, die sich über mehrere Jahre hinweg einer wissenschaftlichen Arbeit gewidmet haben und dann nicht nur in ihrem weiteren Karriereweg erheblich aufgehalten werden, sondern sich dadurch oftmals in einer Lage existentieller Unsicherheit finden. Zugleich sind übermäßig lange Korrekturzeiten nicht nur individuell ungerecht, sondern haben auch Auswirkungen auf die Wissenschaftslandschaft als Ganze. Selten hat man es mit einem Problem zu tun, gegen das so leicht Abhilfe zu schaffen wäre. Deshalb richtet sich dieser Appell an die Dekane und Dekaninnen der rechtswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland mit der Bitte zu handeln. Dass die Korrektur von Doktorarbeiten länger als sechs Monate dauert, lässt sich nicht rechtfertigen – es ist Aufgabe der Dekanate, für Strukturen zu sorgen, die dies verhindern und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schützen.

Die Dimension des Problems

Es bedarf kaum einer Erklärung, welch entscheidender Moment die Phase nach der Abgabe der Doktorarbeit ist. Mehrere Jahre Arbeit sind in ein Manuskript geflossen, mit der Abgabe hat der Promovierende den wesentlichen Teil seinerseits geleistet, es steht noch die Disputation aus. Was bedeutet es nun, wenn nach der Abgabe ein Jahr, zwei Jahre vergehen – und die Kandidatin wartet noch immer auf die Korrektur?

Selbst für diejenigen, die sicher sind, nicht in der Wissenschaft bleiben zu wollen, ist ein langes Warten auf die Korrektur ein großer und ungerechter Nachteil. Niemand widmet sich jahrelang einer Doktorarbeit ohne ein Interesse daran, dann auch tatsächlich nach einiger Zeit den Doktortitel zu erhalten. Oft wirkt sich der Titel auf Berufschancen und -wege aus. Besonders erheblich aber ist eine überlange Korrekturdauer für die Wissenschaft. Erstens entscheiden die meisten nach der Doktorarbeit, ob sie eine wissenschaftliche Laufbahn verfolgen oder nicht. Das Ende der Doktorarbeit ist der Zeitpunkt und das Ergebnis der Doktorarbeit ein erheblicher Faktor in dieser Entscheidung. Ohne abgeschlossene Korrektur ist es schwer überhaupt zu wählen, ob eine weitere wissenschaftliche Arbeit in Frage kommt, schließlich kennt man das Ergebnis dieses ersten großen Projektes nicht. Zweitens ist es in vielen Fällen schlicht unmöglich, sich auf Postdoc-Stellen zu bewerben, wenn die Bewertung der Doktorarbeit noch aussteht. Drittens schadet eine verzögerte Korrektur einem jungen Wissenschaftler nicht nur in Bezug auf die nächste Stelle, sondern in Bezug auf das gesamte Auftreten in der Wissenschaftswelt. Es macht einen Unterschied, mit oder ohne Doktortitel auf Konferenzen vorzutragen, sich um Publikationen zu bemühen oder Anträge zu stellen. Kurzum, die Chance ist groß, dass diejenigen, die ungebührlich lange auf die Korrektur warten müssen, sich gegen eine weitere wissenschaftliche Laufbahn entscheiden – unabhängig vom letztlichen Erfolg ihrer Arbeit. Zusätzlich bedeutet ein langes Warten auf die Korrektur für jede Arbeit mit aktuellen Bezügen, der Regelfall in der Rechtswissenschaft, dass vor der verlangten Veröffentlichung vieles umgeschrieben werden muss. Auch das gilt unabhängig vom späteren Berufsweg, ist aber für diejenigen, die eine wissenschaftliche Laufbahn mit relevanten Veröffentlichungen anstreben, erheblicher.

Ein Faktor für Diversität in der Wissenschaft

Zuvorderst sind lange Korrekturdauern also schlicht eine ungerechte Behandlung. Man sollte aber nicht unterschätzen, welche Bedeutung der Missstand von langen Korrekturdauern auch für die Diversität in der Wissenschaft hat. Ein Hindernis in dieser entscheidenden Phase wirkt sich auf die Karriereentscheidung von Personen je nach Hintergrund und Umständen unterschiedlich aus. Dabei handelt es sich um komplexe Faktoren, nur so viel: Die Lebensplanung von Frauen ist in den Jahren zwischen Ende 20 und Anfang 40 tendenziell stärker als die von Männern durch Zeitdruck geprägt. Zwei Jahre in Warteschleife gehalten zu werden, wird also Frauen zu noch größerem Anteil als Männer davon abhalten, eine weitere wissenschaftliche Laufbahn zu verfolgen. Neben Geschlecht wirken sich auch sozialer Hintergrund und finanzielle Absicherung darauf aus, ob jemand trotz langen Wartens auf die Korrektur der Promotion einen wissenschaftlichen Karriereweg verfolgt. „Bin ich überhaupt annähernd geeignet, Professor zu werden?“ – kaum ein Nachwuchswissenschaftler oder eine Nachwuchswissenschaftlerin wird solche Zweifel nicht haben. Aber je höher die Hürden, desto mehr kann das durch Elternhaus und soziale Herkunft geprägte Selbstverständnis Lebenswege beeinflussen. Nicht minder ist es die schnöde Frage finanzieller Sicherheit: Die Arbeit in der Wissenschaft insgesamt bedeutet nicht selten lange Jahre relativer ökonomischer Unsicherheit, doch gerade in Übergangsphasen fehlt oft schlicht die Finanzierung. Das Promotionsstipendium endet, die Doktorandenstelle läuft aus – und so suchen diejenigen, die zwei Jahre auf die Korrektur ihrer Doktorarbeit warten, eine Stelle. Ob dies eine wissenschaftliche Stelle ist, ob sie vielleicht in der Zwischenzeit einen LL.M. erwerben, ob sie anschließend in die Wissenschaft zurückkehren – für all das spielen die finanziellen Möglichkeiten und Netze eine große Rolle.

In den vergangenen Jahren ist erfreulicherweise das Bewusstsein für fehlende Diversität in der rechtswissenschaftlichen ProfessorInnenschaft enorm gewachsen. Auch vor diesem Hintergrund muss besser gegen überlange Korrekturdauer von Doktorarbeiten vorgegangen werden, denn es verstärkt Nachteile beim Zugang zu einer wissenschaftlichen Laufbahn.  

Die einfache Möglichkeit der Abhilfe 

Lange Korrekturdauern für Doktorarbeiten sind ein Gerechtigkeitsproblem. Sie bringen junge Menschen teilweise in existenziell schwierige Lagen, weil der weitere Berufsweg in der Schwebe hängt. Sie halten Personen unter Umständen von einer wissenschaftlichen Karriere ab und verstärken Faktoren der Ungleichheit im Zugang zur Postdoc-Phase. Dem stehen keine guten Gründe für lange Korrekturdauern gegenüber. Eine Doktorarbeit zu lesen dauert gleich lang, ob es nun einen Monat nach Abgabe oder 24 Monate nach Abgabe passiert. Es ist von einem Professor oder einer Professorin zu verlangen, dass sie oder er nur so viele DoktorandInnen annimmt, dass eine Korrektur innerhalb einer angemessenen Zeit möglich ist. Ein Zeitraum von sechs Monaten beispielsweise muss es erlauben, selbst wenn einmal mehrere Arbeiten gleichzeitig abgegeben werden alle sorgfältig zu begutachten.

Bislang wurde zu wenig und zu unentschlossen gegen dieses Problem vorgegangen. Ein Grund dafür liegt sicherlich in den strukturellen Abhängigkeiten von NachwuchswissenschaftlerInnen. Sich individuell gegen eine überlange Korrekturdauer zu Wehr zu setzen, ist schwer: Während des Wartens auf die Korrektur ohnehin, hofft doch die Kandidatin auf wohlwollende Bewertung und auf keine weitere Verzögerung. Doch auch nachdem die Arbeit schließlich begutachtet und verteidigt ist, sind Nachwuchswissenschaftler oftmals weiter von ihren BetreuerInnen abhängig, für Referenzschreiben und dergleichen. Auch innerhalb der ProfessorInnenschaft gibt es wenig Anreize, das Problem zu bearbeiten: Die Korrekturdauer ist selten überhaupt klar ersichtlich, und wer redet schon gern einem Kollegen in dessen Angelegenheiten rein? Spricht man mit KollegInnen in der Wissenschaft, scheint das Phänomen extrem langer Korrekturdauern zugleich allgemein bekannt. Es ist an der Zeit, durch institutionelle Strukturen entschieden Abhilfe zu schaffen. Es gibt vereinzelt Ansätze in Promotionsordnungen, dagegen anzugehen. Doch ganz offensichtlich sind die bestehenden Regelungen vielerorts nicht ausreichend. Denkbar ist beispielsweise ein System, bei dem die offizielle Abgabe und der Zeitpunkt des Gutachtens auf Fakultätsebene registriert werden. Letztlich können kleine institutionelle Reformen hoffentlich auch dazu beitragen, dass sich ein Bewusstsein etabliert, dass es schlichtweg unerträglich ist, eine Doktorandin oder einen Doktoranden zwei Jahre auf die Korrektur der Doktorarbeit warten zu lassen.

Eine Aufforderung zum Handeln

An dieser Stelle sei all denjenigen Professorinnen und Professoren gedankt, die Doktorarbeiten zügig korrigieren. Und es sei betont: Das sind die allermeisten! Dennoch ist das Problem zu groß, um es zu ignorieren. Inwiefern bestehende Strukturen in den Fakultäten bereits ausreichend sind und lediglich besser durchgesetzt werden müssen, inwiefern Änderungen notwendig sind und wie diese aussehen können – all das können Sie, sehr geehrte Dekane und Dekaninnen, besser beurteilen. Doch bitte übersehen Sie dabei nicht die Abhängigkeit und Prekarität vieler junger WissenschaftlerInnen und werden Sie ihrer Verantwortung gerecht, angesichts dieses Missstands zu handeln. Es sind einzelne Fälle, aber diese haben massive Auswirkungen für die Lebenswege junger Menschen und für unsere Wissenschaftslandschaft als Ganze.

Wenn Sie diesen Aufruf unterstützen, bringen Sie das gern mit Ihrem Namen in einem Kommentar zum Ausdruck.


SUGGESTED CITATION  Schmalz, Dana: Zur Korrektur­dauer von Doktor­arbeiten: ein Appell an die Dekane der rechts­wissen­schaftlichen Fakultäten in Deutschland, VerfBlog, 2020/1/21, https://verfassungsblog.de/zur-korrekturdauer-von-doktorarbeiten-ein-appell-an-die-dekane-der-rechtswissenschaftlichen-fakultaeten-in-deutschland/, DOI: 10.17176/20200121-181928-0.

56 Comments

  1. Dr. Monika Ende Tue 21 Jan 2020 at 12:42 - Reply

    Danke, für diese offenen Worte. Aber der Zeitfaktor ist nur ein Problem in einem System, das sich treffend mit : „… und wer redet einem Kollegen schon gerne in dessen Angelegenheiten rein?“ beschreiben lässt.
    Solange Promotionen die Angelegenheit einzelner Professoren in ihrer Weisheit, Zeitnot, Hybris, Destruktion, unangemessene Abgabe an Assistenten, etc. sind, wird sich daran nichts ändern.
    Ich plädiere daher für ein law Department System, das in seiner Gesamtheit die Verantwortung für wissenschaftliche Arbeiten übernimmt.

    • Dr. Bambul Gaumann Tue 21 Jan 2020 at 13:45 - Reply

      “(… ) einzelner Professoren in ihrer Weisheit, Zeitnot, Hybris, Destruktion, unangemessene Abgabe an Assistenten, etc.(…)”

      Lässt sich da ein Fünkchen Verbitterung aus den Erfahrungen der eigenen Promotionszeit heraushören?

    • Eva Klages Tue 21 Jan 2020 at 15:04 - Reply

      @Monika Ende

      Können Sie Ihre Erfahrungen erläutern? Es würde mich interessieren insbesondere in punkto Destruktion, Hybris und unangemessen Abgabe an Assistenten.

    • Maja Tue 21 Jan 2020 at 15:38 - Reply

      Mich würden Ihre Erfahrungen in den genannten Punkten (insbesondere in Bezug auf weibliche Doktoranden) auch sehr interessieren – gerade, weil ich selbst überlege, ob für mich eine Promotion in Frage kommt.

  2. Der Beitrag legt zurecht den Finger in die Wunde. Allerdings darf auch nicht übersehen werden, dass es mitunter auch so zugeht: mehrere Doktoranden lassen einen jahrelang auf die Abgabe ihrer Arbeiten warten, dann geben mehrere gegen Ende der Semesterferien, während man noch mit der zeitkritischen Korrektur von 100 Staatsexamensaufgaben gebunden ist, ihre Arbeiten ab. Dann beginnt ein Semester, das womöglich schon recht dicht geplant ist: Überlast in der Lehre, Gremienaufgaben (z.B. Berufungsausschüsse), lange geplante Tagungen usw. usw. Da ist die gute Arbeitswoche, die die Korrektur einer Dissertation seriös mindestens dauert, vor den nächsten Semesterferien kaum aus dem Kalender zu schneiden. Dann kommen noch andere Doktoranden hinzu, die ihre laufenden Arbeiten oder Vorentwürfe begutachtet haben wollen (mitunter auch ganz dringend, weil z.B. eine Postdoc-Stelle winkt, oder sonst irgendetwas anliegt, wofür man wissen muss, ob die Arbeit so geht, z.B. Eintritt ins Referendariat. Kurzum: die abgegebenen Doktorarbeiten sind mitunter das, was am ehesten warten kann (und muss). Dass man dabei immer den Einzelfall betrachten muss, z.B. ob die Doktoranden längst beruflich gebunden sind etc. versteht sich eigentlich von selbst. Bitte nicht falsch verstehen: ich will hier kein Problem klein reden. Aber auch wenn man sich redlich bemüht, lassen sich die Erwartungen an eine Korrektur im Rahmen der vorgesehenen Fristen, die oft nur drei oder vier Monate umfassen (also ungünstigenfalls genau die Semesterzeit), nicht einhalten, ES SEI DENN: man nimmt einfach viel weniger Doktoranden (was die abgelehnten Bewerber auch nicht wollen) oder vereinbart (wie früher wohl Klaus Vogel in München) vorab über eineinhalb, zwei Jahre einen festen Abgabetermin, nach dem dann eben drei Tage im Kalender geblockt werden. Dann müssen sich die Kandidaten da aber auch daran halten.