15 June 2026

Die Waffen des Silicon Valley

Eine Kritik an Alex Karps Manifest der digitalen Gewalt

Alex Karp, CEO des Datenanalyse- und Überwachungskonzerns Palantir, hat mit seinem 22-Punkte-Manifest, das auf sein Buch The Technological Republic zurückgeht, weit mehr vorgelegt als das weltanschauliche Bekenntnis eines exzentrischen Tech-Visionärs. Es ist der rhetorische Unterbau einer beispiellosen Verquickung von Big Tech, militärischer Aufrüstung und Staatsräson – und zugleich ein geschicktes Marketingdokument, das die geschäftlichen Interessen des Unternehmens und seiner Gründer in den Rang einer moralischen Mission hebt.

Der Börsenerfolg verschafft Karp eine mächtige Bühne. Palantir profitiert seit Jahren von Phasen geopolitischer Unsicherheit, steigenden Verteidigungsausgaben und dem Boom der Rüstungs- und Überwachungstechnologien. Ganz im Dienst seines Herrn und Förderers Peter Thiel, Meister der aggressiven Zuspitzungen – die Vereinten Nationen und Greta Thunberg bezeichnete er als Antichrist” – formuliert auch Karp seine Thesen mit maximalem Sendungsbewusstsein. Sie verleihen dem Manifest einen fast schon programmatischen Charakter für eine neue, gefährliche Symbiose aus militaristischem Staat und Tech-Kapital.

Im Manifest verdichten sich missionarischer Eifer, Machtfantasie und ökonomische Eigeninteressen zu einer politischen Erzählung, die nach kritischer Dekonstruktion verlangt. Denn was Karp als moralische Selbstverpflichtung des Silicon Valley verkauft, ist in Wahrheit der PR-gestützte Versuch, aus der Logik der permanenten Bedrohung ein dauerhaft profitables Geschäftsmodell zu zementieren – auf Kosten von demokratischer Kontrolle, Menschenwürde, Freiheit und ziviler Technikethik.

Die moralische Schuld des Silicon Valley

„Silicon Valley owes a moral debt to the country that made its rise possible“ – schon der erste Satz setzt den Ton. Die Ingenieurselite schulde dem Land, das ihren Aufstieg ermöglicht habe, etwas. Das klingt nach Dankbarkeit und Dienst an der Nation, doch bei genauerem Hinsehen verschiebt es geschickt die Bedeutung von politischer Verantwortung. Nicht der Schutz von Bürgerrechten oder die Eindämmung digitaler Monopole ist gemeint; die Schuld soll durch die „affirmative obligation to participate in the defense of the nation“ beglichen werden. Was wie eine republikanische Tugend klingt, ist in Wirklichkeit ein Aufruf, das gesamte innovative Potenzial des Silicon Valley in den Dienst der Sicherheitsapparate zu stellen – und das zu einer Zeit, in der Palantir selbst massiv von Aufträgen des US-Verteidigungsministeriums, der CIA und der gewalttätigen Einwanderungsbehörde ICE profitiert. Die Börse honoriert solche Kriegs- und Überwachungsaufträge mit Kursgewinnen; der angeblich moralische Imperativ, den Karp formuliert, ist also zugleich eine profitable Investorenstory.

Vom Consumer-Kapitalismus zum Überwachungskapitalismus

Besonders aufschlussreich ist Karps rebellische Polemik gegen die angebliche „Tyrannei der Apps“. Provokativ fragt er, ob das iPhone tatsächlich die größte kulturelle Errungenschaft unserer Zeit sei und stellt den gesamten zivilen Innovationspfad der letzten 15 Jahre unter Ideologieverdacht.

Natürlich ist der Markt für Verbraucher-Software gesättigt und die fetten Jahre unbegrenzten Wachstums im werbefinanzierten Silicon Valley sind vorbei. Also wird die Krise der Tech-Konzerne kurzerhand in eine moralische Krise der Zivilisation umgedeutet. Die Produkte, die das Valley einst groß machten, hätten uns von den „wirklich“ großen Aufgaben abgelenkt: dem Bau von Waffensystemen und künstlicher Intelligenz für das Schlachtfeld. Dass ausgerechnet Palantir mit Plattformen wie „Gotham“ und „Foundry“ daran arbeitet, solche KI-gestützten Kriegsinstrumente an Regierungen zu verkaufen, ist kein Zufall. Kampf gegen die App-Tyrannei meint letztlich: Weg mit dem Consumer-Kapitalismus, hin zum militärisch-industriellen Überwachungskapitalismus. Das iPhone als Sündenbock – eine geschickte Finte, um die eigene Unersättlichkeit in Staatsaufträgen zu bemänteln.

Die Verachtung demokratischer Technikdebatten

Karp bedient konsequent den Topos der gesellschaftlichen Dekadenz: Kostenlose E-Mail-Dienste seien nicht genug, eine Kultur legitimiere sich erst durch Wachstum und Sicherheit. Diese Rhetorik spaltet die Tech-Welt in weiche „Spielzeugmacher“ und harte Verteidiger der Freiheit.

Palantir wird so zum Vorzeigeunternehmen stilisiert, das dem verweichlichten Silicon Valley erst wieder Sinn gibt. Kritik an dieser Mission wird hingegen als theatralische Debatte abgetan – ein Muster, das im Text mehrfach auftaucht: Wer bei KI-Waffen nicht bloß die Frage stellt, wer sie baut, sondern ob sie überhaupt gebaut werden sollten, wird als naiver Debattierer verhöhnt. Ethische Bedenken werden zur Gefahr für die nationale Sicherheit erklärt.

Das ist nicht nur intellektuell unredlich. Es ist auch die argumentative Bankrotterklärung eines Unternehmers, der eine Marktöffnung für vollautonome Waffensysteme braucht und jede Regulierung als Schwäche geißelt. Gleichzeitig sichert es die Marktstellung: Sobald die Logik der unausweichlichen KI-Aufrüstung akzeptiert wird, gibt es zu Palantir als Anbieter von Datenintegrations- und KI-Lösungen kaum noch Alternativen – das ist das eigentliche Versprechen an die Börse.

Sicherheit als Absatzmarkt

Die außenpolitische Agenda des Manifests ist nicht weniger radikal. Die Nachkriegsordnung müsse laut Karp rückgängig gemacht werden. Die pazifistische Orientierung Japans beschreibt er als Bedrohung für das Kräftegleichgewicht in Asien, Deutschland wiederum als Beispiel einer gefährlichen pazifistischen Überkorrektur zulasten Europas.

Man stutzt: Ein Tech-CEO, der nie in ein öffentliches Amt gewählt wurde, fordert nichts Geringeres als eine Remilitarisierung ehemaliger Achsenmächte. Dass diese Forderung ausgerechnet vom Chef eines Unternehmens kommt, das von höheren Rüstungsbudgets der NATO-Partner direkt profitiert, entlarvt den Zynismus. Sicherheit wird hier nicht als politischer Zustand gedacht, sondern als Absatzmarkt. Politische Kontakte zu transatlantischen Hardlinern und das Einspeisen solcher Thesen in den sicherheitspolitischen Diskurs sind Strategie: Mehr „Hard Power“ bedeutet mehr Kunden für Palantirs Plattformen.

Die Absage an zivile Kontrolle

Diese Logik setzt sich im gesellschaftspolitischen Teil fort. Die Forderung nach einer allgemeinen Dienstpflicht, weg von einer Berufsarmee, klingt zunächst egalitär: Jeder soll das Risiko teilen. In Karps Lesart wird daraus jedoch eine moralische Keule, um Kritik an Militäreinsätzen zu ersticken. Man könne über Angemessenheit von Auslandseinsätzen debattieren, aber sobald Soldaten im Feld stünden, müsse die Unterstützung unerschütterlich sein – und das schließe auch die Software ein, die sie nutzen.

Das ist eine direkte Absage an jede Form von Rüstungskritik sowie an demokratische oder zivilgesellschaftliche Kontrolle, verpackt in die Sorge um die Soldaten als Menschen (wo sie noch nicht durch autonome Kriegsroboter ersetzt wurden, an denen die Rüstungsindustrie bereits arbeitet). Doch es ist vor allem eine Garantieerklärung an seine Kunden: Palantir wird immer liefern, was der militärisch-industrielle Komplex bestellt. Die Börse liebt solche Planbarkeit.

Tech-Eliten als neue Staatsphilosophen

Bemerkenswert ist, wie Karp mit dem politischen Personal umspringt. Einerseits beklagt er die niedrige Bezahlung von Politikern und Beamten sowie die schonungslose Durchleuchtung ihres Privatlebens, die Talente aus der Politik fernhalte. Andererseits erklärt er die Intoleranz gegenüber religiösen Überzeugungen in Elitekreisen zum Skandal und ruft dazu auf, denen „mehr Gnade“ zu zeigen, die sich der Öffentlichkeit aussetzen.

Bei aller berechtigten Kritik an einer verrohten Debatte: Hier spricht nicht der neutrale Demokratiefreund. Karp schützt seine Geschäfte, indem er jenes politökologische Milieu verteidigt, in dem Palantir operiert. Und bereitet den Boden für kryptokatholische Propaganda à la Peter Thiel. Wenn Politiker mit unbefleckter Weste Mangelware werden, könnte das auch daran liegen, dass Unternehmen wie Palantir selbst an der Aushöhlung demokratischer Rechenschaftspflicht beteiligt sind, wenn sie Grenzschutzbehörden mit Software zur Massenüberwachung beliefern, ohne dass gewählte Parlamente ausreichend Einblick erhalten.

Wenn Karp bei all dem die „Psychologisierung der Politik“ und die Suche nach Seelennahrung im Politischen beklagt, dient das vor allem einem Zweck: Ablenkung. Sie delegitimiert gesellschaftliche Bewegungen, die moralische Ansprüche an Politik stellen – etwa in den Bereichen Bürgerrechte oder Kriegsdienstverweigerung – und stellt sie als narzisstische Selbstbespiegelung hin.

Elon Musk und die Heldenlegende des Silicon Valley

Am deutlichsten wird die Ideologie des Textes in der Eloge auf Elon Musk. Musk wird als grandioser Erzähler gefeiert, dessen Neugier und Schaffenskraft von einer hämischen Kultur erstickt werde. Karp verklärt einen Milliardär, der selbst massiv von Staatsaufträgen profitiert, zum Helden, der dem Marktversagen trotzt – eine typische Silicon-Valley-Ursprungslegende, die vergisst, dass SpaceX ohne NASA-Aufträge kaum überlebt hätte.

Das passt perfekt in die Erzählung, die der Text konsequent spinnt: Kühne Tech-Visionäre gegen verständnislose Eliten, mächtige Staaten gegen dekadente Pazifisten, tatkräftige Patrioten gegen zögerliche Bürokraten. In dieser Welt gibt es nur Freunde oder Feinde und der Sieg über den Gegner ist ein Moment des Innehaltens, nicht der Freude – was edel klingt, aber die aggressionslose Grundhaltung konterkariert, mit der Karp zuvor das gesamte Manifest bestückt hat. Im Grunde bereitet er auf den nächsten Konflikt vor, in dem Palantir wieder unverzichtbar sein wird.

Fortschritt als militärische Überlegenheit

Die Krönung des Textes ist der Satz: „No other country in the history of the world has advanced progressive values more than this one.“ Die USA, so Karp, böten mehr Aufstiegschancen für Nicht-Eliten als jede andere Nation. In diesem patriotischen Bekenntnis verdichtet sich die ganze Doppelmoral: Ein Überwachungskapitalist, der die Daten marginalisierter Migranten an Behörden verkauft, der Echtzeit-Überwachung für Polizeibehörden liefert, die von Bürgerrechtsorganisationen als diskriminierend kritisiert wird, reklamiert den Fortschritt exklusiv für sein Land. Die universalistischen Werte, von denen der Text anfangs spricht, schrumpfen auf partikulare Machtinteressen zusammen. Fortschritt heißt hier: die Fähigkeit, mit Software militärische Überlegenheit zu sichern.

Das epochemachende Ende des atomaren Zeitalters und der Anbruch einer neuen, auf KI gebauten Abschreckung werden als unvermeidliche Wende beschrieben. Wie passend, dass Palantir längst an den Systemen arbeitet, mit denen diese neue Ordnung orchestriert werden soll. Der Zynismus dieses historischen Determinismus ist atemberaubend: Kritik an KI-Waffen wird nicht etwa widerlegt, sondern in den Orkus des Rückständigen verbannt. Wer nicht mitzieht, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt – und verliert den Anschluss an die profitabelste Geschäftschance des Jahrhunderts.

Sicherheit als Geschäftsmodell

Was bleibt, ist ein Text, der als Manifest für einen neuen digitalen Militarismus gelesen werden muss, geschrieben vom obersten Verkäufer eines Konzerns, der seine Marktmacht ungeniert mit der Moral der Nation verwechselt.

Die hohen Aktienkurse und die Nähe zur Macht geben Karp nicht recht, sondern offenbaren die Gefahr: Wenn Tech-Milliardäre sich als Schicksalsdeuter der Nation aufspielen, wird Technologiepolitik zu einer Frage von Freund-Feind-Denken und Aktionärsrendite.

Die vermeintliche moralische Schuld des Silicon Valley gegenüber den USA entpuppt sich so als die Schuld, die Palantir uns allen aufbürden will: blindes Vertrauen in die Logik von Überwachung, Aufrüstung und alternativloser Härte.

Gegen diesen Anspruch lohnt es sich, mit echter demokratischer Debatte zu rebellieren. Nicht gegen Apps, sondern gegen die Arroganz der neuen Kriegsgewinnler.

Wem beim Lesen der steilen Thesen des Alex Karp übel wird, der kann nun zu einer erbaulicheren Lektüre greifen: der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. mit dem Titel Magnifica humanitas” über die Bewahrung der menschlichen Person in Zeiten der Künstlichen Intelligenz. Es gehört zu den hübscheren Ironien dieser Debatte, dass derzeit ausgerechnet der Vatikan technologisch zurückhaltender argumentiert. Bei der Lektüre wünschen wir Peter Thiel und Alex Karp ein hohes Maß an religiöser Toleranz. Denn der neue Papst fordert, was den Kriegstreibern nicht schmecken wird: Eine Abrüstung der Künstlichen Intelligenz, eine Besinnung auf Frieden, Menschenwürde, Freiheit, Demokratie und Solidarität und stellt klar die Frage: In welcher Welt wollen wir leben, in Zeiten der Künstlichen Intelligenz?


SUGGESTED CITATION  Nemitz, Paul: Die Waffen des Silicon Valley: Eine Kritik an Alex Karps Manifest der digitalen Gewalt, VerfBlog, 2026/6/15, https://verfassungsblog.de/palantir-manifest/, DOI: 10.59704/88f05b5989b2ded0.

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