16 August 2013

Attacke im Ärzteblatt: Bekommt der Whistleblower Ärger?

Mein Blogpost über einen Artikel im Ärzteblatt, wonach eine Verfassungsrichterin in der überfüllten Notaufnahme auf privilegierte Behandlung bestanden haben soll, hat eine Menge Kommentare provoziert. Zu meiner Verwunderung sieht ein erheblicher Teil davon das Problem mehr beim Autor dieses Artikels als bei seinem Gegenstand. Hat er sich nur wichtig gemacht? Hat er seine Schweigepflicht verletzt? Und überhaupt, wieso herrschen in seiner Notaufnahme solche unterirdischen Zustände?

In einem Kommentar heißt es, dass das Klinikum Karlsruhe dem Autor – Leiter der Inneren in der Notaufnahme – fristlos gekündigt hat, und zwar auf “Druck von oben”. Einstweilen ist das nur ein Gerücht.

Ich habe beim Klinikum Karlsruhe nachgefragt. Dort heißt es, man wolle nichts sagen, weil man gerade eine Pressemitteilung vorbereite. Somit sieht offenbar das Klinikum Bedarf, in irgendeiner Form öffentlich Stellung zu beziehen, soviel kann man schon mal sagen.

Ich habe auch versucht, den Autor Harald Proske zu erreichen, aber bisher erfolglos. Ich habe ihn um Rückruf gebeten. In der Klinik heißt es, er sei “im Urlaub”.

Solange ich mit keiner betroffenen Seite gesprochen habe, will ich mich weiter mit Bewertungen und Spekulationen zurückhalten. Ich werde aber diesen Artikel im Laufe des Tages aktualisieren, sobald ich neue Erkenntnisse habe. Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt.

Update 11:50 Uhr:

Das Klinikum bedauert laut einer auf ihrer Website veröffentlichten Erklärung den Vorfall und bittet alle Beteiligten um Entschuldigung, will aber “zum Schutz derselben und der beteiligten Institutionen” von weiterer Kommentierung absehen.

Das lässt erstens jenseits aller Kommentierung die faktische Frage offen, ob denn nun Herrn Proske gekündigt wurde oder nicht. Die Behauptung ist in der Welt, und da sie das durch einen Kommentar hier auf dem Blog ist, habe ich ein sehr intensives Interesse daran, zu klären, ob sie zutrifft oder nicht. Dazu habe ich noch mal bei der Klinik angerufen, man hat mir einen Rückruf versprochen.

Worüber ich zweitens grüble, ist, wen genau die Klinik mit ihrer No-Comment-Kommunikation schützen will, und wovor. Den Autor davor, dass weiterer Reputationsschaden entsteht, den man ihm auf die Rechnung setzen müsste? Die Richterin, das BVerfG und sich selbst vor weiterer peinlicher Publicity? Die Wartenden in der Notaufnahme davor, sich fruchtlos aufregen zu müssen über etwas, was sie sowieso nicht ändern können?

Wenn die Klinik in dem Artikel ein Problem mit der ärztlichen Schweigepflicht sieht, warum sagt sie es dann nicht?

Nun, wie klug die Klinik ihre PR-Strategie wählt, ist in diesem Fall wahrhaftig the least of my worries…

Update 12.15 Uhr:

Den versprochenen Rückruf der Klinik habe ich erhalten. Die Ansage ist, dass man “über Personalentscheidungen nichts kommunizieren” wolle – aber vielleicht ändere sich das noch, wir sollten am Montag noch mal telefonieren.

Update 12:35 Uhr:

Jetzt ruft mich die Klinik noch mal an und lässt mir vom Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Hansis ausrichten, dass der Autor des Artikels Herr Proske “nach wie vor Mitarbeiter des Klinikums” ist.

Also schon mal keine fristlose Kündigung. Alles weitere ist nach wie vor offen.

Update 13:30 Uhr:

Heute ist in dem Karlsruher Lokalblatt “Badische Neueste Nachrichten” ein Artikel dazu erschienen, den ich mir gerade angesehen habe.

Darin heißt es, die fristlose Kündigung sei zunächst ausgesprochen, dann aber zurückgenommen worden. Womit das auch geklärt wäre.

Ich warte ja immer noch auf die Stellungnahme des BVerfG bzw. der betroffenen Richterin. Einstweilen will ich aber schon mal einen Eindruck äußern.

Mir scheint, hier hat ein Arzt, der unter schwierigsten Bedingungen an vorderster Front des Gesundheitssystems kämpft, sich bemüht, das Richtige zu tun. Er hat dem Druck der Dame, zu ihren Gunsten seine anderen Patienten hintanzustellen, standgehalten. Dann hat er erkennen müssen, dass seine Vorgesetzen ihn im Stich lassen. Also ist er an die Öffentlichkeit gegangen.

Hat er damit die ärztliche Schweigepflicht verletzt? Vermutlich ja. Muss er dafür mit Ärger rechnen? Auf jeden Fall.

Trotzdem erwarte ich von der Klinik und ihrem Geschäftsführer, dass sie zu den Zuständen in ihrer Notaufnahme und ihren Vorstellungen, wer in welcher Reihenfolge dort Behandlung erwarten kann, Stellung bezieht.

Und was die Richterin betrifft, so sehe ich schon ein, dass es Gründe gibt, jemanden in dieser Position nicht stundenlang im Wartesaal herumsitzen, sondern ihn lieber in dieser Zeit seine Arbeit tun zu lassen. Aber wenn das BVerfG findet, dass seine Mitglieder jederzeit sofort Zugang zu ärztlicher Behandlung benötigen, dann soll es halt einen Betriebsarzt einstellen. Wenn eine Richterin dagegen die Notaufnahme in Anspruch nimmt, hat sie sich mit den dort vorgefundenen Bedingungen zu arrangieren wie jeder andere Patient auch.

Das, ich wiederhole mich, kann nur eine vorläufige Einschätzung sein, da ich nach wie vor nicht weiß, wie sich der Vorgang aus Perspektive der Richterin abgespielt hat. Aber solange keiner mit mir redet, versuche ich mir halt auf Basis der vorliegenden Informationen ein Bild zu machen.

Update 14:30:

Jetzt ist es doch ganz schnell gegangen mit der Stellungnahme des BVerfG. Und siehe da, aus der Perspektive sieht die Geschichte ganz anders aus.

“Die im Artikel des Ärzteblatts (vermutlich) angesprochene Richterin befindet sich derzeit in ihrem Sommerurlaub. Ihren Besuch im Klinikum Karlsruhe schildert sie wie folgt: Im vergangenen Winter ist sie während der Mittagspause der Senatsberatungen gestürzt und hat sich eine schwere Handverletzung zugezogen, die einige Tage später operiert wurde. Sie begab sich – begleitet von einer Richterkollegin und von einem Fahrer – zur Erstversorgung in das Klinikum Karlsruhe. In der Notaufnahme wurde sie lediglich am Empfang vorstellig, wo ihr mitgeteilt wurde, sie müsse sich auf eine längere Wartezeit einstellen. Da die Senatsberatungen am Nachmittag fortgesetzt werden sollten, hat sie den ihr bekannten Chefarzt der Radiologie kontaktiert und sich dann direkt in die Ambulanzen der Radiologie und der Handchirurgie begeben. Sie hat in keiner Weise auf eine bevorzugte Behandlung in der Notaufnahme gedrängt. Dem Autor des Artikels ist sie an diesem Tag nicht begegnet und wurde auch nicht von ihm behandelt. Inzwischen ist ein Brief beim Bundesverfassungsgericht eingegangen, in dem der Autor des Artikels um Entschuldigung bitten lässt.”

 


SUGGESTED CITATION  Steinbeis, Maximilian: Attacke im Ärzteblatt: Bekommt der Whistleblower Ärger?, VerfBlog, 2013/8/16, https://verfassungsblog.de/attacke-im-arzteblatt-bekommt-der-whistleblower-arger/, DOI: 10.17176/20170904-163551.

24 Comments

  1. MJ Fri 16 Aug 2013 at 10:46 - Reply

    Erkenntnisbringend ist die aktuelle Meldung der Klinik auf ihrer Homepage nicht gerade:

    16. August 2013
    Wirbel um Bericht im Ärzteblatt

    Aktuelle Stellungnahme zur Publikation “Gleicher als die anderen” im ÄBl. Heft 29-30 vom 22.07.2013 von Harald Proske

    Das Klinikum bedauert den Vorfall außerordentlich und bittet alle Betroffenen um Entschuldigung, möchte zum Schutz derselben und der beteiligten Institutionen jedoch bis auf Weiteres von weiteren Kommentierungen der Angelegenheit absehen.

  2. reChtHabEr Fri 16 Aug 2013 at 11:13 - Reply

    In jeder Beziehung: Starkes Stück! (mal unterstellt, dass ist alles so gewesen, wie es jetzt ausschaut.) Ich hoffe, es wird bekannt, welche der fünf Verfassungsrichterinnen da das Gleichbehandlungsgebot privat ganz anders handhabt, als es das Gericht üblicherweise tut. Umgekehrt müssen sich die verantwortlichen Ärzte fragen lassen, wieso bei Ihnen offenbar Dutzende mehr oder weniger schwer Kranker und Verletzter in der Notaufnahme offenbar häufiger, wenn nicht gar ständig dahinvegetieren, bis jemand Zeit für die Behandlung hat. In meinen Augen auch klar auch: Die Berichterstattung ist ein Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht. Aber dafür bin ich in diesem Fall ausgesprochen dankbar.

  3. meteor9876 Fri 16 Aug 2013 at 13:22 - Reply

    Sicher ist wohl lediglich, daß die Schweigepflicht verletzt wurde. Ich frage mich allerdings, wie sich ein Arzt, der von seinem Vorgesetzten angewiesen wird einen Patienten bevorzugt zu behandeln und beispielsweise deswegen einen Notfall später versorgen soll, verhalten soll. Wenn an der Geschichte was dran ist, ist das öffentliche Interesse jedenfalls enorm. Wie das BVerfG das wohl sieht ? Ich würde mich freuen, wenn die angesprochene Richterin zum Artikel Stellung bezieht. Alles andere wird einen üblen Nachgeschmack hinterlassen !

    Die Verwunderung einiger Beiträge über den Zustand der Notaufnahme verwundern mich doch sehr. Ich habe mit einem gebrochenen Handgelenk fast drei Stunden in einer Notaufnahme gewartet und kenne das aus meinem Bekanntenkreis auch nicht anders. Das kann man sicherlich kritisieren, aber solange es so ist, sollte es hübsch der Reihe und natürlich nach Dringlichkeit gehen. Ich finde es persönlich schon fraglich, ob man seine Sekretärin oder einen anderen “Vertreter” vorschicken kann.

  4. Erkan Fri 16 Aug 2013 at 13:52 - Reply

    Die Klinik schützt ihre Mitarbeiter. So ist der im Kommentar erwähnte Maulkorb, wohl eher eine Erinnerung an das StGB, auch für eine Oberschwester Hildegard , die die Geschichte möglicherweise bestätigen oder korrigieren will. Aufklären wird die Klinik den Sachverhalt sicher nicht können.

  5. Hinschauerin Fri 16 Aug 2013 at 13:58 - Reply

    Für mich stellt sich die Frage, ob hier nicht die ärztlichen Schweigepflicht zu andere Pflichten des Arztes konkurriert. Mit anderen Worten: Ist er nicht in diesem Fall zu einem Bruch anderer ärztlicher Pflichten genötigt worden und wenn ja, wie schwer wiegen diese im Vergleich? Es hätte ja ein anderer Patient durch die dadurch unnötigerweise entstandene längere Wartezeit auch Schaden nehmen können.

    Ich finde es auf jeden sinnvoll, daß er es öffentlich gemacht hat und habe Respekt, daß er dieses Risiko auf sich genommen hat.

  6. reChtHabEr Fri 16 Aug 2013 at 13:59 - Reply

    Je mehr ich drüber nachdenke, desto wahrscheinlicher will mir scheinen: Der Arzt wusste genau, was er da tut. Die Schweigepflicht ist ja für Ärzte nicht irgendeine Formalie hinten links im Kleingedruckten. Nicht nur er, sondern alle Kollegen haben sich schwarz geärgert über die Verfassungsrichterin. Da hat er als Leiter entschieden: Ich nehme den Ärger auf mich & publizier das…

    Komisch eigentlich: Ein bisschen Radio, Lokalzeitung, ein paar Blogs. Das ist für die Geschichte eindeutig zu wenig Berichterstattung, finde ich. Wo bleiben denn Spiegel & Co.?

  7. meteor9876 Fri 16 Aug 2013 at 15:42 - Reply

    Die Darstellungen unterscheiden sich, aber ist der Sachverhalt wirklich “ganz anders”. Bemerkenswert ist natürlich, daß der Autor des Artikels anscheinend überhaupt nicht mit der Richterin gesprochen hat. Und es war nicht die Sekretärin sondern eine Kollegin, welche die Richterin begleitete. Leider sagt das BVerfG nichts hinsichtlich der im Arikel gemachten Aussage, daß zunächst nur anonym eine hochrangige Persönlichkeit angekündigt worden ist. Obwohl gerade dieses Procedere die Ursache eines Missverständnisses gewesen sein könnte.

    Wurde die Richterin nun bevorzugt behandelt ? Aber sicher. Sie wollte wegen der Senatsberatungen keine längere Wartezeit hinnehmen und hat deshalb den ihr bekannten Chefarzt der Radiologie kontaktiert, sodaß sie sich sogleich in die Ambulanz der Handchirurgie begeben konnte. Ansonsten hätte sie vermutlich drei Stunden gewartet und wäre dann dorthin geleitet worden.

    Hat sie auf eine bevorzugte Behandlung gedrängt ? Ich kann mir schwerlich vorstellen, daß sie das nicht getan hat. Sie hat den Chefarzt kontaktiert, nachdem sie die Info über die Wartezeit erhalten hatte. Es erscheint mir doch sehr wahrscheinlich, daß sie vor diesem Anruf in der Notaufnahme auf die “Beratungen” hingewiesen hat und ihre berufliche Stellung hingewiesen hat.

    Ich kann das auch gut nachvollziehen. Wem macht es schon Spass mit Schmerzen und Termindruck in der Notaufnahme herumzusitzen. Da hätte ich auch den mir bekannten Chefarzt der Radiologie kontaktiert. Schließlich wäre gar nichts passiert, wenn sie die Notaufnahme überhaupt nicht aufgesucht und direkt den Chefarzt kontaktiert hätte.

    Andererseits: Wenn ich in der Notaufnahme warten würde und dann würde ich den Sachverhalt so miterleben wie ihn das BVerfG schildert, würde ich mich ungleich behandelt fühlen.

  8. Aufmerksamer Leser Fri 16 Aug 2013 at 17:52 - Reply

    Man sieht an diesem Fall, weshalb man erst recherchieren muss, bevor man Texte schreibt. Insbesondere dann, wenn man sich als quasi Augenzeuge ausgeben will. Ich freue mich schon auf den Volltext der Entschuldigung im Deutschen Ärzteblatt. Die haben ja jetzt ihre ganz eigenen “Hitler-Tagebücher”. Peinlich für ein Fachblatt.

  9. Zweifler Fri 16 Aug 2013 at 19:14 - Reply

    Wenn es sich so zugetragen hat wie in der Pressemitteilung des BVG veröffentlicht verstehe ich nicht warum die unbekannte hochgestellte Patientin in der ZNA des Klinikums anonym bleiben wollte und auch nicht den Grund für die Eile angab. Wenn die Verletzung so schlimm gewesen wäre hätte sie vermutlich nicht lange warten müssen. Aber so gab es genügend andere Patienten denen es schlechter ging und die vermutlich schon längere Wartezeiten hinter sich hatten. Von denen haben garantiert etliche versucht sich mit dem Hinweis auf berufliche oder familiäre Unabkömmlichkeit vorzudrängen. Ihr ist es als Einziger über diesen Chefarzt gelungen, sich vorzudrängeln. Da s