18 März 2014

(K)ein Mythos? – Unsere Abhängigkeit vom russischen Gas

Um es vorweg zu nehmen: Russland bleibt zumindest auf mittlere Sicht das Rückgrat der Energieversorgung in Europa. Zwar existieren Puffer, sollten Lieferungen über die Ukraine ausfallen, doch ansonsten bestehen kurzfristig nur wenig Alternativen. Mittel- bis langfristig hat Europa aber Möglichkeiten zu diversifizieren.

Eigentlich gebietet es die ökonomische Vernunft, den politischen Konflikt nicht auf die Wirtschafts- und die Energiebeziehun­gen zu verlagern. Dennoch ist die Sorge groß, dass die Krim-Krise, die Gefahr militärischer Eskalation und eine weitere Destabilisierung der Ukraine die Gaslieferungen an und durch das Land be­einträchtigen könn­ten. Auch könnte sich die wechselseitige Eskalationsspirale von Sanktionen und Gegenreaktionen zwi­schen Russland und dem Westen auf den Energiehandel aus­dehnen. Weder Russland noch die EU kann ein Interesse daran haben, die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu gefährden. Aller­dings stehen ökonomische Interessen poli­tischen heute diametral entgegen. Das heisst aber auch, dass man auf der einen oder anderen Seite einen eventuell schmerzhaften „Trade-off“ machen muss.

Russlands Energie an die EU

Russland ist Europas Hauptenergielieferant. Etwa 30 Prozent der EU-Gasversorgung kommt aus Russland. Deutschlands Abhängigkeit liegt mit etwa 36 Prozent noch höher. Andere Mitgliedsstaaten sind gar zu 100 Prozent abhängig.

Doch auch für Russland machen Öl und Gas fast 70 Prozent der russischen Exporte aus. Die Hauptmengen gehen nach Europa. Russland wäre vor allem finanziell von einer Einschränkung des Energiehandels betroffen, in einer Situation, in der sich das Wachstum ohnehin sehr abgeschwächt hat. Es wäre nicht unmittelbar für die Bevölkerung spürbar, aber die Oligarchen und ihre Konzerne würden die Folgen spüren. Erdgas trägt nur mit ungefähr 5 Prozent zum Staatshaushalt bei. Die Erlöse aus dem Ölsektor stehen für knapp 50 Pro­zent und sind für das Staatsbudget wesentlich wich­tiger.

Zwischen Russland und der EU bestehen weitreichende Verflechtungen entlang der gesamten Lieferkette. Diese Posi­tion bedarf verstärkter Beobach­tung und effek­tiver Kontrolle, zumal in der aktuellen Situation, denn die Gazprom hat wichtige Assets im europäischen Markt übernommen. Aber auch westliche Firmen haben in Russland ein zentrales Stand­bein ihrer Förder­aktivitäten und ihre Marktposition hängt nicht unwesentlich von diesen Geschäftsaktivitäten ab.

Substitutionsmöglichkeiten und alternative Bezugsquellen

Einen Ausfall der Gaslieferungen durch die Ukraine könnte die EU kurz­fristig (etwa drei Monate) wohl weitgehend abfangen, für die Ukraine sähe die Situation ungleich schwieriger aus. Es ist kein unwahrscheinliches Szenario, dass Russland seine Gaslieferungen an die Ukraine nutzen wird, die Regierung in Kiew unter Druck zu setzen. Das folgt dem Muster der Krisen von 2006 und 2009.

Durch das Land verläuft der größte Trans­port­korridor für russisches Gas nach Euro­pa. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur wurde die Hälfte der russi­schen Erdgasexporte von 160 Mrd. Kubik­metern über die Ukraine nach Europa ge­leitet. Alternative Transportmöglichkeiten bieten Nord Stream Pipeline mit 55 Mrd. Kubikmetern, die Jamal-Pipeline mit 33 Mrd. Kubikmetern und die Blue Stream in die Türkei mit 16 Mrd. Kubikmetern Kapazität. Außerdem sind die Gasspeicher sind wegen des milden Winters allerorts gut gefüllt. Das frei handelbare Spot-Markt-Angebot beim LNG ist momentan auch eher knapp. Dennoch wären Südost­europa und auch Italien betroffen, weil Umleitungsmöglichkeiten feh­len.

Kurzfristig nicht zu ersetzen – Langfristig aber Alternativen

Eine breite Diversifizierung ist nur schritt­weise möglich und dauert je nach Option Jahre oder gar mehr als eine Dekade, wollte man den russischen Anteil signifikant ver­ringern.

Trotz der Fracking-Revo­lution in den USA hat Russland sich als größter Energieexporteur weltweit behaup­tet. Russland fördert knapp 13 Prozent des Erd­öls und weit über 17 Pro­zent des Erdgases weltweit. Europa hätte im Falle von Lieferkürzungen das Nachsehen, da es einen Großteil des benötigten Öls und Gases aus Russland bezieht. Andere wichtige Konsumentenländer haben ihre Hauptlieferanten im Mittleren Osten oder verfügen wie die USA wegen der Fracking-Revolution über einen veri­tablen Puffer gegen externe Energiekrisen sowie relativ niedri­ge Energiepreise.

Mittelfristig bestehen wenig Alternativen: Auf dem zu über 80 Prozent pipe­linegebunde­nen Gasmarkt spielen die tra­di­tionellen Lieferländer Norwegen, Russ­land und Al­gerien weiterhin eine Schlüsselrolle. Aller­dings ist Algeriens Förderplateau über­schritten und die Nachfrage in ganz Nord­afrika steigt rasant. Norwegen hat gewisse Spielräume, aber auch hier gibt es Grenzen. In Uk, den Niederlanden und Deutschland wird immer weniger eige­nes Erdgas gefördert. So wächst die Importabhängigkeit und die Chancen, auf Krisen flexibel mit erhöhter Inlandsproduk­tion zu reagieren, sinken drastisch.

Mit dem Fuku­shima-Nachfrageeffekt 2011 hat sich die An­gebots­situation für LNG in der EU wieder verengt. Zwar kann als sicher gelten, dass sich ab 2016/17 das LNG-Angebot sukzessive ver­bessern wird, wenn vor allem US-amerika­nisches und australisches LNG auf die Märk­te kommt, so dass 2020 der relative Liefer­engpass überwunden sein dürfte. Aber auch dieses Gas müsste teuer bezahlt werden, denn am asiatischen LNG-Spotmarkt erzielt man heute Preise von 19 US-Dollar per MBtu, in Euro­pa nur 10,50 US-Dollar. Viel hängt also von der Nachfrageentwicklung in Asien ab. Übrigens drängt auch Russland mit LNG- und Öl­exporten auf den ostasiatischen Markt.

Potentiell hat Europa ein reiches Erdgasangebot in der Nachbarschaft (Östliches Mittelmeer, Kaspischer Raum, Afrika). Diese Felder müssen jedoch erschlossen und mit der nötigen Transportinfrastruktur angebunden werden. Hinzu kommen Möglichkeiten Deutschlands und der EU, das System ro­buster zu machen, nämlich durch Energie­einsparungen, mehr Effizienz und einen breiten Energiemix. Ambitionierte Klima­ziele sollten dafür als Hebel genutzt werden. Nicht zuletzt müssten der Wärmesektor und der Transportsektor in den Umbau des Energie­systems einbezogen werden. Um mehr Resilienz des europäischen Gasmarktes zu erreichen, müsste weiter in Rich­tung strategische Speicherkapazitäten, klare Verantwortlichkeiten, Anbindung von LNG-Terminals, aber auch eine leichtere Umsetzung integrierter strategischer Förder- und Transportprojekte gear­beitet werden. Dazu wäre ein europäischer Kon­sens nötig.

Fazit und Empfehlungen

Das Verhältnis zu Russland und die russisch-ukrainischen Gaskonflikte waren für gemeinsame Außen- und Energiepolitik stets Dreh-, Angel- und Streit­punkt. Es läuft auf vor allem auf zwei Fragen hinaus: Welche Rolle soll Gas noch im Ener­giemix der EU spielen (ein wichtiger Punkt für die Eindämmung klimaschädlicher Emissionen)? Wie soll die EU gegenüber der Putin-Administration agieren vor dem Hintergrund, dass Russland eigentlich ein strategischer Partner für die Beilegung internationaler Krisen ist, Ener­giesicherheit nur kollektiv erreicht werden kann und eine Dekarboni­sierungspartner­schaft mit Russland der Verminderung des CO2-Ausstoßes dienen würde? Sau­berem Erdgas haftet nun wieder der Ruch der Geopolitik an. Das wird die Debatte um die Klima- und Energieziele 2030 beeinflussen. Diversifizierung ist geboten, wird aber kostspielig sein und ist nur im europäischen Verbund zu leisten. Diversifizierung brächte auch die Dividende eines erweiterten außenpolitischen Handlungsspielraums mit sich.

Dieser Text basiert auf SWP-Aktuell 11/2014.


SUGGESTED CITATION  Westphal, Kirsten: (K)ein Mythos? – Unsere Abhängigkeit vom russischen Gas, VerfBlog, 2014/3/18, https://verfassungsblog.de/kein-mythos-unsere-abhaengigkeit-vom-russischen-gas/, DOI: 10.17176/20181005-171328-0.

No Comments

  1. Die wunderbare Welt von Isotopp Mi 19 Mrz 2014 at 10:15 - Reply

    […] (K)ein Mythos? – Unsere Abhängigkeit vom russischen Gas Sanktionen gegen Russland zu verhängen würde wegen der Abhängigkeit Europas vom russischen Gas die Energiewende in Gefahr bringen. Stimmt das überhaupt? […]

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