16 Januar 2012

Frauenpower, überfraktionell: Gleichberechtigung durch Quote?

Von einer rechtsphilosophisch ausgewiesenen Verfassungsrechtlerin erhielt ich gerade einen Aufruf zur Unterzeichnung einer bereits vor der Weihnachtspause veröffentlichten „breit angelegten, überparteilich initiierten Petition für eine Frauenquote„. Der Diagnose der Initiatorinnen lässt sich nur zustimmen:

Seit über 60 Jahren gilt in Deutschland laut Grundgesetz, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. In der Realität ist die Gleichstellung allerdings noch lange nicht verwirklicht. Die anhaltende Benachteiligung von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen steht damit im Widerspruch zu unserem Grundgesetz und zu internationalem Recht.

Allzuviel erwarte ich mir aber nicht vom Zusammenschluß in einem „überparteilichen und gesellschaftlichen Bündnis“,  angetreten, „um im Konsens gemeinsam der Gleichstellung zum Durchbruch zu verhelfen“ – selbst wenn Dorothee Bär, Senta Berger, Steffi Jones, Ursula von der Leyen, Gesine Lötzsch, Alice Schwarzer und Friede Springer mit im Boot sind und es dort heißt:

Die Zeit ist reif für eine verbindliche gesetzliche Regelung zur geschlechtergerechten Besetzung von Entscheidungsgremien der Wirtschaft, wie Aufsichtsräte und Vorstände. Nur so lässt sich Umdenken in den Vorstandsetagen befördern und damit die Besetzungspraxis von Entscheidungsfunktionen verändern. Deshalb treten wir in einem ersten Schritt für eine Quote bei den Aufsichtsräten der börsennotierten, mitbestimmungspflichtigen und öffentlichen Unternehmen ein, die zunächst mindestens 30 Prozent betragen soll. Damit die Maßnahme Wirkung entfaltet, wollen wir flankierend Fristen und empfindliche Sanktionen regeln. Die Quote für Aufsichtsräte kann aber nur der Anfang sein!

Offen bleibt, wie es dann weitergehen soll, im Anschluß an eine „verbindliche gesetzliche Regelung zur geschlechtergerechten Besetzung von Entscheidungsgremien der Wirtschaft, wie Aufsichtsräte und Vorstände“. Macht aber offenbar nichts, weil die Initiatorinnen auf jeden Fall die ökonomische Vernunft auf ihrer Seite haben:

Die gleiche Beteiligung von Frauen an Entscheidungsgremien ist auch ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft. In gemischten Führungsgremien können Frauen und Männer zu besseren Entscheidungen kommen, gemischte Teams steigern den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen. Das belegen nationale und internationale Studien.

Klar, die Kombination männlichen und weiblichen Eigensinns verbessert in der Regel jedes Arbeitsklima, sorgt für mehr Lebenszufriedenheit und ist dem wirtschaftlichen Erfolg nicht abträglich. Das machen uns einige europäische Nachbarn vor – in der Wirtschaft, und in der Wissenschaft ohnehin.

So lange ich mich allerdings auf verfassungsrechtlichen Konferenzen noch immer regelmäßig in die Zeiten des Weimarer Methodenstreits versetzt fühle, weil kluge Staatsrechtlerinnen (sofern überhaupt präsent) rauflustigen Fachkollegen mit übervorsichtiger Zurückhaltung die Arena überlassen – so lange ist mein Vertrauen in den Erfolg vollmundiger Initiativen im Stil der Berliner Erklärung oder auch in Wirtschaft und Wissenschaft inzwischen etablierter gutgemeinter Mentoring-Programme doch sehr gering. Ein paar gute Argumente brauchte es also schon noch, um mich zur Unterschrift zu bewegen.

Am Ende hängt die Veränderung gesellschaftlicher Realitäten vom Engagement und Habitus individueller Akteurinnen und Akteure ab. Gerade Juristinnen sollten da auf die Kraft der Selbsteuerung vertrauen. Sollten nicht erst auf ein Gesetz, eine Mentorin oder den großen überfraktionellen Konsens warten, sondern die Sache selbst regeln, konsequent, konfliktfreudig und ideenreich. Wie die vier Mütter des Grundgesetzes, die uns inspirieren sollten, kreativer und einfallsreicher über die Verwirklichung des Gleichstellungsgebots nach Art. 3 Absatz 2 Satz 2 GG nachzudenken.

 

Foto: Mütter des Grundgesetzes (Erna Wagner-Hehmke / Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)


SUGGESTED CITATION  Kemmerer, Alexandra: Frauenpower, überfraktionell: Gleichberechtigung durch Quote?, VerfBlog, 2012/1/16, https://verfassungsblog.de/quote/, DOI: 10.17176/20180118-161907.

26 Comments

  1. Muriel Mo 16 Jan 2012 at 15:30 - Reply

    Klar.
    Ich halte es auch für total sinnvoll, Frauen gleichberechtigt mit Männern zu behandeln, und mehr von ihnen auch in Führungsverantwortung zu bringen und so weiter.
    Aber ich bin generell dagegen, andere dazu zu zwingen, Dinge zu tun, bloß weil ich die für total sinnvoll halte.
    Will ich umgekehrt ja auch nicht.
    Den inhaltlichen Sinn einer gesetzlichen Frauen- oder sonstigen Quote zweifle ich darüber hinaus auch an, aber das ist eher ein nachrangiger Aspekt.

  2. DerLauschendeLeser Mo 16 Jan 2012 at 16:19 - Reply

    Im Grunde ist doch die Frage, was man möchte: Gliechstellung oder Gleichberechtigung.
    Daurchaus werden beide Begriffe als Synonym verwendet, bedeuten doch aber etwas sehr verschiedenenes.
    Gleichstellung kommt, meines Erachtens zumindest, von oben, wird aufgestülpt und passt vielleicht nicht auf die gesellschaftlichen Realitäten. Aber ändert man diese gesellschaftliche Realitäten durch Gesetze? Nein, sicher nicht.

    Gleichberechtigung hingegen erlangen Menschen, weil sie von der Gesellschaft akzeptiert werden. Weil sich gesellschaftliche Realitäten eben geändert haben.

    Quoten werden vielleicht mehr Frauen in Entscheidungsgremien bringen können, ABER:
    Werden Frauen dort auch gleichberechtigt gehört?
    Werden Frauen dort gleichberechtig behandelt?
    Werden die Argumente der Frauen dort überhaupt gleichberechtigt in Erwägung gezogen?
    Die Antwort fällt schwer, so ist doch wohl nein. Oder: es kommt auf den Menschen an.

    Frauen wie Alice Schwarzer, die bei der Gleichstellungsdebatte im Grunde aufgehört haben, wollen den Mann und die Frau gleichmachen und betrachten im Grunde beide als verscheidene Spezies. Frau Schwarzer ist für diese Debatte allerdings auch wenig hilfreich. Gleichmacherei, wie von ihr gefordert, scheint mir nirgends auf der Welt ein salonfähiges oder überhaupt praktizierbares Element zu sein.

    Die ach so fortschrittliche, vielleicht sogar postdemokratische Gesellschaft, ist doch mehr daran interessiert, das individuelle Ego zu polieren, wo der Glanz schon ab ist, als wirklich auf „Neuerungen“ einzugehen.

    Nehmen wir dazu durch aus die Homosexuellen, die oft nur belächelt werden; oder die „Immigranten“….
    Es kommt immer auf den Menschen an, und ganz richtig ist, wie er sich behauptet.

  3. zirp Mo 16 Jan 2012 at 16:51 - Reply

    Der konsequente nächste Schritt zur Gleichstellung nach einer 30%-Quote bei Aufsichtsräten dürfte klar sein:

    Ein 30%-Quote für Dachdecker, Kanalarbeiter, Panzergrenadiere und Programmierer.

  4. Andreas Moser Mo 16 Jan 2012 at 16:52 - Reply

    Ich finde es sehr verdächtig, daß die Petition Frauenquoten in Vorständen und Aufsichtsräten fordert, aber nicht in anderen Bereichen, in denen Frauen genauso unter-repräsentiert sind, z.B. Bergwerke oder bei der Müllabfuhr: http://andreasmoser.wordpress.com/2011/01/31/frauenquoten-warum-nur-in-vorstanden-und-parlamenten/

  5. Faufu Mo 16 Jan 2012 at 17:39 - Reply

    @Andreas
    schonmal was von „rechtfertigenden biologischen Unterschieden“ gehört?

  6. Rike Mo 16 Jan 2012 at 17:49 - Reply

    „Am Ende hängt die Veränderung gesellschaftlicher Realitäten vom Engagement und Habitus individueller Akteurinnen und Akteure ab“. Das hört sich für mich doch sehr nach dem alten Argument „Selbst Schuld“ an. Wenn ich allerdings bei Einstellungsgesprächen in der Wissenschaft weiterhin hinter vorgehaltener Hand höre, dass doch aber mit einer etwaigen Schwangerschaft bei einer Bewerberin zu rechnen sei. Oder wenn Professoren ihre Mitarbeiterinnen fragen, ob nach der Geburt des Kindes eine Vollzeitbeschäftigung für sie überhaupt noch möglich sei. Dann stellt sich die Frage nach der „Schuld“ doch anders. Allerdings zeigen die Untersuchungen, dass auch Frauen ohne Kinder, d.h. ohne familiäre Verpflichtungen ebenfalls weniger verdienen und nicht in die Aufsichtsräte etc. aufsteigen, wieso? Selbst Schuld? Vielleicht aber auch nicht, vielleicht finden sich Muster von struktureller Diskriminierung. Bei der Mischung einer Gruppe spielt sobald 30 Prozent Frauen dabei sind, dass Geschlecht keine Rolle mehr bei der Unterscheidung zwischen den Teilnehmer_innen. Um dieser strukturellen Diskriminierung entgegen zu wirken bedarf es daher dieser 30% Quote. Wir können doch nicht nochmals 60 Jahre warten, bis aus allen Köpfen die Annahme verdrängt worden ist, dass Frauen Kinder bekommen können und sie sich anscheinend ausschließlich um deren Erziehung kümmern sowie das alle Menschen in höheren Positionen mindestens 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen.

  7. henningninneh Mo 16 Jan 2012 at 18:03 - Reply

    Teilen Sie die (in meinen Augen wenig kontroverse) Auffassung, dass verschiedene gesellschaftliche Institutionen trotz formeller Gleichberechtigung de facto Frauen noch immer benachteiligen und Männer privilegieren? Falls ja, dann hilft es wenig, den so Benachteiligten für ihre Position auch noch die Schuld zuzuweisen, wie es ihr Ruf nach mehr „Engagement … individueller Akteurinnen und Akteure“ nahelegt. Gewiss müssen Frauen für die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position kämpfen. Die Männer werden dies jedenfalls nicht für sie erledigen. Ein Argument, warum eine Frauenquote (wie bswp. in einigen skandinavischen Ländern erfolgreich eingesetzt) dazu grundsätzlich kein geeignetes Mittel sein soll, bleiben Sie schuldig.

  8. Katharina Mangold Mo 16 Jan 2012 at 18:14 - Reply

    Ich darf aus einer lesenswerten Arbeit zitieren, die in erster Auflage 1990, in zweiter Auflage 1996 erschien – die Beschreibung erscheint mir zeitlos:

    „Frauen erleiden auch heute noch erhebliche Nachteile in ihrem beruflichen Werdegang. Unter gleichheitsrechtlichem Blickwinkel wäre es selbstverständlich am besten, wenn die Fälle, in denen Frauen bei der Auswahlentscheidung diskriminiert werden, als Einzelfälle sanktioniert werden könnten. Doch ist dies nicht möglich. Bewußte Diskriminierung wird allenfalls in Ausnahmefällen der abgelehnten Bewerberin in beweisbarer Form zur Kenntnis gebracht, und unbewußte Diskriminierung zeichnet sich gerade dadurch aus, daß sie häufig nicht einmal dem Handelnden, geschweige denn Dritten bewußt ist. Eine Sanktionierung im Einzelfall scheidet daher aus. Es gibt daher nur zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Man kann entweder die Frauen weiter benachteiligt sein lassen, oder man kann – wie etwa durch Quotenregelungen – gegensteuern.“

    Ute Sacksofsky, Das Grundrecht auf Gleichberechtigung. Eine rechtsdogmatische Untersuchung zu Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes, Baden-Baden (hier zitiert nach der 2. Auflage von 1996, S. 414)

  9. Christoph Möllers Mo 16 Jan 2012 at 21:54 - Reply

    Alexandra Kemmerers Beitrag erscheint mir, mit allem Respekt, einen klassisch reaktionären Topos zu verfolgen: Die äußerliche Form des Rechts kann gesellschaftliche Zustände ändern, dies können nur solche dunklen Eigentlichkeiten wie „Engagement und Habitus“. So wurde bisher gegen jede Anti-Diskriminierungsregel argumentiert. Aber wo kommen diese Motivationen denn her? Sind sie einfach nur unveränderlich da? Vielleicht doch auch aus der Form des Rechts, die die Bedeutung von Handlungsmustern verändert.

  10. CB Mo 16 Jan 2012 at 22:57 - Reply

    Wenn die Autorin in ihrem Text tatsächlich einen „klassisch reaktionären Topos“ verfogt haben sollte, so ist mir diese Position dennoch allemal lieber als die, mit allem Respekt, Quoten-Diktatur der Wohlmeinenden, auch wenn sie demokratisch beschlossen und verfassungsrechtlich zulässig sein sollte — in dieser Frage bin ich parteipolitisch ganz Pirat.

  11. Pascal Di 17 Jan 2012 at 00:12 - Reply

    Und was schadet die Unterzeichnung eines solchen Aufrufs?

  12. Fred Krug Di 17 Jan 2012 at 10:12 - Reply

    @Vorangestellt

    Ich bin ein Mann.

    Insofern bin ich in Themen über die Gleichberechtigung/Gleichstellung und über die Diskriminierung von Frauen automatisch benachteiligt.

    Zum einen, weil jede Gegenrede von mir aufgrund meiner Natur als Mann automatisch als diskriminierend bzw. latent frauenfeindlich aufgefasst wird; zum anderen, weil jede Zustimmung meinerseits nicht als von mir frei entwickeltem Gedanken, sondern als Beugung vor der „wohlfeilen guten Moral“ im Kampf um die Gleichberechtigung wahrgenommen wird, ich mich also einer gedanklichen Diskriminierung im Vorfeld unfrei unterworfen hätte.

    Warum schicke ich das voraus? Um einfach darauf hinzuweisen, dass das Nachstehende meine freien Gedanken und Fragen sind – und zwar nicht, weil ich ein Mann bin, und nicht, weil ich mich irgendwelchen Minder- und herrschenden Meinungen anschließe. Vielmehr begründe ich meine Ausführungen mit Beobachtungen und Erfahrungen sowohl bezogen auf die alle Lebensbereiche zunehmend dominierende Wirtschaft, die Verwaltung und die zunehmend in Werten verirrte und zerfallende Gesellschaft.

    Insofern prüfe jeder Leser meiner Worte seine Grundeinstellung zu Äußerungen meinerseits darauf, wie voreingenommen er oder sie diese wahrnimmt, nur weil ich ein Mann bin.

    Und ja: Ich werde Worte nicht entstellen, um sie „geschlechterneutral“ zu gestalten; ich erwarte von jedem verständigen Menschen, der lesen kann, dass er erkennt, wie sehr ich mich an alle Leser, und nicht nur an Männer wende.

    @Topic:

    Kann eine gesetzliche Regelung ein gesellschaftliches, wirtschaftliches, gesellschaftspolitisches und wirtschaftspolitisches Problem lösen?

    Ich bin überzeugt davon, dass das nicht der Fall ist.

    Denn der Gleichheitssatz des Grundgesetzes sowie das qualitativ doch sehr aussagekräftige „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ zeigen offenbar, dass trotz formalen Gesetzes und diverser Anspruchsgrundlagen, die sich daran anknüpfen, die Wirkung der Gesetze mit dem Ziel der Gleichstellung und Gleichberechtigung (diese Differenzierung finde ich richtig und wichtig) doch eher gering ausfallen.
    Auch jenseits formaler Gesetze, also dort, wo sich die Gesellschaft selbst mit Werten und Normen zu lenken versucht, hat sich gezeigt, wie wenig Regeln hier weiterhelfen. Weder hat sich eine bestimmte sprachliche Konzession wirklich in der Breite durchgesetzt (etwa über die schriftliche Form des Adressierens von Frauen und Männern über „verfraulichte“ maskuline Worte: die LeserInnen, die Leserinnen und Leser, die Leser/innen …); noch werden die Grabenkämpfe darüber, welche Tätigkeiten nun „geschlechterspezifisch“ und welche „geschlechterneutral“ seien, je ein Ende finden – der kleinste gemeinsame Nenner ist hier wohl nur, dass Männer keine Babies bekommen und zudem nicht säugen können.

    Im Gegenteil gibt es sogar Regelungen – insbesondere in der öffentlichen Verwaltung – in der mit einer latenten Männerdiskriminierung begegnet wird – z.B. bei Bewerbungen, indem männlichen Bewerbern (nur fast schon?) eine Benachteiligung angedroht wird, weil regelmäßig bei Ausschreibungen explizit betont wird, die öffentliche Hand würde ihrem Gleichberechtigungsauftrag nachkommen wollen und (insbesondere) Frauen unter den Bewerbern begrüßen. Gerade die Position der Gleichstellungsbeauftragten belegt hierbei überaus deutlich, wie sehr Männer in dieser Position nicht gerne gesehen sind, da diese sich (angeblich) nicht in die benachteiligte Position von Frauen hineinfühlen können sollen und deshalb deren Interessen nicht ausreichend wahrnehmen können würden. Da solche Ausschreibungen aufgrund formaler Gesetze entstehen, zeigt sich im Gegenteil also, wie sehr Gesetze selbst auch eine mögliche Ursache für Diskriminierungen sein können. Bezogen auf Quotenregelungen heißt das, dass im (zugegebenermaßen akademisch anmutenden) Einzelfall der besser qualifizerte Mann aufgrund der Quotenregelung einer geringer qualifizierten Frau weichen würde bzw. im Schlimmstfall sogar die Quote mit Frauen wiederum bar jeder Vernunft und zuwider der Erkenntnisse über Qualifizierungen mindestens, aber auch nur höchstens erfüllt würde.

    Wenn Moral und Ethik einer Gesellschaft, ihre Vernunft und ihr Verstand nicht ausreichen, um echte gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung zu erzielen, dann sollen Gesetze nach Meinung einzelner (aber auch leider zunehmender) Stimmen die Lösung bieten. Strafgesetze und Ordnungswidrigkeitsgesetze sowie präventivwirksame Polizeigesetze und -maßnahmen zeigen doch, wie begrenzt Gesetze das Ziel erreichen können, das ihnen an und für sich als (guter und wünschenswerter) Zweck anhaftet. Wieso sollten Quotenregelungen in der Lage sein, hier eine wirksame Ausnahme zu sein? Nicht alles, was Recht ist, kann gesetzlich geregelt werden; unsere Gesellschaft würde nicht umhin kommen, dann für jeden denkbaren Fall eine formalgesetzliche Bestimmung zu finden, da andernfalls kraft Auslegung bzw. aus der Natur der Sache heraus durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung neue Fälle entstehen würden, in denen die einmal gefundenen Gesetze kaum mehr anwendbar würden.

    Im Übrigen bitte ich zur Kenntnis zu nehmen: In aller Regel wird über die Gleichberechtigung in der Wirtschaft bzw. in wirtschaftlich geprägten Tätigkeitsfeldern wie z.B. zunehmend der Verwaltung und der Forschung gestritten. Die Bemerkung weiter oben ist insofern nicht von der Hand zu weisen, dass diese „Gleichberechtigungs“-Kriege – oder besser wohl „Gleichstellungs“-Kriege – in weniger attraktiven Berufsfeldern interessanterweise nicht so vehement gefochten werden. Allerdings muss hier auch sehr deutlich hervorgehoben werden, dass ebenfalls nicht selten auch Männer sich zu „typischen“ Frauenberufen keinesfalls berufen fühlen. Insofern sind solche Beobachtungen also auch mit erheblicher Vorsicht zu genießen, aber keineswegs mit „geschlechterspezifischen“ Unterschieden zu begegnen – wie angedeutet: abgesehen von nur zwei biologisch begründeten Grundfunktionen gibt es an sich keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

    Insofern werbe ich eher dafür, sich gesellschaftspolitisch und wirtschaftspolitisch für eine Stimmung einzusetzen, durch die es selbstverständlich wird, Frauen wie Männern, Alleinerziehern wie Familien, also allen Gesellschaftsteilen gleichermaßen die Anerkennung im wirtschaftlichen Leben zu bieten, die ihnen zusteht. Dies war bisher vermeintlich erfolglos oder bestenfalls nur in (kleinen) Teilen erfolgreich. Und dies wird sich nur über einen weitergehenden, an Werten (also die Anerkennung und Gleichberechtigung, und nicht die bloß formale Gleichstellung) orientierten Reifeprozess in unserer Gesellschaft entwickeln können. Die (sogenannte) Frauenbewegung hat hier einige gute Beispiele und Impulse gezeigt; aber das darf nicht als abgeschlossener oder erfolgloser Versuch entwertet werden. Im Gegenteil sogar.

    Sobald aber gesetzliche Quoten existieren, wird nicht der dahinterstehende Gedanke dieser Gesetze, sondern lediglich die Bedingung aus der jeweiligen Regelung nach erfüllt werden – und zwar ohne Rücksicht auf Risiken und Nebenwirkungen. Dies wär‘ gleichbedeutend mit einer Kapitulation vor den Erfolgen jener Frauen und Männer, die sich bisher für echte Gleichberechtigung eingesetzt haben.

    Nicht alles, was Gesetz ist, ist auch Recht; und nicht alles, was Recht ist, kann durch Gesetz erzielt werden.

    tl;rd

  13. Luke Di 17 Jan 2012 at 11:09 - Reply

    Meine Erfahrungen sagen mir, das die Problematik im Grunde eine andere ist.
    Alle klugen und guten jungen Frauen die ich kenne, sehen sich mit der Frage konfrontiert:
    Kinder oder Karriere – nicht weil sie sich von Dritten in dieses Dilemma gezwungen fühlen, sondern weil in ihren, und auch meinen, Augen schlicht weg eine vernünftige Kinderbetreuung fehlt, der man im Vorfeld zutraut das sich beides, Kind und Karriere, mit den eigenen Ansprüchen verbinden lässt.

    Mit dem Fehlen einer vernünftigen, vertrauenswürdigen Struktur zu frühkindlichen Betreuung wird damit im Vorfeld die Menge an guten, klugen Frauen automatisch kleiner, da die Frauen sich gezwungen sehen, sich zu entscheiden.

    Solange diese Problematik nicht gelöst ist, bringen meines Erachtens auch Frauenquoten nichts, da diese nur dann einen Zweck erfüllen, wenn man die gesellschaftliche Veränderung in die „Köpfe“ von ein paar wenigen bringen möchte. Das zeigen auch die Erfahrungen aus Ländern, in denen die Quote funktioniert hat – eben weil es eine gute Kinderbetreuung gibt.

    Gruß

  14. Martin Di 17 Jan 2012 at 16:10 - Reply

    Jede soziologische Studie im Rahmen der Geschlechterforschung belegt es: Frauen werden in Deutschland diskriminiert. Nach wie vor werden gesellschaftliche Zuordnungen anhand biologischer Merkmale getroffen. Junge, blau, Fußball – Mädchen rosa, Ballett. Eine Quote ist schon deswegen wichtig: sie sagt klar deutlich, dass diskriminiert wird. Ja genau, diskriminiert zugunsten weißer Männer. Jaja, ich weiß, jetzt regt sich der ein oder andere auf. Warum wohl?

    Diskriminierung zeigt sich im Alltag und vor allen Dingen an Kleinigkeiten. Wie Rassismus nicht erst beim mordenden Nazi anfängt, fängt Frauenfeindlichkeit nicht beim grabschenden Sexisten an. Sexismus findet sich schon bei Fred Krug. Er schreibt, er wolle seine Worte nicht entstellen. Er meint damit, dass er nicht gedenkt, etwas gegen die sprachliche Marginalisierung von Frauen zu tun. Er hat nicht begriffen, dass Gesellschaft vor allen Dingen Diskurs und damit Sprache ist. Folgerichtig ist die Sprache ein guter Indikator für Diskriminierung. Fragen sie die Stammtische, was sie von „_innen-Konstruktionen“ halten; höhnisches Gelächter ist die wahrscheinlich freundlichste Reaktion. Solange Sprache genutzt wird, um echte oder vermeintliche Randgruppen (Frauen!) zu marginalisieren, so lange wird diskriminiert. Es kotzt mich an.

    Frau Kemmerer hat nicht unrecht. Nur ihre Schlussfolgerungen sind daneben: solange Frauen durch typisch männlich-diskursives Verhalten (Machobenehmen, Aggressionen, kurz: Gewalt) in der öffentlichen Diskussion eingeschüchtert werden, braucht es die Quote als Brechstange, als „Bekommt-es-endlich-in-euren-Schädel-Keule“.

    Antidiskrimierungsarbeit, sei es praktisch oder theoretisch, darf niemals freundlich, niemals nett und niemals nachgiebig sein. Es geht um Machtverhältnisse, nicht um Schokolade.

  15. Eva Di 17 Jan 2012 at 16:51 - Reply

    War es nicht auch eine Sache von Waschkörben voller eingesendeter Postkarten und eine Radiosendung, mit der es Elisabeth Selbert und Co. soweit brachten, dass aus der „grundsätzlichen“ Gleichberechtigung eine selbstverständlich zu fördernde wurde?

    Aber ich verstehe den Einwand. Bei „empfindlichen“ Sanktionen, kämpferischen Ausrufezeichen („Die Quote für Aufsichtsräte kann aber nur der Anfang sein!) und dem schwächlichen Rückzug auf die wirtschaftliche Vernunft würde ich mir auch eine das Ziel besser tragende Mischung aus intelligenter Argumentation und auf jeden Fall zu lobendem politischen Reformwillen wünschen. Die Verhältnisse mögen nicht so sein wie sollen, den Rechtsraum aber, den gewonnenen wie den zu gewinnenden, den gilt es doch auszufüllen und für die Zukunft zu gestalten. Und dafür braucht es das von Alexandra Kemmerer zu Recht angemahnte „mehr“ an Argumentation, Kreativität und Einfallsreichtum. Vielleicht auch einfach bessere TexterInnen (!) für so eine Unterschriftenaktion? Bin also für alles: Mehr Recht(ssteuerung), mehr Gestaltungsvielfalt, mehr Inhalt, und mehr Kunst.

    In gewissem Sinn gilt eigentlich noch heute, was Virginia Woolf in ihrem Essay „A room of one’s own“ abschließend an die Adresse der Frauen postulierte und was mir dazu wieder einfiel (online: http://ebooks.adelaide.edu.au/w/woolf/virginia/w91r/, Kapitel 6, besonders der vorvorletzte und vorletzte, na, aber auf jeden Fall auch der letzte Absatz.) – Mit unserem Engagement (‚educated effort‘) auf allen Ebenen können wir inspirierende „forerunner“ sein für zukünftige, rauflustige und kluge, Generationen.

  16. Fred Krug Di 17 Jan 2012 at 17:55 - Reply

    @Martin

    Grundsätzlich pflichte ich Ihrem Befund über den aktuellen Zustand in unserer Wirtschaftsgemeinschaft sogar bei: Diskriminierung ist alltäglich. Und eine Wurzel liegt ohne Frage sowohl in der tradierten wie überkommen Ansicht Jungs = blau, Mädchen = Rosa bzw. Jungs = Fußball, Mädchen = Ballet.
    Auch werte ich das als bedauerlichen Zwischenstand im aktuellen, modernen, fortschrittlichen Hier und Jetzt, welches sich insofern von früheren Zeiten nicht oder nur wenig abhebt. Ich schätze, wie sind da recht nah beieinander.

    Allein wird der Einsatz gegen Diskriminierung zur Makulatur, wenn man (oder soll ich im Sinne der „Töchter Egalias“ ‚frau‘ schreiben) sich lediglich auf Oberflächlichkeiten kapriziert und den tieferen Sinn anderer Leute Aussagen nicht einmal zu durchdringen versucht. Mit anderen Worten: Ich teile Ihr qualitätsloses Urteil über mich nicht.

    Denn Ihr Beitrag –

    quote: „Sexismus findet sich schon bei Fred Krug. Er schreibt, er wolle seine Worte nicht entstellen“
    /quote –

    ist so sinnentstellend wie auch falsch. Diese Äußerung meinerseits noch dazu in den Bezug zu primitiven, von mir aus typisch deutschen Stammtischparolen zu stellen, ist an Polemik kaum zu überbieten – zumal Sie offenbar auch nicht willens oder fähig waren, meine weiteren Äußerungen im Kontext zu erfassen geschweige denn zu begreifen. Typische „Zitatenschlacht“, um vom Wesentlichen und Kern abzulenken.

    Solche Ausführungen wie die Ihren zielen mithin absolut an der an sich richtigen Sache vorbei. Obwohl Sie möglicherweise im Kern sogar gegen Diskriminierung sind, so sehr schaden Sie mit Ihren Ausführungen auch der Debatte.

    Hier deshalb erneut der wesentliche Anteil meiner Ausführungen zur „Entstellung von Sprache“, um ihren zweifelhaften Einwurf einfach zu widerlegen – quote: „ich erwarte von jedem verständigen Menschen, der lesen kann, dass er erkennt, wie sehr ich mich an alle Leser, und nicht nur an Männer wende.“
    /quote –

    Es mag sein, dass diese Auffassung von mir ebenfalls überkommen und tradiert ist, wenn ich dann an der altmodischen, vom Duden geleiteten Grundform maskuliner Worte verhaftet bleibe. Das zielt dennoch auf nichts anderes ab, als die Sprache so zu nehmen, wie sie sich mir andient und wie ich sie verwende. Immerhin ist eine Sprache, wie sie gegenwärtig „objektiv“ vorliegt, das Ergebnis einer über Jahrhunderte und Jahrtausende andauernden Entwicklung.

    Insofern erlaube ich mir auch die individuelle Freiheit, selbst darüber zu befinden, wie ich Sprache verwende; überspitzt: Ich beuge mich nicht übereifriger Extremisten, die mit nahezu faschistoiden Methoden mich Mundtot machen wollen, nur weil ich mich ihrem sprachlichen Duktus verweigere. Der feine Unterschied hierbei nämlich ist, dass ich nicht erzieherisch auf andere einwirke, wie sie sich der Sprache bedienen sollen, indem ich Ihnen Vorhaltungen mache und sie ermahne und tadele, wie frauenfeindlich sie aufgrund der gewählten Worte sind. Auch wenn Sie, Herr Martin (oder Martin als Pseudonym und deshalb Frau Martin?), der Auffassung basierend auf falschen Annahmen sind, ich sei diskriminierend in meiner Sprachanwendung, dann werden Sie selbst bei wiederholter Lektüre feststellen, dass ich niemandem vorzuschreiben gedenke, wie er oder sie Sprache anzuwenden hat. Das entscheidet jeder für sich.

    Jedenfalls:

    Wollten Antidiskriminierer ernsthaft versuchen, über die erzwungene Änderung der Sprache der Diskriminierung entgegenzuwirken, müssten sie vermutlich den größten Teil aller lebenden Sprachen entsprechend radikal angehen – wollen. Ihre Begründung ist schließlich regelmäßig, dass diese Sprachen auf patriarchalischen Wertvorstellungen basierten und dass sie daher nicht akzeptabel seien. Deshalb müsse zwingend „ge-Innt“ und ver“frausch“t werden – um abermals mit dem Irrsinn der „Töchter Egalias“ hier zu schreiben. Dieser Irrsinn besteht darin, zwar einerseits sprachlich zu illustrieren, wie sehr Sprache an der Oberfläche feindlich zu Antidiskriminierungs-Bemühungen sein könne. Gleichwohl bietet diese Erzählung andererseits weder eine Lösung zu den eigentlichen Problemen der Diskriminierung, noch Argumentationshilfen, wie der Diskriminierung sprachlich entgegengewirkt werden kann. Diese literarische Erfahrung lässt sich eins zu eins auf bisherige Bemühungen der letzten Jahrzehnte anwenden, in denen Sprache … ja was eigentlich? Modifiziert wurde? Oder modernisiert? Femininer? Geschlechterneutraler? Die bisherigen Veränderungen der deutschen Sprache haben bisher trotz aller Versuche nichts zählbares dazu beigetragen, dass Diskriminierung weniger geworden ist. Und das kann eine Sprache auch gar nicht leisten, wenn sich die Gesellschaft, die sich der Sprache bedient, einer ernsthaften inhaltlichen Debatte und Wertorientierung entzieht und stets nur nach wirtschaftlichen Kriterien handelt, denkt und die Diskriminierung noch dazu lediglich bei gehobenen Postionen ins Gespräch bringt.

    Der Ansatz also über die „Entstellung“ oder „Modifikation“ oder „Antidiskriminierungsformalisierung“ von Sprache wird und ist nur Makulatur, da das ebenso wie formale Gesetzestexte nichts anderes als eine äußere Form darstellt, die in ihrer Anwendung inhaltslos bleibt. Die Werte-Fragen und die Problemstellungen, auf denen Diskriminierung nach wie vor fußt, wird damit nicht bedient. Im Gegenteil – sie wird vollends übergangen und im Keim wie im Kern erstickt.

    tl;rd

  17. richtiger Mann Di 17 Jan 2012 at 18:04 - Reply

    Frauenquoten sind Tittensozialismus!

  18. EuroTanic Mi 18 Jan 2012 at 00:27 - Reply

    „Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist nur möglich, wenn die Frau sich unterordnet.“

  19. EuroTanic Mi 18 Jan 2012 at 00:28 - Reply

    und
    „Emanzipation ist das Bestreben der Frauen, auf das Niveau von Männern herabzusteigen.“

  20. Martin Mi 18 Jan 2012 at 14:39 - Reply

    Herr Krug,

    Sie reagieren wir aus dem Lehrbuch. Die kritische Reflexion weicht dem Verteidigungsreflex. Die inhaltliche Diskussion dem Derailing. Eigentlich habe ich keine Lust, mit Ihnen zu diskutieren. Denn ganz ehrlich: Ihr Geschreibe habe ich alles schon gehört, gelesen und diskutiert. Nach meiner Überzeugung ist nur das: falsch und naiv.

    Sie geben sich kritisch, sind es aber nicht. Sie reflektieren Sprache nicht. Und obgleich ich darauf hingewiesen habe, dass Gesellschaft vor allen Dingen Diskurs ist, beharren Sie auf Ihrer Diskriminierung, nennen sie „tradiert“, „überkommen“ und „altmodisch“. Als würde das irgendwas erklären, als würde das irgendwas rechtfertigen.

    Die herrschende Sprach ist ausgrenzend. Machen Sie sie sich zu eigen, so sind Sie es auch. Sie reproduzieren das System. Mit der von mir bereits oben benannten Konsequenz.

    Übrigens darf ich versichern, dass Sie selbst nicht darüber befinden, wie Sie Sprache gebrauchen. Es sei denn, Sie sind ein wahres Phänomen. Denn: Sprache ist eines der am stärksten färbenden sozialen Phänomene. Wenn Sie also behaupten, es sei Ihre kritisch reflektierte Sprache, zugleich aber die Kommunikation des Patriarchats verwenden, dann ist das eben – bestenfalls – naiv. Schlimmstenfalls ist es Vorsatz. Den mag ich Ihnen nicht unterstellen.

    Etwas Gutes hat Ihr Beitrag: er untermauert, wie wichtig eine Quote ist.

    Herzlich,
    Martin

  21. Fred Krug Mi 18 Jan 2012 at 17:09 - Reply

    @Martin,

    vielen Dank für Ihre Geduld. Allein Sie bestehen weiterhin den von mir präsentierten Inhalten zum Trotz darauf, ich würde durch die Verwendung von Sprache diskriminieren und womöglich dadurch sogar selbst unwissend über die mögliche Wirkung von Sprache diskriminieren. Durch diese Einschätzung grenzen Sie mich als Unverbesserlichen, Ewig-Gestrigen, Stammtischler, Polemiker aus der Diskussion sogar aus und wollen nicht begreifen, dass es mir um das genaue Gegenteil geht, indem ich eben nicht an Oberflächlichkeiten festhalte, sondern zur Betrachtung der wirklichen Kernprobleme ermahne. Insofern diskriminieren Sie mich sogar – danke dafür.
    Und indem Sie auf meinen Fehlgriff in der Sprache hinweisen, ermahnen und belehren Sie mich gleichzeitig, womit Sie tatsächlich sogar eine Vorschrift auf mich anzuwenden versuchen, mich eben zweifelhafter und irreführender Konventionen anzuschließen, um Ihre bisherigen soziologischen und linguistischen Erfahrungen aus Lehrbüchern und Erhebungen eben nicht zu belegen.

    Vielen Dank jedenfalls, dass Sie mich damit sogar bestätigen: Diese Diskussion um eine notwendige Reform der Sprache, um diese zu antidiskriminieren, ist eine, in der Sie wiederkehrende Argumente meinerseits wie aus dem Lehrbuch der Diskriminierung zu vernehmen meinen, womit sie belegen, wie ziellos und irreführend eben diese Diskussion um die Reform der Sprache der letzten wie vielen Jahre auch immer (30? 40? 120?) ist. Diese Selbstbeschäftigung einer „Antidiskriminierungs-Elite“ an der Oberfläche, an den Symptomen der Diskriminierung hat bis heute nichts zählbares bewirkt; und dies wird auch zukünftig nicht erfolgreich sein, weil es eben nicht an die Wurzel geht.

    Ebenso wenig, wie Gesetze die Antidiskriminierung zum Wesens- und Kerngehalt einer lebendigen Gesellschaft werden lassen. Das können Gesetze unter keinen Umständen. Konkrete moralische Vorstellungen sollen Teil einer formalen Rechtsordnung sein? Also eine gesetzliche Vorgabe, wie im Zweifel zu denken und zu handeln sei? „1984“

    Was ist also naiver? Das Beharren auf einer althergebrachten Sprache mit dem Anspruch, durch die Gesellschaft hindurch an den Grundwerten zu arbeiten, auf diese Weise auch den Inhalt der Sprache umzuprägen, um letztlich die Antidiskriminierung von Geschlechtern voranzutreiben?
    Oder aber auf die formale Kraft von gedruckten Gesetzen zu hoffen, die im Zweifel dem Anwendungs- und Auslegungswahnsinn von ihren Anspruchstellern und Anwendern, jenseits der breiten Masse ausgeliefert sind?

    Im Zweifel sind beide Ansätze naiv und nicht zielführend; gleichwohl wird eine entsprechend aufgeweckte, moralisch gefestigte und „in der Sache“ aufgeklärte Gesellschaft mehr erreichen, als irgendwelche Gesetze.

    Daher halte ich Ihre Einschätzung meiner Person, diskriminierend und naiv zu sein, für reichlich selbst überhöhend und vor allem absolut falsch.

    tl;rd

  22. Alexandra Kemmerer Mi 18 Jan 2012 at 20:07 - Reply

    Das wundert mich nun schon, dass ein spontanes Blogposting zu einem so konventionellen Thema wie der Quote solche leidenschaftlichen Reaktionen auslöst – hier in unserem virtuellen Salon, aber auch in seinen Hinterzimmern, in Gesprächen, Telefonaten und Mails, fast immer mit der Bitte um Diskretion und dem Hinweis, dass Diskriminierung und die Erfahrung damit kein Thema sei, über das man in einem Blog öffentlich sinnvoll diskutieren könne. Und ohnehin sei doch alles gesagt. Und man müsse diese ganze Debatte nicht noch ei n x-tes Mal wiederholen. Was vermutlich richtig ist, wenn ich mir einige Kommentare ansehe.

    Zunächst einmal: Es geht in meinem Beitrag nirgends um Schuld, und erst recht nicht um Schuldzuweisungen an die Opfer von Diskriminierung. Ich kenne die Situationen, die Rike beschreibt, und andere mehr.

    Es geht um Verantwortung. Verantwortung – zu der auch Engagement und Habitus gehören, die im hellen Licht der Kategorie Verantwortung auch dem aufgeklärtesten Leser nicht als “dunkle Eigentlichkeiten” erscheinen sollten – kann natürlich, das ist mir durch manche Reaktionen auf meinen Beitrag noch einmal klar geworden, auch bedeuten, dass man sich in der konkreten eigenen Berufs- und Lebenssituation nicht offen gegen die Spielregeln stellt und stattdessen zuwartet, bis diese sich verändern und neue Handlungsräume eröffnen.

    Selbstverständlich kann die äußerliche Form des Rechts gesellschaftliche Zustände und die Bedeutung von Handlungsmustern ändern, mitunter sogar diese Handlungsmuster selbst. Das Recht ersetzt aber nicht die öffentliche Debatte, die politische Auseinandersetzung darüber, wie wir miteinander leben und handeln wollen.

    Darum ging es mir, und dafür lasse ich mir auch gern von Christoph Möllers die Verfolgung reaktionärer Topoi attestieren. Ich denke allerdings, dass ich solche in der Regel nur in dekonstruktivistischer Absicht verfolge, und dass es hier nicht anders ist. Es geht um die realistischen Grenzen und Möglichkeiten der Quote.

    Mag sein, dass tatsächlich alles gesagt ist und dass nur eine Änderung der Strukturen qua Quote das Geschlechterverhältnis verändern kann. Das Recht kann dafür Räume eröffnen. Der Vorteil der Quote wäre dann, jedenfalls für den Moment nicht mehr debattieren zu müssen, worüber man schon endlos debattiert hat und vielleicht auch gar nicht sinnvoll debattieren kann – zum Beispiel über so “dunkle Eigentlichkeiten” wie Charisma, Habitus und und Macht.

    Es muss sich etwas ändern – und ich stimme auch ganz mit den Handlungsoptionen überein, die Ute Sacksofsky in dem von Katharina Mangold zitierten Klassiker aufzeigt: „Man kann entweder die Frauen weiter benachteiligt sein lassen, oder man kann – wie etwa durch Quotenregelungen – gegensteuern.”

    Die Quote aber ist beim Gegensteuern nicht genug. Und damit auch nicht die „Berliner Erklärung“. Es braucht eine überfraktionelle politische Debatte über gesellschaftliche Strukturen, zu denen auch zentral die hier an mehreren Stellen angesprochene Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Kinderbetreuung und Sorge für pflegebedürftige Angehörige in einer alternden Gesellschaft gehört.

    Es muss gestritten werden über Veränderungen, die wir als Gesellschaft wollen.

    Quoten sind ein Weg, diesen Streit auf Augenhöhe zu ermöglichen. Vielleicht sind sie dafür sogar unverzichtbar. Aber sie sind nicht genug.

    Gerade fällt mir der Leitartikel von Hilal Sezgin in der heutigen TAZ in die Hände – mit einem Plädoyer für Vielfalt, das mehr fordert als „nur“ Quoten und zugleich erklärt, was Quotenpolitik im besten Falle sein und leisten soll:

    „Wir brauchen ein Ideal von Diversity – nicht unbedingt, weil Vielfalt immer toll ist, sondern als Lackmustest für Pluralismus und Chancengleichheit. Das Ideal der Vielfalt funktioniert vor allem ex negativo. Wir alle müssen uns angewöhnen, die Runde, in der wir jeweils sitzen, daraufhin zu überprüfen, wer darin repräsentiert ist – und wer fehlt. (…) Das Ziel besteht nicht darin, auf Teufel komm raus eine Frau oder eine Migrantin irgendwo „hineinzukriegen“. Sondern darin, die Filtermechanismen abzubauen, die Angehörige vieler Gruppen draußen halten. Auch in der Quotenpolitik geht es schließlich nicht um Artenschutz, sondern um Beteiligung. Meine Güte, der Unterschied kann doch nicht so schwer zu verstehen sein!“

    Auf die vielstimmige Debatte kommt es mir an, auf die Möglichkeit zum Perspektivenwechsel und auf den Streit und die Selbstbestimmung unter Gleichen. Darum muss es auch bei der Quote gehen. Das deutlich zu sagen schien mir wichtig. Dass es nicht ganz überflüssig ist, beweist schon – wie Hilal Sezgin noch einmal vor Augen führt – der tägliche Blick in die Zeitung. Jetzt kann ich die “Berliner Erklärung” getrost unterschreiben.

  23. Alexandra Kemmerer Mi 18 Jan 2012 at 20:10 - Reply

    … hier noch der link zum zitierten Text:

    http://www.taz.de/Schlagloch-Vielfalt/!85873

  24. Alice Do 19 Jan 2012 at 16:06 - Reply

    Die Idee finde ich gut. Mir stellen sich dabei trotzdem ein paar Fragen:

    1. Ausschreibungen

    a) Gesetzesvorrang?
    Nach bisheriger Rechtsprechung sind nicht geschlechtsneutrale Ausschreibungen diskriminierend und nicht zulässig. Es liege dann stets ein Verstoß gegen das Antidiskriminierungsgesetz vor.
    Durch eine Quotenregelung würden Ausschreibungen aber gerade gezielt für Frauen (siehe dazu Punkt 2) stattfinden.
    Der Widerspruch zwischen dem AntiDis-Gesetz und dem Quotengesetz (oder den Quotenregeln) könnte mit dem lex specialis Grundsatz sowie dem lex posterior-Grundsatz gelöst werden, da die Quotenregelungen wohl das AntiDis-Gesetz ausstechen würde.

    b) Rechtskonformität?
    Allerdings stellt sich mir gerade dabei die Frage, inwieweit eine Quotenregelung mit dem Grundgesetz bzw. mit EU-Recht vereinbar sein kann?

    2. Anwendbarkeit

    Würde das Quotengesetz nur für Frauen, oder auch für Männer gelten? Also könnten sich Männer auf leitende Positionen in Unternehmen bewerben, die vornehmlich unter der Leitung von Frauen stehen?

    3. Fall-Überlegungen

    a) Quotenerfüllung I
    Ein Unternehmen soll die Quote von 30% (später 50%) erfüllen. Es finden Ausschreibungen statt, die sogar geschlechterneutral gefasst sind.
    Das eine Geschlecht braucht sich dennoch nicht zu bewerben, da es ungeachtet ihrer möglicherweise im Einzelfall vielleicht sogar besseren Qualifikationen, Erfahrungen und Softskills aufgrund der zu erfüllenden Quote gar nicht genommen werden würde.

    b) Quotenerfüllung II
    Das Unternehmen hat die Quote von 30% (50%) bereits erfüllt. Auf eine neue Ausschreibung bewerben sich verschiedene BewerberInnen. Obwohl die Qualifikationen, Erfahrungen und Softskills derjenigen, die der Quote zugehörig wären, besser sind, werden sie unter Hinweis auf allgemein gefasste Platzhalter dennoch nicht genommen.

    c) Folgefragen
    Selbst wenn diese zwei Fallgestaltungen möglicherweise die Ausnahme sein würden, so ergibt sich daraus zum einen, dass sich die Unternehmen grundsätzlich richtig, weil rechtmäßig, verhalten haben (sie haben die Quote erfüllt); zum anderen liegen die Diskriminierung und der aus der Gesetzmäßigkeit des unternehmerischen Verhaltens auch der Ausschluss der Rechtschutzmöglichkeiten auf der Hand (gesetz- und rechtmäßige, vom Gesetzgeber gewollte Diskriminierung).

    4. Strahlungswirkung?

    Die geforderte Quotenregelung soll die stärkere Beteiligung von Frauen in leitenden Positionen fördern. Das ist ein wünschenswertes Ziel.
    Aber kann ein Gesetz, dass noch dazu nur für einen sehr kleinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kreis bestimmt ist (Frauen in leitende Positionen), eine Strahlenwirkung entfalten, durch die gesellschaftlich, philosophisch, politisch und ideologisch über die Stellung der Frau und ihre Diskriminierung weiter gesprochen wird? Wär‘ ja wünschenswert, aber wohl auch naiv, das zu glauben bzw. zu hoffen.

  25. […] in der Privatwirtschaft befürwortet? Diese Frage stellte sich im Januar Alexandra Kemmerer im Verfassungsblog. Der Ver­fassungsblog schreibt zwar über “matters constitutional”, hat sich bisher […]

  26. Martin_1 Mo 23 Apr 2012 at 15:27 - Reply

    Wie so oft wird auch hier unzulässigerweise die _Gleichberechtigung_ mit _Gleichstellung_ in einen Topf geworfen. Warum wird das gemacht:

    1. absichtlich -> dann ist der restliche darauf aufbauende Text nicht von Belang

    2. aus Unwissenheit -> nochmal über die Bedeutung von Wörtern in der deutschen Sprache nachdenken; sonst wie 1.

    Fakt ist, dass wir nach unserem GG die Gleichberechtigung haben (d.h. gleiche Startposition), den Rest mögen sich die Frauen selbst erarbeiten; Männer machen’s ja auch so.

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