The Human Trick
Für eine verkörperte Wissenschaft
Heute, am Tag der Arbeit, ist ein guter Tag, um über die Arbeit nachzudenken, die wir selbst machen. Damit meine ich nicht nur uns als Redaktion, sondern auch Sie: Wissenschaftlerinnen, Juristen, Studierende.
Hier in der Redaktion des Verfassungsblogs spüren wir deutlich, dass sich gerade etwas verschiebt. Immer mehr Texte, die bei uns ankommen, lesen sich eigentümlich glatt, langweilig, antithetisch („Es geht nicht um X, sondern um Y“). Es gibt keine Ecken und Kanten, alles ist algorithmisch abgeschliffen. Da rutscht eben auch das Auge ab. Und oft sind diese glatten, glänzenden Formulierungen leider nichts weiter als hübsche Perlen auf einen dünnen Faden gezogen, der bei der geringsten Belastung reißt.
Diese KI-(de)generierten Texte stammen aus der schönen neuen Welt, doch haben sie keinen echten Ursprung. Sie wurden zwar gepromptet, aber außerhalb des Körpers geboren, ohne Schwangerschaft: ohne den langwierigen und mühsamen Prozess, eine Idee zu empfangen, zu nähren und in die Welt zu bringen. Was ihnen fehlt, ist eine Person, die etwas erfahren, gelesen und wirklich durchdacht hat.
Aber klingt das nicht eigentlich nach perfekter Wissenschaft? Objektive Erkenntnis aus dem Nichts, neutraler geht’s nicht. Das störende Menschliche endlich raus aus der Gleichung, nur noch rohe Wahrheit, pure Erkenntnis! Donna Haraway hat dieses herrschende Wissenschaftsverständnis schon Ende der 1980er Jahre als „god trick“ kritisiert: Diese Form von „Objektivität“ tue so, als gebe es einen objektiven Blick „of seeing everything from nowhere“. Stattdessen plädiert Haraway für das, was sie „feministische Objektivität“ nennt: für streitbares, positioniertes Wissen „from somewhere“. Durch Verortung entstehe Verantwortlichkeit, weil sich verortetes Wissen zurückverfolgen lasse. Diese „Situated knowledges“, wie ihr Aufsatz heißt, verlangten nach einer Praxis der Positionierung, die reflektiert, aus welchen Körpern das Wissen stammt und wie der verkörperte Akteur situiert ist (insbesondere welche Machtbeziehungen sich auf ihn auswirken). In den Worten von Haraway: „[O]bjectivity turns out to be about particular and specific embodiment“.
Positioniertheit ist für Haraway also nicht das Gegenteil von Objektivität, sondern deren Voraussetzung. Nur ein Text, der seine Perspektive offenlegt, lässt sich überprüfen, kritisieren, weiterdenken. Die menschliche Wissenschaft versucht sich weiterhin am god trick und scheitert daran, mit einer Maskerade aus Passivformulierungen und verschleierten Biases. KI-generierte Texte scheinen nun technisch einzulösen, was sich menschlich nicht einlösen lässt. Und interessanterweise scheitern sie gerade deshalb an der Wissenschaft.
Und das ist ein grandioses, aufschlussreiches Scheitern. Denn es zwingt uns dazu, zu formulieren, was wir an guten (wissenschaftlichen) Texten schätzen: die geronnene Lebenserfahrung, die Fehler, die Irritationen, kurzum – the human, not the god.
Das heißt nun keineswegs, dass KI unmenschliches Teufelszeug ist, von dem wir die Finger lassen sollten. Ganz im Gegenteil. KI kann uns elendige Fleißarbeit abnehmen und den kreativen Prozess erleichtern. Sie kann Geburtshelferin sein, aber die Schwangerschaft kann und sollte sie uns nicht abnehmen. Das schreibe ich nicht aus purer Romantik. Wissenschaftlich zu arbeiten heißt, währenddessen selbst zu wachsen, zu werden – in Beziehung zum Suhrkamp-Band, zu den eigenen Erfahrungen, zum Widerspruch unserer Kolleg:innen, zu den unzähligen geistigen Müttern und Vätern, die in unserem Kopf herumspuken und uns einflüstern, wie wir zu denken und zu schreiben haben. Auch hierzu hatte Haraway kluge Gedanken (sie spukt bei mir ziemlich viel herum): Sie schrieb, dass wir nur in Beziehungen zu anderen werden, wer wir sind. Schreiben, denken, forschen – ein ständiges „becoming-with“. Wenn wir einen Text von KI generieren lassen, werden wir nicht zu jemandem Neuem. Im Gegenteil. Wir verlieren ein Stück der Person, die wir bereits geworden sind: Wir denken weniger, wir misstrauen unserem Wissen und unseren Gedanken, wir lagern Verantwortung aus.
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Holterhus, MLE., LL.M. (Yale), Direktor des Europa-Instituts) sucht die Universität des Saarlandes zum nächstmöglichen
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Das muss nicht so sein. Genauso wie mit unseren eigenwilligen Kolleg:innen können wir auch mit KI in Beziehung treten: Ideen austesten, unsere Gewissheiten hinterfragen, um Formulierungen ringen, neue Quellen entdecken. Ich kann halbgare Gedanken an der Maschine testen und mich von ihr zwingen lassen, präziser zu formulieren. Ich kann mir Quellen vorschlagen lassen und beim Überprüfen merken, was halluziniert ist und was hält. Und ich kann mir mehr informierte Widerworte herbeiprompten, als mir meine Kollegin je geben würde. Wenn wir KI so nutzen, bleibt der Schreibprozess einer, bei dem wir uns an der Maschine und an dem Material reiben und uns dabei selbst verwandeln.
Die Arbeiterbewegung forderte nicht nur einen Achtstundentag, der mehr Freizeit lässt. Sie richtete sich auch gegen eine Arbeit, die uns nicht gehört, weil wir in ihr nicht vorkommen. Wissenschaftliches Schreiben ist eine Arbeit, in der wir vorkommen können. Wir schreiben über Dinge, die uns bewegen, und die etwas in der Welt bewegen können. Geben wir diese Arbeit nicht aus der Hand.
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Editor’s Pick
von MAXIM BÖNNEMANN
London hat im Laufe seiner Geschichte zahlreiche Verwandlungen durchgemacht. Eine der folgenreichsten ist Londons Entwicklung zum Knotenpunkt internationaler Hochfinanz, zwielichtiger Oligarchen und einer brummenden kriminellen Schattenwelt. Durch dieses London führt uns Patrick Radden Keefe in einem atemberaubend erzählten (Sach-)Buch, das den Tod des 19-jährigen Zac Brettler rekonstruiert. Brettler sprang 2019 vom Balkon eines Luxusgebäudes direkt an der Themse. Eine Überwachungskamera des gegenüberliegenden Hauptquartiers des MI6 zeichnet den Sprung zwar auf, doch je mehr über das Leben Brettlers bekannt wird, desto mehr Fragen stellen sich zu seinem Tod. Keefe puzzelt Gespräche, Verhörprotokolle, Familiengeschichten und Nachrichtenverläufe zu einem Bild zusammen, in dem Geschäftsmänner, kaltblütige Kriminelle und ein Teenager, der dazugehören will, aufeinandertreffen. Ebenso wie die Geschichte der Stadt ist auch diese Geschichte transnational, verflochten und abgründig. Keefe gelingt es, sie ebenso präzise wie empathisch zu erzählen.
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Die Woche auf dem Verfassungsblog
zusammengefasst von EVA MARIA BREDLER
Und damit frisch an die Arbeit: Die historische Entscheidung Commission v. Hungary beschäftigt uns auch diese Woche weiter. Der EuGH erklärte darin ein ungarisches Gesetz, das LGBTIQ+-Personen stigmatisiert, für unionsrechtswidrig – und stellte fest, dass die in Art. 2 EUV aufgezählten Werte rechtsverbindlich sind. ARMIN VON BOGDANDY und LUKE DIMITRIOS SPIEKER (EN) loben das als innovativ: Der Gerichtshof entwerfe ein „collective singular“, dem er die EU-Rechtsordnung zuschreibe – eine „European society“. LENA KAISER (EN) hält die Entscheidung dagegen für „heavy artillery with light reasoning“ und schließt sich Benedikt Riedls kritischer Analyse an.
Historisch war nicht nur Commission v. Hungary, sondern auch der Wahlsieg der Tisza-Partei in Ungarn. Gerade deshalb mahnt MARK VARSZEGI (DE) politische Zurückhaltung an: Hinter der Zweidrittelmehrheit stecke nicht bloß gesellschaftlicher Konsens, sondern ein Wahlrecht, das die jeweils stärkste politische Kraft weiter stärke, wie ein Blick in die Geschichte seit 1989 zeige.
Historisch könnte auch ein Verfahren in Belgien werden: Erstmals könnte ein belgisches Gericht über die individuelle Verantwortung für die Ermordung Patrice Lumumbas im Jahr 1961 entscheiden. JÉRÉMIAH NIRINA VERVOORT(EN) warnt allerdings, dass daraus eher ein Akt der Selbstabsolution werden könnte als eine ehrliche Auseinandersetzung mit Belgiens kolonialer Vergangenheit.
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Heidelberger Salon: Cities, Climate Change and the IPCC
11.05.2026 | 18:00 – 20:00 | Humboldt-Universität zu Berlin, Auditorium Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, Geschwister-Scholl-Str. 1-3, 10117 Berlin
Cities are key drivers of climate change, but also central to its mitigation and adaptation. As urban areas face increasing risks, from heatwaves to flooding, they also offer opportunities for innovative sustainability policies. An interdisciplinary panel discussion with Helmut Philipp Aust (Berlin / Heidelberg), Christoph Bernhardt (Berlin), Matthias Garschagen (Bonn), Priya S. Gupta (Montreal), Anne Holsten (Stuttgart), Angela Schwerdtfeger (Berlin), moderated by Alexandra Kemmerer (Berlin / Heidelberg).
Further information and registration here.
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Währenddessen hat Generalanwältin Ćapeta ihre Schlussanträge in der Rechtssache Medel vorgelegt – und damit die Frage der Klagebefugnis von NGOs wiederbelebt. Seit der EuGH-Entscheidung Plaumann von 1963 sind NGOs von Nichtigkeitsklagen ausgeschlossen. LAURA HILDT (EN) erklärt, wie sich mit Ćapetas Schlussanträgen diese Rechtsprechung elegant ablösen ließe.
Auch die Europäische Kommission will offenbar etwas überdenken. Ihre Mitteilung „A Simpler, Clearer and Better Enforced EU Rulebook” kündigt eine ambitionierte Reform an. ALBERTO ALEMANNO (EN) ist nicht überzeugt und erkennt darin eine verfassungsrechtlich problematische Logik.
Verfassungsrechtlich problematisch ist womöglich auch die Logik des EU AI Acts. Die EU plant, KI-Systeme zur automatisierten Entscheidungsfindung in Migrations- und Asylverfahren vollumfänglich einzusetzen. WILLIAM H. ALEXIS (EN) zeigt, wie das System binäre Strukturen reproduziert und trans Frauen bereits aus seiner Architektur ausschließt.
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Krieg auf dem europäischen Kontinent, Zweifel an der US-Unterstützung – wie kann Europa eine echte Verteidigungsunion aufbauen, ohne den Vertrag zu ändern? STEVEN BLOCKMANS und KARSTEN MEIJER (EN) skizzieren drei mögliche rechtliche Lösungen und halten ein intergouvernementales Abkommen für die tragfähigste.
Bis dahin verlassen sich die europäischen Staaten darauf, dass die NATO trägt – und auf eine US-Truppenpräsenz, deren Reduzierung Trump nun wieder ins Spiel gebracht hat. Noch bleibt die Air Base Ramstein logistisches Drehkreuz der US Air Force. MICHAEL RIEGNER (DE) sieht darin „auch das Epizentrum einer schleichenden Erosion des grundgesetzlichen Friedensgebots im Zuge des Iran-Krieges“ und fordert einen Parlamentsvorbehalt für die Unterstützung alliierter Operationen von deutschem Boden.
Mit einer Verfassungsfrage anderer Art hatte jüngst das Bundesverwaltungsgericht zu tun: Darf eine Kommune Mitglied einer „Allianz gegen Rechtsextremismus“ bleiben, wenn dort AfD-kritische Äußerungen fallen? BERNHARD STÜER und MICHAEL BUTTLER (DE) halten es für irreführend, wie das BVerwG private Äußerungen kurzerhand der Stadt zurechnet.
Irreführend ist auch eine neue Diagnose aus dem US-amerikanischen Politvokabular: das „Trump Derangement Syndrome“. Wer der Trump-Administration vorhält, demokratische Strukturen abzubauen, wird für krank erklärt; manche Kritiker:innen stellen sich inzwischen gar selbst die Diagnose „TDS“. AOIFE O’DONOGHUE (EN) verfolgt diese „Tyrannophobie“ zurück zu Hobbes und zeigt: Wer den eigenen Standpunkt für krankhaft erklärt, macht sich selbst mundtot – und kann Tyrannei nicht mehr benennen.
Und es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Worte haben Wirkung. Die magische Kraft des Rechts ist dafür das beste Beispiel. Bruce Lee soll gesagt haben: „words cast spells, that’s why it’s called spelling“. Aber auch wenn Sie keine Kampfkünstler:in werden wollen, sollten Sie aufpassen, wie Sie über sich und andere sprechen.
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Das war’s für diese Woche.
Ihnen alles Gute!
Ihr
Verfassungsblog-Team
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