Was uns einfällt
Hinter den Kulissen unserer Texte
Am Anfang war kein Wort – sondern nur ein weißes Blatt. Auch bei diesem Editorial. Und jetzt stehen hier schon drei Sätze! Als Leser:innen sind Sie meistens nur mit dem Endprodukt konfrontiert – unsere Autor:innen und wir beim Verfassungsblog hingegen mit diesem weißen Blatt. Doch was passiert eigentlich, bevor die Texte bei uns veröffentlicht werden? Die Frage beschäftigt uns intensiver, seit wir das Gefühl haben, dass KI das weiße Blatt für uns füllt. Wir wollen es uns deshalb zur Aufgabe machen, den bedrohten kreativen Prozess zu schützen. Unsere Strategie ist dieselbe wie beim Artenschutz: Sichtbarmachung! Statt Ihnen Fotos von süßen Orang-Utans zu präsentieren, werden wir dazu kurze Texte aus unserer Redaktion und von unseren Autor:innen teilen, die den kreativen Prozess beschreiben: Wie kommen wir auf Ideen? Wo sind wir, wenn uns Ideen kommen? Wie säen und gießen wir Ideen und wann merken wir, dass sie reif sind? Ich darf heute den Anfang machen.
Kreativität also. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es kreative und unkreative Menschen gibt. Was für eine trostlose Welt das wäre! Inzwischen bin ich überzeugt, dass Kreativität unser Naturzustand ist: Wir lauern einander nicht als hungrige Wölfe auf, sondern schmieren lustige Figuren an Höhlenwände, machen aus Stöckchen Feuer und tanzen dann drum herum.
Das Wort „Einfall“ enthält im Grunde schon alles: Die Idee fällt mir plötzlich in den Kopf hinein. Früher dachte ich, ich müsse mehr machen: mehr lesen, mehr wissen, mehr schreiben, mehr mehr mehr (es war keine einfache Promotionsphase). Und bloß alles richtig machen. Dabei habe ich gelernt: Die Angst sucht das Richtige, die Freude findet das Wahre. Ich muss gar nicht so viel machen, sondern nur im richtigen Moment da sein und die Idee fröhlich auffangen. Kreativität ist a way of being, wie Rick Rubin es in meiner kreativen Bibel zusammenfasst. In betörend simplen Worten erinnert er uns daran, wie wir die Welt als Kinder wahrgenommen haben, verspielt und neugierig. Ach stimmt, so war das – damals, im Naturzustand.
Im Grunde fing mein kreativer Prozess also schon mit Beginn meiner inneren Aufzeichnungen an. Draußen ist das Material: Waldlandschaften, Abenteuerromane, Gesprächsfetzen, Farben, Formen, Fachliteratur. Mein Körper speichert davon eine Auswahl ab – nach einem mir undurchschaubaren Zettelkastensystem. Aber es funktioniert. Es beeindruckt mich immer wieder, was ich alles in den Archiven meines Unterbewusstseins finde und was ungefragt mit dem Aktenaufzug nach oben geschickt wird (etwa Werbejingles aus den 2000ern während meines Staatsexamens). Aktenaufzug heißt im Englischen Dumbwaiter, und so fühlt sich der kreative Prozess auch manchmal an: just waiting like an idiot. Irgendwas passiert da unten im Archiv, und wenn ich lang genug warte, wird ein hübsches und überraschendes Aktenpaket ausgespuckt.
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Das Timing ist außerhalb meiner Kontrolle. Wann kommt eine Idee? Elisabeth Gilbert stellt sich Ideen in ihrem Buch Big Magic als eigenständige Wesen vor, die ständig um uns herumschwirren und nach einem willigen menschlichen Partner suchen. Haben sie jemanden gefunden, versuchen sie, auf sich aufmerksam zu machen. Ich mag das: Ideen als eigenwillige flatterige Wesen, der kreative Prozess als Teamwork zwischen innen und außen. Vielleicht gehorcht mein Archivpersonal nur dem Ruf dieser Fledermäuse, den ich selbst nicht hören kann. So ist jedenfalls meine Erfahrung: Manchmal ist die Zeit für eine Idee einfach reif, und wenn ich mich nicht mit ihr verbinden will, kann es gut sein, dass sie sich ein paar Monate später woanders materialisiert – als genau der Text, der bei mir als ungeschriebener Entwurf wieder im Archivkeller verschwand.
Stephen King rät, selbst in den Keller hinabzusteigen. Dort wohnt seine Muse, wie er in On Writing beschreibt: „There is a muse, but he’s not going to come fluttering down into your writing room and scatter creative fairy-dust all over your typewriter or computer station. He lives in the ground. He’s a basement guy. You have to descend to his level, and once you get down there you have to furnish the apartment for him to live in.“
Auch das stimmt: Man muss es der Muse schon gemütlich machen. Mir hilft dabei eine schöne Umgebung. Gerade sitze ich zum Beispiel in meinem Lieblingscafé, hier läuft leise souliger Jazz, nebenan wird getöpfert, und es riecht nach einer Mischung aus nassem Ton und Pistazienkuchen.
Mein Archivpersonal scheint außerdem nicht gut zu arbeiten, wenn ich ihm dabei streng über die Schulter gucke, die Stoppuhr in der Hand. Setze ich mich unter Druck, streiken die Beamten. Stattdessen hilft es, so zu tun, als sei ich mit was anderem beschäftigt: die kreative Aufgabe sanft präsent zu halten, während ich anspruchslosen anderen Dingen nachgehe.
Im Grunde bin ich ein bisschen wie Claude – eine Blackbox mit wahnsinniger Rechenleistung, nicht mehr nachvollziehbaren Assoziationsketten und reichlich Halluzinationen. Nicht jedes Aktenpaket bearbeite ich. Und hier unterscheide ich mich dann (zum Glück!) von Claude: Ich habe einen Körper. Mein Bauch muss kribbeln und meine Finger jucken – die Idee muss mich bewegen, sonst bringt es nichts. Deswegen fällt mir Gutes oft auch in Bewegung ein, beim Spazieren, Abwaschen, Wäsche aufhängen. Lässt mich die Idee dann nicht mehr los, muss ich ihr Raum geben: das weiße Blatt.
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Das Fachgebiet Just Transitions beforscht Fragestellungen einer möglichst gerechten sozial-ökologischen Transformation in transnationalen Kontexten. Themenschwerpunkte sind dabei unter anderem die Ökologisierung des Rechts und Resilienz von Demokratie und Rechtsstaats. Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir zum 1.9. zwei Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen.
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KI nutze ich trotzdem, aber nur als Dienstleisterin meines eigenen Archivs. Sie kann die geschwärzten Stellen für mich nachschauen, die Erinnerungslücken in meinen Akten (sehr praktisch!), und auch sonst prüfen, ob das Quatsch ist. Sollten sowohl meine natürliche als auch die künstliche Intelligenz dabei halluzinieren, zähle ich darauf, dass Sie es mir sagen.
Mit dem weißen Blatt wird der Prozess aktiver, doch die Führung übernehme ich auch hier nie ganz. Es ist wie beim Paartanz: Während ich den Rahmen halte, tanzt die Idee von allein. Jeder Tanz ist anders, der eine leichtfüßig, der andere schwerfälliger – aber immer kommt man woanders raus, als man am Anfang dachte, leicht geschwitzt und beseelt. Wenn Sie mich jetzt für eine Romantikerin halten, liegen Sie richtig. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, warum man lieber KI nutzt als zu tanzen.
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Editor’s Pick
von JAKOB GAŠPERIN WISCHHOFF

Ece Temelkuran’s „Nation of Strangers“ ist eine zutiefst persönliche, melancholisch-poetische Reise der Heimatlosen (unhomed). In Briefform – geschrieben über die letzten drei Jahre, an uns alle, die Entfremdeten – sucht Temelkuran nach ihrer neuen Zugehörigkeit und erschafft sie zugleich. Sie findet sie in all jenen, die Odysseus sind: unhomed, auf der Suche nach dem Weg (zurück) nach Hause. Ob auf der Flucht vor dem Faschismus, nach dem Verlust eines Zuhauses oder einfach davongelaufen – die Suche hinterlässt dieselben bohrenden Fragen: Warum bin ich gegangen? Wie werde ich überleben? Werde ich je heimkehren?
Ihre aufrichtig ehrliche Reflexion hat vielen meiner eigenen Gefühle die richtigen Worte gegeben. Vielleicht hat sie recht: Es gibt ein Band zwischen uns, den entwurzelten Fremden. Ich hoffe, wir alle finden am Ende unsere Ithaka.
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Die Woche auf dem Verfassungsblog
zusammengefasst von EVA MARIA BREDLER
Recht ist auch ein kreativer – kollektiver! – Prozess. Besonders schön ließ sich das kürzlich im ecuadorianischen Amazonasgebiet beobachten: Am 28. Mai sprach ein ecuadorianisches Gericht der indigenen A’i-Cofán-Sinangoe-Gemeinschaft ihr Land zu. Vorausgegangen war eine interkulturelle Anhörung mitten im Regenwald: Los ging es um 4 Uhr morgens mit einem Aufguss der Pflanze yoco, am Ende zeigten Kinder handgemalte Karten der Flüsse, in denen sie schwimmen, und der Pfade, die ihre Großeltern gegangen sind. WIDER GUARAMAG UMENDA, ALEXANDRA NARVÁEZ UMENDA und JENNY GARCÍA RUALES (EN) berichten aus erster Hand.
Wie könnte kreative Klimapolitik in Deutschland aussehen? Eher nicht wie das Heizungsgesetz. Doch es ist besser als keins. Das scheint der Gesetzgeber anders zu sehen und es so weit aushöhlen, dass eher heiße Luft als heißes Wasser übrig bleibt. Darf er das? Welche Grenzen die Verfassung für die Klimapolitik setzt und wann der Gesetzgeber Klima- und Umweltschutz abschwächen darf, erklärt CHRISTIAN CALLIESS (DE).
Dabei hat sich die verfassungsrechtliche Beurteilung der Klimapolitik bisher an Obergrenzen der atmosphärischen Erwärmung orientiert. Was passiert, wenn diese Grenzen überschritten werden? Diese Frage stellt sich derzeit in mehreren anhängigen Verfahren. GERD WINTER (DE) macht einen Vorschlag, der den Fokus vom Kalkulieren und Zuteilen von Emissionsbudgets hin zum technisch, ökonomisch und sozial Machbaren verschiebt.
Auch das BVerfG stand zwischen der Zuteilung von Budgets und dem sozial Machbaren. In seiner jüngsten Entscheidung zum Asylbewerberleistungsgesetz hat es niedrigere Sozialleistungen für Asylsuchende nun weitestgehend gebilligt. Damit relativiere das Gericht das Existenzminimum aus migrationspolitischen Gründen, so LUISE FREITAG (DE).
Während auf dem Feld des Migrationssozialrechts also gerungen wird – insbesondere um Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Ausgrenzung – fordern neue Arbeitsformen das Arbeitssozialrecht heraus: Ohne Betrieb auch kein Betriebsrat. Für Lieferpersonal in der Plattformwirtschaft führt das zu Schutzlücken – und stellt den Betriebsbegriff des Betriebsverfassungsgesetzes insgesamt in Frage. FELIX HARTMANN (DE) plädiert daher für eine modulare Alternative.
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Stellenausschreibung
An der Professur für Bürgerliches Recht, Handels-, Gesellschaftsrecht, Compliance und Nachhaltigkeit (Prof. Jan-Erik Schirmer) ist eine Qualifikationsstelle mit dem Ziel der Promotion als Akademische*r Mitarbeiter*in (Kenn-Nummer 1104-26-02) zu besetzen.
Bewerbungsschluss ist der 14.06.2026.
Unser ausführliches Stellenangebot: www.europa-uni.de/stellenangebote
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Wie sich Mitbestimmung organisieren lässt, beschäftigte auch den indischen Supreme Court: Vergangene Woche entschied er über die Befugnisse der Election Commission of India bei der Special Intensive Revision, einer großangelegten Bereinigung der Wählerverzeichnisse. ANMOL JAIN (EN) zeigt, was sich daraus rechtsvergleichend für fourth branch institutions und Wahlbehörden lernen lässt.
Kreativ sind auch die Mitgliedstaaten des Europarats geworden: Mit der Erklärung von Chișinău wollen sie die Gehalte der EMRK-Garantien mitgestalten. LINA SOPHIE MÖLLER (EN) argumentiert, dass sie damit eine Linie überschritten haben, die sich auch mit diplomatischer Mäßigung nicht mehr retten lässt.
Noch kreativer ist die Idee, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft von 1952 wiederzubeleben. In seiner Erwiderung auf Federico Fabbrini und Franz C. Mayer findet ROBERT SCHÜTZE (EN) klare Worte: „Again, the European Defence Community Is Dead, Let It Rest in Peace.“
Populärer ist die Idee einer neuen EU-Organisationsform: Die Debatte um die vorgeschlagene EU Inc. ist zu einer der lebhaftesten im europäischen Gesellschaftsrecht geworden. Doch der Verordnungsentwurf zur EU Inc. sieht sich scharfer Kritik an seiner Rechtsgrundlage – Art. 114 AEUV – ausgesetzt. WOLF-GEORG RINGE (EN) zeigt, dass die verfassungsrechtliche Debatte am Kern vorbeigeht: Wo politischer Wille ist, hat die europäische Integration immer einen rechtlichen Weg gefunden.
Politischer Wille kann den Werten der europäischen Integration allerdings auch schaden: Europäische Justiz- und Berufsnetzwerke behalten Polens von der PiS gekaperte „Gerichte“ weiterhin als Mitglieder. LAURENT PECH und OLIVER MADER (EN) argumentieren, dass dies Rechtlosigkeit normalisiert – und dass die Europäische Kommission handeln sollte.
Es gibt auch gute Nachrichten aus Polen: Nach der EuGH-Entscheidung in Trojan transkribieren polnische Gerichte nun im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen. MATEUSZ WĄSIK (EN) zeigt, wie sie außerdem „Wochenend-Ehen“ anerkennen – gestützt auf verfassungsrechtliche und EGMR-Argumente, die über die unionsrechtliche Freizügigkeit noch hinausgehen.
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Wie sieht die Zukunft des Straf- und Sicherheitsrechts aus? Wer den Überblick behalten will, braucht mehr als Schlagzeilen. Das neue VB Security & Crime Dossier bringt einmal im Monat die wichtigsten Debatten direkt in Ihr Postfach: Ein Kommentar an der Schnittstelle von Verfassungs-, Straf- und Sicherheitsrecht, ein Debatten-Rückblick und unser „Aktenvermerk“ für den schnellen Denkanstoß. Eingeordnet, gebündelt und auf den Punkt gebracht.
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Währenddessen braucht Ungarn Geld für den Wiederaufbau seiner Rechtsstaatlichkeit. Eine Option: das Einfrieren der EU-Mittel aufzuheben. John Morijn und Kim Lane Scheppele forderten dafür kürzlich striktere Verfahrensdisziplin. JOANNA DEMOPOULOU (EN) argumentiert, die eigentliche Frage sei nicht, wie sich dieser Mechanismus entpolitisieren lasse – sondern wer das Ermessen ausüben soll.
Ungarns Neuanfang birgt leider auch das Risiko, die Fehler von 1989 zu wiederholen. GÁBOR HALMAI (EN) erklärt, warum die Begeisterung der Bevölkerung in diesen constitutional moment kanalisiert werden muss.
Unser Symposium „On Law and Politics in the Hungarian Transition“ (EN) reflektiert genau diesen Moment. LÁSZLÓ DETRE beobachtet, dass das ungarische Verfassungsgericht den Rechtsstaatsabbau nicht verhindert hat, und plädiert dafür, seine Besetzung zu erneuern – aber nur durch parteiübergreifende Nominierung.
Und schließlich erzählt MUSKAN KAKKAR (EN) für unser Outstanding-Women-Porträt im Juni die Geschichte von Shirin Ebadi – der ersten muslimischen Frau und ersten Iranerin, die 2003 den Friedensnobelpreis erhielt. Ihr Leben ist ein Zeugnis dafür, wie sich eine juristische Ausbildung in ein Mittel des Widerstands verwandeln lässt – und wie ein Mensch, selbst wenn ihm jede institutionelle Macht entzogen wurde, das Recht weiter als Werkzeug der Gerechtigkeit nutzen kann. Wie sie selbst sagte: „I have a tongue in my mouth, and I will not keep quiet until the day I die.“ Auch bei ihr scheint der kreative Prozess also ein körperlicher zu sein.
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Das war’s für diese Woche.
Ihnen alles Gute!
Ihr
Verfassungsblog-Team
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