11 May 2016

Wogegen ich bin, wenn ich gegen die Neuen Rechten bin

Am Sonntag in einer Woche werden die Österreicher entscheiden, ob der FPÖ-Politiker Norbert Hofer ihr Staatsoberhaupt wird oder der Grüne Alexander van der Bellen. Welche potenziell unumkehrbaren Folgen diese Entscheidung für die Zukunft von Liberalität und Pluralismus in unserem Nachbarland im Süden mit sich bringt, hat hier kürzlich Theo Öhlinger erläutert. Da wird einem schon schwummrig genug. Aber mir scheint, die Bedeutung dieser Entscheidung geht noch weit über diese Folgen für Österreich hinaus. Hier stellen sich in nie dagewesener Schärfe zwei Vorstellungen wohl geordneter Gesellschaft zur Wahl, deren Gegensatz so oder ähnlich in ganz Europa zunehmend die Politik dominiert. In Österreich – und das ist das Neue, das gab es noch nie, selbst in Polen nicht in dieser Schärfe – wird dieser Gegensatz jetzt tatsächlich majoritär entschieden, mit Geltungsanspruch für das ganze Land: So. Oder so.

Was ist das für ein Gegensatz? Wogegen bin ich da genau? Ich habe heute einen Gutteil dieses unwiederbringlichen Arbeitstags darauf verwendet, mir Videos und Texte eines gewissen Martin Sellner anzuschauen. Das ist ein Wiener Philosophie- und Jurastudent und Aktivist der so genannten “Identitären Bewegung” in Österreich und, wie ich finde, im Bemühen um Klarheit über diese Gegensatzkonstellation und die eigene Position darin ein ganz gutes Studienobjekt.

Kein Nazi

Das Bild, das ich von der Weltsicht von Martin Sellner gewonnen habe, ist grob gezeichnet dieses: Er ist gegen Einwanderung, “Gender-” und “Multikulti-Wahn”, Kapitalismus, Liberalismus und Amerika und glaubt an die Theorie des “großen Austauschs“, die hinter der Migration nach Europa eine liberalistische Verschwörung vermutet, das “Volk” im Interesse des Großkapitals im eigenen Land zur Minderheit zu machen und durch gefügige Immigranten zu substituieren.

Warum Sellner? Erstens, weil er in der Neuen Rechten keine ganz kleine Nummer zu sein scheint. Und zweitens, weil er so anders wirkt als your ordinary Rechtsextremist. Er ist artikuliert, sogar reflektiert, und er hat erst mal gar nichts furcht- oder auch nur abscheuerregendes an sich. Wenn man ihn so sieht, denkt man nicht an Rechte, nicht an Haider und Strache, noch nicht mal an Junge Union. Man denkt eher an Berlin-Friedrichshain mit freundlichem Wiener Akzent. An lustiges, urbanes Studi-Volk in T-Shirt und Hoodie, belesen, diskussionsfreudig, nicht ohne Humor.

Die erste Versuchung für jeden, der sich von Sellner und seinesgleichen abgrenzen will, ist natürlich zu sagen: Das sind Nazis!

An Sellner kann man, glaube ich, sehr gut sehen, dass dies eine verheerende Strategie ist. Denn erstens setzt man sich selbst damit ins Unrecht. Und zweitens lässt man ihn damit viel zu leicht davonkommen.

Ins Unrecht setzt man sich, weil es schlicht nicht stimmt – jedenfalls heute nicht mehr (als Jugendlicher war Sellner wohl tatsächlich ein Neonazi) und nicht in dieser Pauschalität. Es ist viel zu leicht abstreitbar. In einem Video schildert er mit entwaffnender Offenheit, wie er den Glauben an die jüdische Weltverschwörung, dem er in seiner Jugend anhing, mittlerweile wirklich einfach für doof hält – da könnte sich mancher linke Israelkritiker direkt eine Scheibe abschneiden – , wie überhaupt er Verschwörungstheorien generell für untauglich hält, die Welt plausibel zu erklären. Seine Theorie zum historischen Nationalsozialismus würde ich zwar nicht mit der Kaminzange anfassen wollen: Die NS-Ideologie erklärt er als anti-modernen Affekt gegen die Entzauberung der Welt, den er als solchen erstmal durchaus teilt und dessen völkermörderische Folgen er relativiert, wenn er den “Rassenmord” der Nazis mit dem “Klassenmord” der Kommunisten und dem “Seelen- und Ideenmord” der Liberalen in Verbindung setzt, sozusagen die falsche Antwort auf die richtigen Fragen. Aber das macht ihn nicht zum Nazi. Wer das doch tut, dem fehlt die Kategorie, wenn wir es mit Leuten zu tun bekommen, die den Nationalsozialismus mitsamt seinen rassistischen und genozidalen Implikationen immer noch für die richtige Antwort auf die richtigen Fragen halten.

Mir scheint nicht einmal der Begriff Nationalist wirklich zuzutreffen auf jemanden wie Martin Sellner, jedenfalls nicht, soweit er ein Freund-Feind-Verhältnis zwischen der eigenen und anderen Nationen impliziert. Er ist zwar ein glühender Antihumanist und Carl-Schmitt-Verehrer, aber mir scheint, man kann ihm schon glauben, dass er keine nationalen Gegensätze im Sinn hat. Der Antagonismus, den er im Auge hat, geht quer durch alle Nationen. Sein Feind sind die Liberalen, die aufklärerische Moderne mitsamt der ironischen Post-Moderne, die humanistischen Universalisten genauso wie ihre relativistischen Kritiker, die Auflöser von Grenzen, ohne die er sich Identität und damit Existenz nicht vorstellen kann.

Weiße Hetero-Männer

Womit wir beim zweiten Punkt wären, nämlich dass Sellner mit dem “Nazi”-Vorwurf zu billig davonkommt.

In gewisser Weise wirkt seine “identitäre Bewegung” auf den ersten Blick irgendwie fast schon anschlussfähig für unsereinen. Nicht nur wegen ihrer aktionistischen Methoden, die sie direkt von Greenpeace klauen (und dann allerdings an Sympathie drastisch verlieren dürften, sobald man ins Kalkül zieht, dass sie sie gegen traumatisierte Flüchtlinge anwenden und nicht gegen irgendwelche Ölkonzerne). Nein, auch inhaltlich: Wenn man sich mal auf ihre Perspektive und ihre Begrifflichkeiten von “Ethnopluralismus” und “ethnokulturelle Identität” eingelassen hat, dann verliert man leicht aus dem Auge, was daran eigentlich so schlimm sein soll, dass hier welche darauf bestehen, anders und mit sich selbst identisch bleiben zu wollen. Ist es nicht genau das, was Queers und People of Color tun, und in diesem Fall halt Österreicher?

Was man dabei aus dem Blick verliert, ist aber die Tatsache, wer es ist, der hier seine Identität so forsch behauptet. In einem der Videos in Sellners YouTube-Kanal geht es um ein Sommerfest seiner identitären Bewegung. Es gibt ein kleines, wacker geraptes Hiphopliedchen, wackelige Bilder von zeltenden jungen Leuten an irgendeinem See, und dann, so ab Minute 3:06 beginnt der Filmer sich darüber lustig zu machen, wie imaginierte Linke alles als rechtsextrem deuten könnten, was sie da in ihrem Zeltlager tun. An einer Stelle bezeichnet sich Sellner selbst als “Whiteness-Beauftragter”, der sich nach POCs umschaut, die man einbinden könnte, “um diesen Whiteness-Diskurs zu durchbrechen”, und kurz darauf wird ein Rothaariger als “People of Ginger” vorgestellt, auf den man besonders Rücksicht nehme, indem man ihm die gleiche Redezeit wie den anderen zugesteht.

Entlarvend daran ist: in dem ganzen Film sind bis auf wenige Sekunden ausschließlich Jungs zu sehen. Das sind lauter junge weiße Hetero-Kerle, die da so ganz bei sich und unter sich sind und einen Riesenspaß mit ihren Witzen über Minderheitenrechte haben.

Sellner ist ein weißer Hetero-Mann voller Angst. Er fühlt sich bedroht von den Anderen, die ihm das Recht streitig machen, das Sagen zu haben darüber, wer in Österreich das Sagen hat, und aus dieser Angst heraus appropriiert er die emanzipatorische “Lasst-uns-uns-selbst-sein”-Rhetorik der Marginalisierten und wendet sie gegen sie. Seine ganze “ethno-kulturelle Identität” in ihrer eigentümlichen Unbestimmtheit, mit dem ganzen mythisch-gefühligen Bibber, der da immer mitschwingt, ist nichts als eine Chiffre für das Bestehen weißer heteronormativer Österreicher darauf, dass Marginalisierte weiter marginalisiert bleiben sollen.

Ich bin auch ein weißer Hetero-Mann, und Alexander van der Bellen, soweit ich weiß, ebenfalls. Aber das ist der Unterschied, der ihn und mich von Leuten wie Sellner und Hofer trennt. Sie nehmen ihre als “ethnisch-kulturelle Identität” verbrämte Hegemonialposition und setzen sie absolut, als etwas gleichsam Natürliches, Schicksalhaftes und Vorgegebenes, und machen sich dabei blind für das, was jenseits dieser Heimat-Österreich-Normalität in ihrer eigenen Gesellschaft vor sich geht. Sie fühlen sich supergut dabei: Extrem? Aber keine Spur! Wir sind doch die Normalen! Sie fühlen sich als die Norm, und die wollen sie bleiben, und sie wollen sich absolut nicht berühren lassen davon, dass denen, mit denen sie nicht identisch sind, ihre Normalität womöglich die Luft zum Atmen raubt. Sie wissen nichts davon, und sie wollen auch gar nichts davon wissen. Und wenn diese Nichtidentischen, Nicht-Normalen – Frauen, Queers, Flüchtlinge, was immer – keine Ruhe geben, wenn sie gar frech werden, dann werden sie böse. Richtig böse.

Das ist der Unterschied, der am übernächsten Sonntag in Österreich, mit Ausstrahlungswirkung auf ganz Europa, zur Wahl steht.

 


SUGGESTED CITATION  Steinbeis, Maximilian: Wogegen ich bin, wenn ich gegen die Neuen Rechten bin, VerfBlog, 2016/5/11, https://verfassungsblog.de/wogegen-ich-bin-wenn-ich-gegen-die-neuen-rechten-bin/, DOI: 10.17176/20160511-132515.

98 Comments

  1. Klaus Nolte Wed 11 May 2016 at 07:33 - Reply

    “… das „Volk“ im Interesse des Großkapitals im eigenen Land zur Minderheit zu machen und durch gefügige Immigranten zu substituieren”

    Das ist natürlich völlig abwegig.

    Peter Sutherland, Zitat +++

    “The United States, or Australia and New Zealand, are migrant societies and
    therefore they accommodate more readily those from other backgrounds than we do ourselves, who still nurse a sense of our homogeneity and difference from others.”

    “And that’s precisely what the European Union, in my view, should be doing its best to undermine.”

    ++++ Zitat Ende

    Quelle: http://www.bbc.com/news/uk-politics-18519395

  2. DPZ Wed 11 May 2016 at 10:25 - Reply

    @Klaus Nolte: Ich sehe keinen oder nur einen sehr schwachen assoziativen Zusammenhang zwischen dem Zitat aus dem Text von Herrn Steinbeis und Ihrem Zitat von Sutherland.

    Soweit ich sehen kann, geht es um den Unterschied in der “accomodat[ion]” von “immigrants”, die in “migrant societies” eben selbstverständlicher ist als in europäischen Staaten, “who still nurse a sense of our homogeneity and difference from others”. Und genau das sollte eine Europäische Union, die die Freiheit und Gleichheit aller Menschen insofern sie Menschen sind, zu ihrer Grundlage hat, “in my view (!), should be doing its best to undermine”.

    Bitte legen Sie noch einmal dar, inwiefern das eine Zitat mit dem anderen zusammenhängt. Denn bislang kann man auf Ihren Satz “Das ist natürlich völlig abwegig” nur antworten: In der Tat, das ist es.

    Formal darf ich Sie darauf hinweisen, dass das Zitieren irgendwelcher Texte zum ‘Nachweis’ einer Sichtweise ein Fehlschluss ad verecundiam ist.

  3. Klaus Nolte Wed 11 May 2016 at 11:42 - Reply

    Auch wenn es sich dabei unvermeidbar um einen Fehlschluss ad ******* handeln wird:

    Zählen Sie mal zwei und zwei zusammen. Da propagieren schwer reiche alte Herren, wie Sutherland oder Soros, die unbedingte Öffnung der Grenzen für jedermann. Seltsamerweise fordern sie das nur für Europa und vornehmlich für Deutschland, wo es den weltweit am besten geschulten Hang zur Selbstzerstörung gibt.

    Wem soll eine solche unbegrenzte Einwanderung denn nützen? Den Bürgern etwa, die importierte Kriminalität und Terrorismus geliefert bekommen, und ihre soziale Sicherheit verlieren?
    Am Ende nutzt sie doch nicht einmal den Einwanderern selbst.

    Es geht hier um das Endspiel des Globalisierungsprojektes, dass längst als neues Feudalsystem entlarvt ist. Mit den als “humanitär” maskierten Einwanderungsprojekten sollen die widerspenstigen Bürgergesellschaften gezähmt werden.

    Umsiedlungsprojekte sind übrigens traditionelle Instrumente von Diktaturen, weil da das Wort von den “unumkehrbaren Folgen” – anders als bei einer banalen österreichischen Präsidentenwahl – tatsächlich zutrifft.

  4. Christoph Wed 11 May 2016 at 12:54 - Reply

    Servus,

    ich als Identitärer finde es sehr anerkennenswert, dass du dich in dem Text ehrlich und inhaltlich mit unseren Positionen auseinandersetzt.

    Ich habe selten gelesen, dass von einem Linken (?) unser Standpunkt treffender und fairer zusammengefasst wurde.

    Das rührt mich angesichts der allgegenwärtigen Polarisierung tatsächlich etwas.

    Dein Fazit finde ich insofern bemerkenswert, als dass ich es zum großen Teil richtig finde, aber deine negative Färbung (natürlich) nicht teile.

    Zum ersten erweiterst du unseren Identitätsbegriff vom ethnokulturellen aufs Geschlechtliche, wofür es meiner Ansicht nach keine Grundlage gibt.

    Es geht uns ja keineswegs ausschließlich um die “Normalität” europäischer Männer, sondern des Europäertums in Europa als solchem, also auch Frauen und, man glaubt es kaum, auch Homosexuellen.

    Das wir da ab einem gewissen Punkt mit den sexualrevolutionären Ideen der Linken divergieren, ist denke ich klar, jedenfalls geht es aber nicht um eine gesellschaftliche Diskriminierung homosexueller Menschen.

    Bezüglich Flüchtlingen fällt unsere Haltung natürlich schärfer aus, insbesondere als es sich unserer Meinung nach nicht um Flüchtlinge im eigtl. Sinn handelt.

    Aber auch hier orientieren sich unsere Positionen, an dem was du und ich als westlichen Moralbegriff teilen; nämlich dahingehend, dass die Umsetzung unserer Positionen nicht zu ethisch verwerflichen Handlungen führen darf, sondern an Recht und Moral gebunden ist.

    Jedenfalls hast du aber völlig Recht damit, dass wir unsere ethnokulturelle Identität als Normalität im europäischen Raum erhalten bzw. wieder durchsetzen wollen.

    Das ist denke ich aber auch unser Recht, so wie es das Recht jedes anderen Volkes ist.

    “Schicksalhaft” “naturgegeben” dagegen passt nicht so ganz, denn ganz offensichtlich ist unsere Identität das ja gerade nicht, sondern ist momentan einer existentiellen Bedrohung ausgesetzt und wird nur weiter existieren, wenn sie auch selbst behauptet wird.

    Inwiefern dies anderen, von unserer Identität abweichenden die Luft zum Atmen raubt, erschließt sich mir nicht.

    Sicher könnte das der Fall sein, wenn man unsere Position ins Extreme pervertiert, was aber schwer möglich ist, nachdem wir diese Phase ja gerade überwunden haben.

    Menschen, die von unserer ethnokulturellen Identität abweichen, haben a) eigene Heimatländern, in denen ihre EKI die Normalität darstellt und werden b) auch in einem identitären Europa keinem Unrecht ausgesetzt sein.

    Im Gegenzugkann es aber sein und ist oft bereits schon so, dass für “weiße heterosexuelle cis-Männer” (und noch mehr Frauen (und noch mehr queer-Personen)) die Luft zum Atmen dort tatsächlich sehr knapp wird, wo Stadtteile ins überwiegend muslimische gekippt sind.

    Und dass ich diese Einsicht vertrete, liegt nicht etwa daran, dass ich vorurteilsbeladen und ohne Kontakt zu Ausländern vor mich hinleben; wir leben in der gleichen