12 November 2009

EuGH: Wehe dem Staat, dessen Oberste Richter die Verträge verletzen

Das könnte für uns relevant werden, wenn das BVerfG ernst macht mit seiner Drohung aus dem Lissabon-Urteil und EuGH-Urteile für verfassungswidrig erklärt: Ein solches Urteil wäre europarechtlich eine Vertragsverletzung. Und Deutschland würde es überhaupt nichts helfen, dass weder die Regierung noch sonst irgendjemand außer Karlsruhe selbst in der Lage wäre, diese Vertragsverletzung abzustellen. Die richterliche Unabhängigkeit ist kein Argument, wenn es um die Haftung für Vertragsverletzungen geht.

Der EuGH hat heute festgestellt, dass dies auch bei höchstrichterlichen Urteilen gilt:

124 Enfin, le Royaume d’Espagne a invoqué la difficulté pour lui de remédier au manquement allégué par la Commission dès lors que celui-ci trouve son origine dans l’arrêt du Tribunal Supremo.

125 Il convient, à cet égard, de relever qu’il résulte de la jurisprudence de la Cour qu’un manquement d’un État membre peut être, en principe, constaté au titre de l’article 226 CE quel que soit l’organe de cet État dont l’action ou l’inaction est à l’origine du manquement, même s’il s’agit d’une institution constitutionnellement indépendante (arrêt du 9 décembre 2003, Commission/Italie, C‑129/00, Rec. p. I‑14637, point 29 et jurisprudence citée).

126 Dans ledit arrêt, la Cour a également relevé que, si des décisions de justice isolées ou fortement minoritaires dans un contexte jurisprudentiel marqué par une autre orientation, ou encore une interprétation démentie par la juridiction suprême nationale, ne sauraient être prises en compte, il n’en est pas de même d’une interprétation jurisprudentielle significative non démentie par ladite juridiction suprême voire confirmée par celle-ci (arrêt Commission/Italie, précité, point 32).

127 Au vu des considérations qui précèdent, il y a donc lieu de constater que, en considérant que les services fournis à une Communauté autonome par les «registradores de la propiedad» en qualité de liquidateurs titulaires d’un bureau de liquidation ne sont pas soumis à la TVA, le Royaume d’Espagne a manqué aux obligations qui lui incombent en vertu des articles 2 et 4, paragraphes 1 et 2, de la sixième directive.

Dazu ein Caveat: Das Urteil gibt es bisher nur auf Französisch, und meine Sprachkenntnis reicht nicht aus, um es wirklich zu verstehen. Daher halte ich mich mal zurück und verlinke nur ganz bescheiden: Az. C-154/08.

Soweit ich sehen kann, hat die Frage, ob das spanische Tribunal Supremo die Sache dem EuGH hätte vorlegen müssen, keine Rolle gespielt. Da wäre ich aber über sprach- und sachkundige Aufklärung dankbar!


SUGGESTED CITATION  Steinbeis, Maximilian: EuGH: Wehe dem Staat, dessen Oberste Richter die Verträge verletzen, VerfBlog, 2009/11/12, https://verfassungsblog.de/eugh/, DOI: 10.17176/20181008-153149-0.

One Comment

  1. JL Fr 13 Nov 2009 at 16:25 - Reply

    Die maßgebenden Ausführungen in den Randnrn. 125 und 126 des Urteils C-154/08 sind aus den Randnrn. 29 und 32 des Urteils Kommission/Italien, C-129/00 (http://preview.tinyurl.com/ycvvoho), übernommen. Diese lauten:

    29. Eine Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats kann grundsätzlich gemäß Artikel 226 EG unabhängig davon festgestellt werden, welches Staatsorgan durch sein Handeln oder Unterlassen den Verstoß verursacht hat, selbst wenn es sich um ein verfassungsmäßig unabhängiges Organ handelt …

    32. Hierbei können isolierte gerichtliche Entscheidungen oder solche, die in einem durch eine andere Ausrichtung gekennzeichneten Rechtsprechungskontext deutlich in der Minderheit sind, oder auch eine vom obersten nationalen Gericht verworfene Auslegung nicht berücksichtigt werden. Dies gilt nicht für eine signifikante richterliche Auslegung, die vom obersten Gericht nicht verworfen oder sogar bestätigt worden ist.

    (Höchstrichterliche) Rechtsprechung ist demnach bei der Prüfung, ob eine Vertragsverletzung vorliegt, durchaus zu berücksichtigen, sofern es sich nicht um isolierte Entscheidungen oder Minderheitsentscheidungen aus einem anderen Kontext handelt. Im Urteil C-154/08 geht der EuGH allerdings nicht näher darauf ein, weshalb er das Urteil des Tribunal Supremo im Ergebnis für irrelevant hält.

    In Randnr. 34 des Urteils C-154/08 führt der EuGH im Übrigen aus, dass das Tribunal Supremo als letztinstanzliches Gericht keine Frage nach der Auslegung der Sechsten Richtlnie und ihrer Anwendung auf die Tätigkeiten der „registradores-liquidadores“ zur Vorabentscheidung vorgelegt hat (wobei man wohl als unausgesprochene Kritik des EuGH am Tribunal Supremo hinzufügen kann: obwohl es hätte vorlegen müssen).

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