03 Mai 2011

Ignatieff: Warum scheitern Philosophen in der Politik?

Was ist das mit politischen Denkern und Intellektuellen, dass sie so grauenhaft erfolglose Politiker abgeben?

Michael Ignatieff ist Wissenschaftler und Autor, und ein ungeheuer erfolgreicher dazu. Er lehrte in Oxford und Harvard, er ist Schüler und Biograph des Philosophen Isaiah Berlin, er schrieb Kolumnen für Zeitungen und Doku-Serien für den BBC, und dann schrieb er auch noch eine Handvoll Romane, er ist Ehrendoktor von elf Universitäten.

In seiner Heimat Kanada lag die liberale Sache arg darnieder, der knochenharte Ersatz-Bush Steven Harper regierte das Land mit einer Minderheitsregierung, die altehrwürdigen Liberalen, einst natürliche Regierungspartei Kanadas, fuhr trotzdem eine Niederlage nach der anderen ein.

Vermutlich sagten ihm alle: Du bist doch so klug. Du hast so viel über Politik nachgedacht. Du weißt, wie es geht.

Vermutlich sagte er sich das selbst.

2005 ging er in die Politik. 2009 übernahm er die Führung der liberalen Partei. Man sagte, er habe gute Chancen, Premierminister zu werden. An diesem Montag wurde gewählt.

Die Liberalen verloren die Hälfte ihrer Sitze. Sie sind nicht mal mehr stärkste Oppositionspartei. Ignatieff selbst verlor seinen Wahlkreis nahe Toronto. Seine Niederlage ist die vollständigste, mörderischste, keinen-Stein-auf-dem-anderen-lassendste seit dem Fall Trojas.

Kirchhof et altera

Es gibt genug andere Beispiele von Intellektuellen, die glaubten, ihre Klugheit qualifiziere sie zum Politiker, und dies fürchterlich bereuten. Paul Kirchhof zu allererst natürlich.

Mario Vargas-Llosa, der peruanische Schriftsteller, der gegen den nachmaligen Diktator Alberto Fujimori verlor.

Gegenbeispiele? Ich komm nur auf Rupert Scholz. Der war ein rechter Staats-Staatsrechtler von rechtem Schrot und Korn und brachte es doch unter Kohl zum Verteidigungsminister. Ich habe den großen Ö-Rechts-Schein gemacht bei ihm, damals in München. Eine Wahl hat er nie gewinnen müssen, soweit ich weiß.

Vaclav Havel natürlich. Those were the days…

Wem fällt noch wer ein?

Update: Noch ein verfassungspolitisches Detail, auf das der Comparative Constitutions Blog vor ein paar Wochen hinwies: Hätte Ignatieff gewonnen, hätte er auch den kanadischen Supreme Court auf lange Zeit auf liberalen Kurs setzen können. Drei bis vier Richterposten stehen in der kommenden Legislaturperiode zur Wiederbesetzung an. Jetzt wird Stephen Harper das Gegenteil tun und für eine konservative Ausrichtung des Supreme Court sorgen.


SUGGESTED CITATION  Steinbeis, Maximilian: Ignatieff: Warum scheitern Philosophen in der Politik?, VerfBlog, 2011/5/03, https://verfassungsblog.de/ignatieff-warum-scheitern-philosophen-der-politik/, DOI: 10.17176/20181008-123223-0.

15 Comments

  1. Andreas Moser Di 3 Mai 2011 at 20:34 - Reply

    Die slowakische Premierministerin Iveta Radičová ist Professorin für Soziologie.

  2. Andreas Moser Di 3 Mai 2011 at 20:35 - Reply

    Oh, und der Sohn von Gaddafi hat einen PhD von der LSE 😉

  3. Max Steinbeis Di 3 Mai 2011 at 20:37 - Reply

    Ach ja, richtig: Guttenberg ist der schönste Beweis, dass Politiker nicht zu Wissenschaftlern taugen. Es gibt also doch eine ausgleichende Gerechtigkeit.

  4. jan Di 3 Mai 2011 at 21:16 - Reply

    Obama ist uber-smart. Ist er als Politiker erfolgreich oder gescheitert? bleibt abzuwarten.

  5. DH Di 3 Mai 2011 at 21:23 - Reply

    Condy Rice!

  6. Bernd Mi 4 Mai 2011 at 07:08 - Reply

    Richard von Weizsäcker?

  7. Peter Panter Mi 4 Mai 2011 at 08:20 - Reply

    Roman Herzog?
    Edzard schmidt-Jortzig, zwar nicht wirklich berühmt, aber …

  8. Gegenbeispiel Mi 4 Mai 2011 at 08:41 - Reply

    Da gibt es jede Menge Gegenbeispiele, die Aussage ist jedenfalls so pauschal unhaltbar, sorry. Ein paar habilitierte Ex-Politiker mit bedeutenderen Ämtern, willkürlich herausgegriffen:

    Roman Herzog
    Karl Schiller
    Horst Ehmke
    Gerhard Stoltenberg
    Werner Maihofer
    Waldemar Schreckenberger
    Wolfgang Hoffmann-Riem
    Hans Hugo Klein

    Und: Wer „muss“ eigtl „eine Wahl gewinnen“? Nur der Spitzenkandidat der jeweiligen Partei?

  9. Max Steinbeis Mi 4 Mai 2011 at 09:25 - Reply

    Hups.

    Stimmt.

    Solchermaßen angeregt, fallen mir auch gleich noch ein paar ein:

    Jutta Limbach
    Ingo von Münch
    Hans Maier
    Carlo Schmid
    Theodor Heuss
    Peter Glotz

    Und, zwar fiktiv, aber eindrucksvoll: President Josiah Bartlett, Ökonomieprofessor von furchteinflößender Belesenheit und Held der fantastischen Fernsehserie „West Wing“

  10. jan Mi 4 Mai 2011 at 17:28 - Reply

    Und, zwar fiktiv, aber eindrucksvoll: President Josiah Bartlett, Ökonomieprofessor von furchteinflößender Belesenheit und Held der fantastischen Fernsehserie “West Wing”

    🙂
    Best – President – ever !!

    http://www.youtube.com/watch?v=eD52OlkKfNs

  11. Phil Do 5 Mai 2011 at 11:50 - Reply

    Mir fallen ein:
    Biedenkopf
    Prodi
    Simitis

  12. Wolf Do 5 Mai 2011 at 12:30 - Reply

    Eines der schösten, wenn auch nicht immer erfolgreichsten Beispiele fehlt allerdings noch: Ralf Gustav Dahrendorf, Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster

    kurzzeitig Landtagsabgeordneter
    kurzzeitig Bundestagsabgeordneter
    kurzzeitig Staatssekretär
    immerhin vier Jahre Aussenhandelskommisar der EU-Kommission

  13. Max Steinbeis Do 5 Mai 2011 at 13:36 - Reply

    Dahrendorf, stimmt.

    Rudolf Augstein! (stretching it…)

  14. mac Mo 9 Mai 2011 at 09:39 - Reply

    Ignatieff ist eine Nervensäge, die gerne das hohe moralische Ross besteigt, um sich nicht in die Tiefen einer Auseinandersetzung über verschiedene Sichtweisen zu begeben. Den zweiten Irakkrieg hat er begrüßt und war dann in Berlin, um den Berlinern den richtigen Weg zu weisen. Er sah in den Zuhörern in der Schaubühne Heuchler, weil sie mit SUVs vorgefahren kämen, deren Benzin aber aus Quellen stammte, die die USA für die Deutschen sicherten. So einfach kann man sich die Welt machen. Wie er das Stipendium in Harvard bekommen hat, keine Ahnung, aber Kanada hätte er sicher nicht besser regiert als Harper.

  15. Jens Mo 9 Mai 2011 at 16:06 - Reply

    „Er sah in den Zuhörern in der Schaubühne Heuchler, weil sie mit SUVs vorgefahren kämen, deren Benzin aber aus Quellen stammte, die die USA für die Deutschen sicherten.“

    Das ist ja auch kritisierenswert. Damals dürfte Berlin noch ein funktionierendes S-Bahn-System gehabt haben …

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