02 October 2026
Über das Schenken
Dieser Tage wird in Berlin nicht nur gefeiert, sondern auch gestritten: Seit die Linke bei der Wahl letzte Woche stärkste Kraft geworden ist, geht es mal wieder um „Deutsche Wohnen enteignen“. Wir Jurist:innen streiten gerne über die dogmatischen Feinheiten zwischen Art. 14 und 15 GG, aber heute geht es um eine gröbere Körnung: Eigentum, Enteignung, Vergesellschaftung – alles Begriffe, die erst durch rechtlichen Zauber entstanden sind. Treten wir einige Schritte (oder Jahre) zurück, können wir Grund und Boden noch mit unschuldigen Augen sehen: unbestelltes Land, Wildnis.02 October 2026
On Giving
Since Die Linke came first in last week’s Berlin election, “Deutsche Wohnen enteignen”(expropriate Deutsche Wohnen) is back on the agenda. The debate has been in the cellar for a while too, but it deserves our attention, not least because the federal government wants to bin it with a law banning socialisation altogether. Today, though, let’s look at it through a coarser sieve. Property, expropriation, socialisation: all of these concepts were conjured up by legal magic. If we step back a little (or a few millennia), we can still see land with innocent eyes: untilled ground, wilderness.25 September 2026
Why I Write
I am not an award-winning writer or scholar. I live and work in conditions that are endlessly generative in terms of ideas that I could write about, and still, those very same conditions make it almost impossible to write. I write because I have come to know that it is a way in which I experience my humanness and a way in which I connect with the humanness of others across time and space. Perhaps this is why, for my writing, I do not use AI, at least not intentionally and not yet.25 September 2026
Warum ich schreibe
Ich bin weder preisgekrönte Autorin noch gefeierte Wissenschaftlerin. Ich lebe und arbeite unter Bedingungen, die mir unendlich viel Schreibstoff liefern. Doch sind es genau diese Bedingungen, die mir das Schreiben fast unmöglich machen. Und trotzdem schreibe ich. Beim Schreiben erfahre ich, was es heißt, Mensch zu sein, und dass ich mich so mit anderen verbinde, über Zeit und Raum hinweg. Vielleicht nutze ich deshalb beim Schreiben keine KI. Jedenfalls nicht absichtlich, und jedenfalls noch nicht.18 September 2026
Die faschistische Persönlichkeit
Die Frage nach der Verfassungsfeindlichkeit von Parteien wie der AfD lässt sich nicht alleine durch einen verengten Blick auf Programmatiken, einzelne Aussagen und Forderungen oder Andeutungen über den erstrebten Umbau von Institutionen beurteilen. Sie sollte vielmehr in Rechnung stellen, wie die faschistische Gefühlspolitik auf die Anhängerschaft wirkt, wie sie die Subjekte verändert, in Raserei versetzt, mit dem Ziel, dass diese alle Hemmungen verlieren.18 September 2026
The Fascist Personality
The question of whether parties such as the AfD are hostile to the constitution cannot be answered simply by looking narrowly at their programs, individual statements and demands, or suggestions about how they intend to remake institutions. It should also take into account how fascist emotional politics affects their supporters, how it transforms its subjects and drives them into a frenzy, with the aim of making them lose all inhibitions.11 September 2026
Towards the Smoothed Word
İnsan olmaya geldim – I have come to be human. The line goes back to Nimri Dede, a folk poet from a village near Elazığ. If you know it, you probably know it in the voice of Arif Sağ, who turned the poem into one of the best-known spiritual songs of the Alevi-Bektashi tradition. Each stanza ends on the same rhyme: Özde, in the core. Sözde, in the word. Yüzde, in the face. İzde, in the trace. Közde, in the embers. Registers of becoming human, listed one after another, none struck out or played off against the others – like a refusal to split being human into a part fit to be shown and a part one merely brings along. The academic world I work in often demands the opposite movement. It demands the split: bring the word, leave the core at home.11 September 2026
Zum geglätteten Wort
İnsan olmaya geldim – ich bin gekommen, um ein Mensch zu sein. Die Zeile geht auf Nimri Dede zurück, einem Volksdichter aus einem Dorf bei Elazığ. Wer sie kennt, kennt sie vermutlich in der Stimme von Arif Sağ, der aus dem Gedicht eines der bekanntesten spirituellen Lieder der alevitisch-bektaschitischen Tradition gemacht hat. Jede Strophe endet auf demselben Reim: Özde, im Kern. Sözde, im Wort. Yüzde, im Antlitz. İzde, in der Spur. Közde, in der Glut. Register des Menschwerdens, aufgezählt, ohne dass eines gestrichen oder gegen ein anderes ausgespielt würde, wie eine Weigerung, das Menschsein in einen vorzeigbaren und einen mitzubringenden Teil zu zerlegen. Der Wissenschaftsbetrieb, in dem ich arbeite, verlangt oft die entgegengesetzte Bewegung. Er verlangt die Zerlegung: Bring das Wort, den Kern lass zuhause.04 September 2026
Facing the Blue Wall
We travelled to Halle, the university city on the river Saale and – as some people claim (not the people of Magdeburg) – the largest city in the state of Saxony-Anhalt. On Sunday, the state votes for a new parliament, and as everyone knows, the result could hand legislative and executive power in a German state to the far right for the first time in the country’s post-war history. Their stated aim: to “liberate German scholarship and restore it to itself through fundamental reforms.” How are the people who would be most directly affected by that? The people who live, work, study and do research in Halle? We met a few of them.04 September 2026
Vor der blauen Wand
Wir sind nach Halle gefahren, der Universitätsstadt an der Saale und, wie manche behaupten (nicht die Magdeburger), größten Metropole des Bundeslands Sachsen-Anhalt. Dort wird am Sonntag ein neuer Landtag gewählt und, wie jeder weiß, könnte danach zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands staatliche Legislativ- und Exekutivgewalt in die Hände von Rechtsextremen fallen. Deren erklärtes Ziel: „die deutsche Wissenschaft durch grundlegende Reformen wieder zu sich selbst befreien“. Wie geht es den Menschen, die dies am unmittelbarsten treffen wird? Die in Halle leben, arbeiten, studieren und forschen? Wir haben ein paar davon getroffen.01 August 2026



