02 Mai 2018

Der Rechtsbruch-Mythos und wie man ihn widerlegt

Bis heute hält sich hartnäckig die Meinung, dass eine „illegale Masseneinwanderung“ nach Deutschland stattfinde und an den Grenzen die „rechtsstaatliche Ordnung“ zusammengebrochen sei, exemplarisch bei der sogenannten „Erklärung 2018“, die unter anderem Vera Lengsfeld, Thilo Sarrazin und Uwe Tellkamp unterzeichneten. Hierbei bezieht sich der Vorwurf vom andauernden Rechtsbruch keineswegs nur auf die Situation im Winter 2015/16, als über die Westbalkanroute bis zu zehntausend Personen pro Tag nach Deutschland einreisten – auch in der Gegenwart soll eine fortwährende Illegalität herrschen. Nun dürfte die Behauptung vom fortwährenden Rechtsbruch, wie ich im Tagesspiegel schrieb, vorrangig das strategische Ziel verfolgen, die Politik generell zu delegitimieren und einem sachlichen Streit auch dadurch auszuweichen, dass man die Systemfrage stellt.

Bei dieser generellen Feststellung könnte man es bewenden lassen und Reaktionen, wie diejenige von Thilo Sarrazin über „Professor Unfug“, den diskursiven Echokammern des politischen Darknet überlassen. Dennoch sollen nachfolgend die zentralen rechtlichen Aussagen des Tagesspiegel-Beitrags näher erläutert werden, weil ich ganz bewusst auf die Feinheiten der juristischen Argumente und Urteilsverweise verzichtet hatte, die eine breitere Zeitungsleserschaft abgeschreckt hätten. Dies will ich in der gebotenen Kürze nachholen. Als Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, der das Ziel verfolgt, akademische Einblicke in die breitere Öffentlichkeit zu tragen, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es einige Personen gibt, die auf Sachargumente zu hören bereit sind.

Vorrang des EU-Rechts

Im Tagesspiegel schrieb ich: „Die These vom Rechtsbruch beruht im Kern auf einem Missverständnis der Dublin-Regeln, die auch an der deutschen Grenze zu beachten sind und den einschlägigen Bestimmungen des Aufenthaltsgesetzes vorgehen.“

Der Asylkompromiss der frühen 1990er Jahre führte auch deshalb zu einem drastischen Rückgang der Asylantragszahlen, weil die deutsche Regelung in den europäischen Kontext eingebettet war. Deutschland umgab sich mit einem Ring sicherer Herkunfts- und Drittstaaten und drängte auf eine europäisierte Asylpolitik, um den Asylkompromiss überstaatlich abzusichern. So stellt Art. 16a Abs. 5 GG bis heute ausdrücklich klar, dass die deutsche Drittstaatsregelung völkerrechtliche Verträge zur Asylzuständigkeitskoordinierung ermöglicht. Dies erlaubte die Ratifikation der Übereinkommen von Schengen und Dublin, die 1990 unterschrieben wurden, bei der Verfassungsänderung aber noch nicht in Kraft getreten waren.

Verfassungsrechtlich ist die Klausel mehr als eine bloße Ratifikationsgrundlage. Ausdrücklich hieß es schon im Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1996, aus dem etwa Thilo Sarrazin zitiert, in Bezug auf die deutsche Drittstaatsklausel in Art. 16a Abs. 2 GG: „Diese Regelung tritt gegebenenfalls hinter völkerrechtlichen Vereinbarungen im Sinne von Art. 16a Abs. 5 GG zurück“ (Rn. 164). Weiter heißt es: „Aus dem Asyl-Erfahrungsbericht 1994 des Bundesministeriums des Innern vom 20. Juni 1995 geht hervor, dass die Drittstaatenregelung des Art. 16a Abs. 2 GG seit Inkrafttreten des Schengener Durchführungsübereinkommens (SDÜ) in Bezug auf Asylsuchende [aus den Vertragsstaaten] ‚keine Anwendung mehr‘ findet“ (Rn. 165). Stattdessen habe das Bundesamt die Schengen-Regeln anzuwenden.

Karlsruhe stellte also schon damals ausdrücklich fest, dass die deutsche Regelung hinter europäische Vorgaben „zurücktritt“ und „keine Anwendung mehr findet“. Dies mag heute nach drei Jahren der intensiven Debatte, in der sich sowohl Flüchtlingshelfer als auch die Grenzschließungsfraktion öffentlichkeitswirksam auf das Grundgesetz bezogen, um ihre jeweilige Position zu untermauern, vielen Lesern merkwürdig vorkommen. Aber dennoch: Schon aus der Perspektive des Jahres 1996 galt, dass die europäischen Regeln vorgehen. Die Verfassung ist öffentlich sichtbar, in der Rechtspraxis aber weitgehend irrelevant.

Nur am Rande erwähnt sei daher, dass nicht einmal feststeht, ob das Grundgesetz bei einer isolierten Betrachtung eine unmittelbare Zurückweisung in sichere Drittstaaten an der Grenze überhaupt erlaubte, wie es der Wortlaut von Art. 16a Abs. 2 GG mit der Formulierung „Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen…“ zu suggerieren scheint. Die Gesetzesmaterialien schweigen zu eventuellen Grenzschließungen, und im dritten Satz der Vorschrift heißt es, dass aufenthaltsbeendende Maßnahmen „unabhängig von einem hiergegen eingelegten Rechtsbehelf vollzogen werden können“, was man durchaus so lesen kann (und vielleicht auch muss), dass vor einer Zurückweisung an der Grenze jedenfalls ein rudimentäres Verwaltungsverfahren zu durchlaufen ist. Ganz in diesem Sinne verwies auch das BVerfG auf gewisse verfahrensrechtliche Einschränkungen, ohne dies freilich näher auszuführen (Rn. 204-207), weil es damals um eine Grenzschließung nicht ging. Heute kommt es, wie gesagt, darauf nicht mehr an: Bereits 1996 trat die deutsche Drittstaatsklausel hinter die damaligen Schengen-Regeln zurück.

Dieses Fazit gilt für die Gegenwart umso mehr, als die Übereinkommen von Schengen und Dublin zwischenzeitlich in den EU-Rahmen überführt wurden – und damit änderte sich die Rechtsnatur. Aus völkerrechtlichen Verträgen wurden EU-Verordnungen, konkret der mehrfach revidierte Schengener Grenzkodex und die Dublin III-Verordnung, die heute bekanntlich die innereuropäische Asylzuständigkeit regelt. Als EU-Sekundärrecht gelten diese Bestimmungen innerstaatlich mit Vorrang und verdrängen im Konfliktfall das entgegenstehende deutsche Recht unter Einschluss der Verfassung. Auch dies ist für Nichtjuristen (und manche Jurastudierende) nicht einfach zu verstehen. Daher auch hier ein BVerfG-Zitat: „Im Anwendungsbereich des Unionsrechts … ist entgegenstehendes mitgliedstaatliches Recht grundsätzlich unanwendbar. Der Anwendungsvorrang folgt aus dem Unionsrecht, weil die Union als Rechtsgemeinschaft nicht bestehen könnte, wenn die einheitliche Wirksamkeit des Unionsrechts in den Mitgliedstaaten nicht gewährleistet wäre“ (Rn. 53).

Nun kennt der Vorrang des Unionsrechts zwar Grenzen, die Karlsruhe behauptet, ohne sie bislang aktiviert zu haben, doch diese greifen hier nicht. Speziell die Menschenwürde verlangt nicht etwa, dass Art. 16a GG sich gegenüber den Dublin-Regeln durchsetzt, denn das BVerfG entschied schon 1996, dass das Asylgrundrecht kein direkter Ausfluss der Menschenwürde sei und daher – anders als das Refoulementverbot – ganz abgeschafft werden könnte (Rn. 209-212). Demgemäß kann sich ein Asylbewerber, den Deutschland nach Kroatien zurückschicken will, weil er dort die EU-Außengrenze überschritt, nicht darauf berufen, dass er wegen Art. 16a Abs. 2 GG nach Österreich zurückgewiesen werden soll. Für den Asylbewerber gilt dasselbe wie für diejenigen, die einen fortwährenden Rechtsbruch behaupten: Maßgeblich sind die Dublin-Regeln, nicht ein isolierter Blick in das Grundgesetz.

Unnötige Ministeranordnung

Weiter hieß es im Tagesspiegel: „Wegen des Vorrangs der EU-Regeln kommt es nicht darauf an, ob irgendeine Ministeranordnung besteht oder nicht.“

Seit dem Herbst 2015 kursiert das Gerücht von einem „Geheimerlass“, mit dem der damalige Innenminister de Maizière die angeblich notwendige Grenzschließung ausgehebelt haben soll. Grundlage dieser Behauptung ist § 18 AsylG, dessen Absätze 2 und 4 eine Einreiseverweigerung vorschreiben, wenn entweder ein anderer Mitgliedstaat zuständig ist oder eine Ministeranordnung besteht. Udo Di Fabio sah die Norm in seinem Gutachten für die bayerische Staatsregierung ohne nähere Begründung als verletzt an (S. 94 f.). Dies überzeugt schon deshalb nicht, weil die nationalen Vorschriften, wie dargelegt, im Zweifel hinter das vorrangige Unionsrecht zurücktreten müssen. Doch auch bei einer isolierten Betrachtung alleine des deutschen Gesetzesrechts ist der behauptete Geheimerlass ein Mythos.

Warum? Notwendig wäre eine solche Anordnung nach § 18 Abs. 4 Nr. 2 AufenthG nur, wenn die Zurückweisung nicht aus anderen Gründen unterbleiben müsste. Eben dies ist jedoch nach geltendem Recht, das ich sogleich nochmals darlegen werde, der Fall: Wenn die Überstellung in den zuständigen Dublin-Staat scheitert, muss Deutschland das Asylverfahren übernehmen. Hiernach kann Deutschland sehr wohl nach EU-Recht „für die Durchführung eines Asylverfahrens zuständig“ sein, sodass eine Zurückweisung bereits nach § 18 Abs. 4 Nr. 1 AufenthG ausscheidet und eine Ministeranordnung entbehrlich ist.

Mittelbar bestätigte dies zwischenzeitlich auch das höchste deutsche Verwaltungsgericht. In einem Beschluss von März 2017, der durch ein weiteres Urteil bestätigt wurde, befand das BVerwG in Leipzig, dass die sichere Drittstaatsklausel in § 26a AsylG nicht auf das EU-Mitglied Bulgarien anzuwenden sei: „Die Voraussetzungen dieser Vorschrift liegen nicht vor, weil sicherer Drittstaat … bei der gebotenen unionsrechtskonformen Auslegung nur ein Staat sein kann, der nicht Mitgliedstaat der EU ist“ (Rn. 12). Hiernach fehlt es bei einer Einreise etwa aus Österreich schon an der Tatbestandsvoraussetzung für eine Einreiseverweigerung nach § 18 Abs. 2 Nr. 1 AsylG. Gewiss müssen die höchsten deutschen Verwaltungsrichter/innen nicht immer richtig liegen, aber wer „Geheimerlasse“ sieht, sollte sich die Mühe machen, danach zu fragen, wie die Gerichte die Normen auslegen.

Missverständnis der Dublin-Regeln

Vergleichsweise ausführlich beschrieb ich im Tagesspiegel die vielfach missverstandenen Dublin-Regeln: „… in der Sache erklärt die europäische Dublin-Verordnung zwar in den meisten Fällen einen anderen Staat für zuständig, verknüpft dies jedoch mit einem Überstellungsverfahren. Die deutschen Behörden dürften viele Asylbewerber zurückschicken, allerdings nicht zu unseren direkten Nachbarn in Österreich oder der Schweiz, sondern in die Außengrenzländer Italien, Griechenland oder Kroatien. Die Crux ist nun, dass die Rückführung nur innerhalb einer Frist möglich ist. In Artikel 29 der Dublin-Verordnung steht nämlich schwarz auf weiß, dass Deutschland ein eigenes Asylverfahren durchführen muss, wenn die Überstellung binnen sechs Monaten nicht gelingt.“

Ein Grundproblem der Debatte über die Grenzschließung ist die hochkomplexe Rechtslage, wenn allein die Dublin III-Verordnung ohne Anhang nicht weniger als 15.663 (!) Worte oder 23 PDF-Seiten umfasst. Speziell die Kombination von materiellen Zuständigkeitsregeln und einem prozeduralen Überstellungsverfahren, dessen Scheitern in einem Zuständigkeitswechsel mündet, wurde vielfach falsch verstanden. So auch vom ehemaligen BVerfG-Präsidenten Hans-Jürgen Papier, der offenbar den früheren Verfassungsblog-Beitrag von Roman Lehner nicht gelesen hatte. Aus heutiger Sicht bestehen an der Rechtslage ohnehin keine Zweifel mehr. In mehreren Urteilen aus dem Sommer 2017 stellte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg klar, dass die Verfahrensregeln ernst zu nehmen sind.

So bestätigte das Mengesteab-Urteil, dass Deutschland nach Art. 21 Abs. 1 Dublin III-Verordnung bereits dann zuständig wird, wenn der Übernahmeantrag nicht binnen drei Monaten nach dem Asylgesuch gestellt wird, was in den letzten beiden Jahren häufig der Fall war, weil das deutsche Asylverfahren notorisch lang dauerte. Doch selbst wenn das BAMF schnell die Übernahme beantragt, hat diese bekanntlich selten Erfolg – mit der Folge, dass die Zuständigkeit nach Art. 29 Abs. 1 Dublin III-Verordnung mit dem Shiri-Urteil nach regelmäßig sechs Monaten auf Deutschland übergeht. Hiernach kommt es nicht darauf an, ob nun Deutschland die Selbsteintrittsklausel des Art. 17 Abs. 1 im Herbst 2015 tausendfach aktiviert hatte oder nicht, denn der Zuständigkeitsübergang erfolgt automatisch. Man kann die deutschen Behörden mit guten Gründen dafür kritisieren, dass sie die Dublin-Verfahren damals wie heute nicht effektiv handhaben, aber es ist dies kein Rechtsbruch. Im Gegenteil: Der Zuständigkeitsübergang wurde mit deutscher Zustimmung in die Dublin-Regeln aufgenommen.

Einige deutsche Kollegen vertreten seit einiger Zeit die Auffassung, dass Art. 20 Abs. 4 der Dublin III-Verordnung etwas anderes vorgibt, wenn ein Asylbewerber einen Antrag stellt, „während er sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält.“ Diese Norm war ursprünglich für Asylanträge in Botschaften eingeführt worden, die einige Mitgliedstaaten in den 1990er Jahren noch erlaubten, und passt für eine Grenzschließung schon deshalb nicht, weil das Asylgesuch regelmäßig nicht vom fremden Staatsgebiet aus gestellt würde. Deutsche Grenzkontrollen finden nämlich in aller Regel auf deutschem Hoheitsgebiet statt, sodass eine Zurückweisung an der Grenze einer Einreise im verwaltungsrechtlichen Sinne vorbeugt, nicht jedoch in tatsächlicher Hinsicht extraterritorial erfolgt, solange Deutschland keine Mauer zu den Nachbarstaaten wie Österreich oder der Schweiz errichtet. Mittelbar bestätigte dies auch das BVerfG im Urteil zum Flughafenverfahren, dass eine verwaltungsrechtliche Einreiseverweigerung auf deutschem Staatsgebiet im Sinn des Völkerrechts stattfindet (Rn. 119). Demgemäß spielte die Norm auch in den jüngsten EuGH-Urteilen keine Rolle.

Nun ist die Dublin III-Verordnung einfaches Gesetzesrecht und kann vom EU-Gesetzgeber geändert werden. Tatsächlich schlug die Kommission eine Änderung vor, die den Zuständigkeitsübergang abschaffen will. Hiernach soll es künftig keine zweiten Asylanträge innerhalb der EU mehr geben und stattdessen eine stabile Zuständigkeit festgelegt werden, die nach derzeitigem Verhandlungsstand wohl für zehn Jahre bestehen soll (nähere Einzelheiten in meiner Stellungnahme für eine Anhörung im Innenausschuss des Bundestages am 16. April 2018). Dies würde zwar eine Zurückweisung an der Grenze nicht legalisieren, aber dennoch Anreizstrukturen etablieren helfen, um die Sekundärmigration einzudämmen. Dies zeigt für die hiesigen Zwecke, dass das Grenzregime politisch gestaltet werden kann (und muss). Es gibt Alternativen zum Status quo, der im Übrigen schon jetzt eine strengere Praxis rechtfertigte.

Ausnahmen in Krisensituationen

Mein letzter Satz zum Recht im Tagesspiegel lautete: „Deutschland könnte die Dublin-Regeln also strenger handhaben und hätte dies auch im Winter 2015/16 tun können, aber es ist noch kein Rechtsbruch, eine Handlungsoption nicht zu nutzen.“

Der Eindruck, dass im Herbst 2015 etwas schief gelaufen sei, mag durch die teilweise konfuse politische Situation befördert worden sein, weil die Bundesregierung damals – dem Bericht von Robin Alexander zufolge – bereits eine Grenzschließung vorbereitet hatte, auf diese jedoch aus juristischen Gründen verzichtete. Diese offensichtliche Unsicherheit über die Rechtslage lag nicht nur daran, dass das komplexe Zusammenspiel von nationalem und europäischem Recht mit seinen Verästelungen damals nicht allen bewusst war. Hinzu kommt, dass man durchaus darüber diskutieren kann, ob in akuten Krisen vom Normalfall des Dublin-Regimes abgewichen werden kann. Es beträfe dies freilich nur eine Notsituation, die im Winter 2015/16 geherrscht haben mag, aktuell an der deutschen Binnengrenze jedoch nicht mehr vorliegt. Im gesamten März 2018 wurden in Deutschland „nur“ 10.712 Asylerstanträge gestellt; ebenso viele Personen reisten im Herbst 2015 teilweise pro Tag ein.

Als eine rechtliche Stellschraube für krisenbedingte Ausnahmen käme insbesondere Artikel 72 des EU-Arbeitsweisevertrags in Betracht, der die „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und den Schutz der inneren Sicherheit“ betrifft. Einen Gedankengang, der unter Umständen eine härtere Gangart rechtfertigen könnte, die in Abstimmung mit der EU freilich keine pauschale Grenzschließung umfasste, habe ich gemeinsam mit Kay Hailbronner in der Juristenzeitung dargelegt. Gewiss hat der EuGH im Jafari-Urteil zu der Norm keine Stellung bezogen, als er entgegen der Generalanwältin den Vorschlag von Flüchtlingsorganisationen zurückwies, die Dublin-Verordnung insofern auszuhebeln, als das Grenzübertrittskriterium in Krisensituationen nicht gelten solle. Stattdessen betonte der Luxemburger Gerichtshof, dass die Dublin-Regeln auch im Winter 2015/16 anzuwenden waren.

Doch selbst wenn man damals hätte strenger sein können, folgt hieraus kein Rechtsbruch, denn es ist für sich genommen nicht rechtswidrig, bestehende Handlungsmöglichkeiten aus politischen Gründen nicht zu nutzen. Dies gilt umso mehr, als die Bundesregierung alles andere als untätig war, allein ihre Reaktion konzentrierte sich aus guten Gründen nicht auf die Staatsgrenze. Im Oktober 2015 legte Angela Merkel in Istanbul die Grundlage für die EU-Türkei-Erklärung als eine von vielen Stellschrauben, mit denen seither die Situation in halbwegs kontrollierte Bahnen gelenkt wurde. Damit folgt sie der Logik, die bereits dem Asylkompromiss der 1990er Jahre zugrunde lag, der nur funktionierte, weil er europäisch eingebettet war. Eine kluge Migrationspolitik wird nicht auf nationale Alleingänge setzen.

Es ist dies nicht nur politisch relevant. So behauptet Udo Di Fabio in seinem Gutachten für die bayerische Staatsregierung, dass aus der abstrakten Vorgabe einer souveränen Staatlichkeit, die in Ausnahmesituationen sogar den Vorrang des EU-Rechts überwinden kann, folge, dass eine wirkungsvolle Migrationskontrolle stattfinden müsse. Doch selbst wenn dies stimmt, wäre damit noch nicht gesagt, dass eine Kontrolle notwendig oder vorrangig an der Staatsgrenze stattfinden müsse. Historisch fanden dort wirksame Kontrollen ohnehin nur zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg statt. Davor wurde das Migrationsrecht zumeist reaktiv nach der Einreise vollzogen – und in der Gegenwart setzen die Staaten im wohlverstandenen Eigeninteresse auf ein mehrdimensionales Kontrollsystem von vorgelagerten Visavorschriften bis hin zur Kooperation mit Herkunfts- und Transitstaaten.

Damit schließt sich der Kreis, denn mein Kernanliegen im Tagesspiegel war, die Erklärung 2018 als das zu demaskieren, was sie nach meiner Überzeugung ist: eine Tarnkappe, die den behaupteten fortwährenden Rechtsbruch nutzt, um das System zu delegitimieren – anstatt sich auf die Sachdebatte einzulassen. Dies erwidere ich Thilo Sarrazin, der mich und meine „Gesinnungsgenossen“ zu denjenigen zählt, die Sachargumente angeblich zurückweisen, ebenso wie mit einem notorischen Kolumnisten des Deutschen Anwaltvereins, der mir umgekehrt vorwirft, das Spiel der politischen Rechten zu spielen, weil ich in der FAZ darauf hinwies, dass die pauschale Behauptung von der Grundrechtswidrigkeit eines ausgesetzten Familiennachzugs legitime Sachargumente, die es auf beiden Seiten durchaus gibt, überspielt.

Fazit

Das Erschreckende an der aktuellen Situation ist nicht, dass über die richtige Rechtsauslegung gestritten wird oder politisch widerstreitende Argumente vorgebracht werden. Stattdessen wird die politische Gestaltungsfähigkeit der Migrationspolitik von rechts und teilweise auch von  links generell in Frage gestellt. Es ist dies der eigentliche Skandal der „Erklärung 2018“ und der Replik auf meinen Beitrag von Thilo Sarrazin, der ein Systemversagen bekräftigt, für den der fortdauernde Rechtsbruch ebenso steht wie die These von der verweigerten Sachdiskussion. Dass die erste Behauptung nicht zutrifft, habe ich vorstehend juristisch vertieft – und woraus sich der Eindruck von der Diskursverweigerung speist, bleibt mir schleierhaft. Seit über zwei Jahren berichten die Medien tagtäglich über die Asylmigration, den Islam und den Terrorismus und doch meinen viele, dass kein Gespräch stattfände und gewisse Themen tabuisiert würden. Vermutlich ist die Annahme falsch, dass alle an Sachargumenten interessiert seien. Ein öffentlicher Diskurs beruht auf einer Rationalitätsvermutung, die so nicht zutreffen muss. Ich will die Hoffnung vorerst gleichwohl nicht aufgeben.


SUGGESTED CITATION  Thym, Daniel: Der Rechtsbruch-Mythos und wie man ihn widerlegt, VerfBlog, 2018/5/02, https://verfassungsblog.de/der-rechtsbruch-mythos-und-wie-man-ihn-widerlegt/, DOI: 10.17176/20180502-152930.

197 Comments

  1. Maximilian Steinbeis Mi 2 Mai 2018 at 16:51 - Reply

    Aus gegebenem Anlass und für alle Kommentator_innen zur gefälligen Beachtung: wie unter 4) hingewiesen, erwarten wir, dass auch pseudonyme Kommentator_innen zumindest mit einer validen Emailadresse für ihre Kommentare Verantwortung übernehmen. Das setzen wir auch durch. Kommentare unter Bogus-Emailadresse und Pseudonym werden gelöscht. D.Red.

  2. Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 17:29 - Reply

    Dumme Frage zum Thema: Ist eine Einreise ohne Aufenthaltungsgenehmigung illegal?
    Falls nein, folgende Fragen:
    Welche Rechtsvorschriften gestatten eine Einreise ohne Aufenthaltsgenehmigung?
    Wozu braucht es überhaupt eine Aufenthaltsgenehmigung?
    Warum eröffnet die Bundespolizei Ermittlungsverfahren wegen illegaler Einreise, wenn Asylsuchende nach D einreisen?
    Warum werden Personen, welche Asylsuchenden aus einem EU-Land nach D verhelfen, der Schlepperei bezichtigt, wenn es sich doch um eine legale Einreise handelt?

    Die Glaubwürdigkeit um das Bemühen einer sachlichen Diskussion wird allein schon durch die Diffamierungen und Unterstellungen am Anfang und am Ende dieses Artikels untergraben. So erscheint der Artikel eher ein perfides Propagandastück als ein juristischer Fachbeitrag zu sein.

    • schorsch Mi 2 Mai 2018 at 18:56 - Reply

      Das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein, weil hier viele Missverständnisse herrühren. Dass die Einreise einen Straftatbestand erfüllt, verrät uns noch nichts darüber, ob die Bundesrepublik verpflichtet ist, die Einreisenden aufzunehmen. Die Einreisenden handeln also u. U. rechtswidrig, die Bundesrepublik deswegen aber noch lange nicht. Aber auch strafrechtlich hat es für Flüchtlinge keine Folgen, wenn die Einreise dogmatisch betrachtet rechtswidrig ist. Sie (aber nicht ihre Helfer) werden von der GFK vor Strafe geschützt.

      Weil das nur durch einen Strafausschließungsgrund geschieht, heißt das aber: Der Tatbestand der unerlaubten Einreise ist juristisch erfüllt und wird statistisch erfasst, obwohl did Flüchtlinge in der Regel selbst nicht bestraft werden können.
      Die juristische Konstruktion hat durchaus absurde Folgen: Die von Ihnen angesprochene Bundespolizei patrouilliert um die Ankunftszentren, weil sie dort regelmäßig illegale Einreisen feststellt. Aber die Leute, die sie dort antrifft, wollen sich ja ohnehin dort melden. Deswegen fahren sie zum Ankunftszentrum. Die Beamten kommen dieser Meldung mit großem Aufwand nur bevor.

      • Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 19:25 - Reply

        GFK Art. 31 stellt den illegalen Grenzübertritt nur für Berechtigte (politisch Verfolgte jedoch keine Kriegsflüchtlinge) nur straffrei, welche „unmittelbar aus einem Gebiet kommen, in dem ihr Leben oder ihre Freiheit im Sinne von Artikel 1 bedroht waren“. Das trifft bei der Einreise aus einem sicheren Drittstaat nicht zu.

        Prinzipiell ist einer Person ohne Aufenthaltsgenehmigung die Einreise zu verweigern (AsylG §18 Abs.2, §26a Abs. 1; AufenthG §15 Abs. 1). Welche Rechtsvorschriften erlauben die Einreise dennoch? Worauf beruft sich die Exekutive (Regierung, Bundespolizei) Personen eine Einreise zu erlauben, obwohl AsylG und AufenthG eine Verweigerung der Einreise fordern?

        • schorsch Mi 2 Mai 2018 at 19:42 - Reply

          Falsch. Gucken Sie mal weiter unten, Herr Reinwatz hat Ihnen sogar eine Fundstelle rausgesucht.

          • Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 20:18

            Was ist falsch?

          • schorsch Mi 2 Mai 2018 at 23:06

            Ich meinte Ihre Interpretation des 31 GFK.

  3. bec Mi 2 Mai 2018 at 19:00 - Reply

    Für Ihre sachlich formulierte und rechtlich fundierte Klarstellung danke ich Ihnen. Leider ist jedoch zu vermuten, dass sie weitgehend, wie Sie formulieren, in den „diskursiven Echokammern des politischen Darknet“ verhallen wird. Ich denke insbesondere an die nur schwer zu ertragenden „Kommentarbereiche“ der sozialen Netzwerke sowie auch bspw. auf AchGut.
    Es ist ein durch diese Fragmentierung der Öffentlichkeit und der Publizität ausgelöstes oder jedenfalls verstärktes Phänomen der letzten ca. drei bis vier Jahre, dass Meinungen, damit sie möglichst weit verbreitet werden, persönlich geführt werden und regelmäßig die Systemfrage stellen (nicht nur für Verfassungsrechtler besorgniserregend ist die unsachliche Kritik am BVerfG). Institutionen verächtlich zu machen und hierbei das rechtliche Argument für sich zu beanspruchen, kann nur mit Aufklärung erwidert werden, die hoffentlich ihren Weg auch in Teile der Echokammern findet. Hierfür war dieser Beitrag – wie einige andere – sehr sinnvoll. Resignation ist keine Alternative!

  4. Hans Reinwatz Mi 2 Mai 2018 at 19:08 - Reply

    @Norbert Fiedler: Ich bin mal so frei, Ihre zahlreichen Fragen der Übersicht halber durchzunummerieren.
    Zu 1: Kommt darauf an.
    Zu 2: § 95 Abs. 5 AufenthG i.V.m. Art. 31 Abs. 1 GFK. Das Wort „unmittelbar“ in § 95 Abs. 5 schließt die Reise durch einen Drittstaat nicht aus, vgl. BVerfG, Beschl. v. 8.12.2014 – 2 BvR 450/11.
    Zu 3: Braucht es unter den Voraussetzungen vom § 95 Abs. 5 AufenthG i.V.m. Art. 31 Abs. 1 GFK ja eben nicht.
    Zu 4: Weil der Anfangsverdacht der illegalen Einreise besteht. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Anfangsverdacht auch bestätigt.
    Zu 5: Weil § 95 Abs. 5 AufenthG ein persönlicher Strafausschließungsgrund ist, der sich nicht auf weitere Beteiligte erstreckt.
    Erklären Sie mir nun im Gegenzug, warum Herr Kollege Thym durch die Offenlegung von Attacken gegen seine Person „Diffamierungen und Unterstellungen“ begehen soll?

    • Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 21:05 - Reply

      Zu 2: §95 beschreibt die Strafvorschriften nicht jedoch eine Erlaubnis einer illegalen Einreise. Die Einreise wäre nach AsylG §18 Abs.2, §26a Abs. 1; AufenthG §15 Abs. 1 – vom BVerfG vom 14.05.1996 entschieden/bekräftigt – zu verweigern. Weiterhin ist die GFK nur für die davon Berechtigten (politisch Verfolgte jedoch keine Kriegsflüchtlinge) anwendbar.

      Zur Ihrer Frage: Die Erklärung 2018 attackiert Herrn Thym gar nicht. Thym hatte im Tagesspiegel z.B. mit der Tarnkappen-Behauptung den sachlichen Diskurs schon verlassen. Seine Vermutungen über die Beweggründe der Unterzeichner der Erklärung 2018 formuliert Thym selbst hier nochals im Konjuktiv. Was bitte haben solche diffamierenden Vermutungen in einem sachlichen Beitrag zu suchen? Thyms Vermutungen konterkarieren seine Behauptung, er würde sich selbst für Sachargumente interessieren.

      • Hans Reinwatz Mi 2 Mai 2018 at 22:02 - Reply

        § 18 AsylG ist im Schengen-Raum wegen Anwendungsvorrang des Unionsrechts weitgehend unanwendbar, sobald eine Zuständigkeitsprüfung nach Dublin III in Betracht kommt. Und das ist auch der Fall, wenn jemand an der österreichischen Grenze steht – schlicht mit der Begründung „Jedenfalls Österreich ist ja ein sicherer Staat“ zurückweisen geht nicht, da die Person das Unionsgebiet vermutlich auch nicht in Österreich betreten hat. Man muss positiv auf einen bestimmten Staat verweisen, eine negative Zuständigkeitserklärung geht nicht. Die Vermeidung sogenannter „refugees in orbit“ („Keine Ahnung, wer für dich zuständig ist – wir sind’s jedenfalls nicht“) ist erklärtes Ziel der Dublin-III-VO. Da eine Prüfung, wo eine Person genau zum ersten Mal Unionsgebiet betreten hat – und ob evtl. vorrangige Anknüpfungskriterien greifen – an der Grenze kaum möglich sein wird, kann man idR auch nicht zurückweisen. Was den Strafausschließungsgrund angeht: Art. 31 GFK gilt übrigens auch, wenn i.E. kein Flüchtlingsstatus besteht. In den Schutzbereich des Art. 31 fällt, wer einen nicht offensichtlich missbräuchlichen Antrag stellt (Fischer-Lescano/Horst, ZAR 2011, 81).
        Und nun: Ich habe immer noch nicht verstanden, wo der Kollege Thym diffamiert. Er erklärt klar und deutlich, warum die Rechtsbruchthese Quatsch ist, und macht sich dann nachvollziehbare Gedanken darüber, warum sie dennoch aufgestellt wird. Die strategischen Interessen, die er unterstellt, sind ein Erklärungsansatz. Wenn der Ihnen nicht gefällt: Der einzige andere wäre, dass es den Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser ominösen Erklärung an intellektuellen Kapazitäten mangelt, und das wollen wir ja nun wirklich nicht insinuieren…

        • Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 22:20 - Reply

          Können Sie bitte das Unionsrecht anführen, welches für Asylsuchende eine komplett freie Bewegungsfreiheit erzwingt und sich auch noch dann über nationales Recht erhebt, wenn Grenzkontrollen wie damals und jetzt durchgeführt werden.

          • Hans Reinwatz Mi 2 Mai 2018 at 22:30

            Wo sprach ich von völliger Bewegungsfreiheit? Alles, was ich gesagt habe, ist, dass eine Zurückweisung bei nicht offensichtlich missbräuchlichem Antrag auf Schutzgewährung an der Grenze nicht möglich ist und daher das Unterlassen dieser Zurückweisung durch den Staat nicht rechtswidrig ist. Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO ist die Norm, die sie suchen – sie verpflichtet zur Prüfung und verdrängt daher bei Vorliegen ihrer Tatbestandsmerkmale die Zurückweisung nach § 18 AsylG.

  5. Jan Nebendahl Mi 2 Mai 2018 at 19:29 - Reply

    Kokolores.
    Entweder ist nach Ihren Ausführungen also unser Grundgesetz Kokolores.
    Oder Artikel 16 ist in seiner existierenden Form Kokolores.

    Eins von beidem sollte dann entweder abgeschafft oder geändert werden. Deutschland auf Basis des Grundgesetzes als Rechtsstaat muss auch für Nichtjuristen verständlich sein.

    Wir Bürger und Nichtjuristen empfinden das Nichteinhalten unserer Verfassung als Verfassungsbruch. Heute Artikel 16, morgen Artikel 1.

    Sie können fachbezogene Glasperlenspiele spiele wie Sie möchten. Der Verfassungsbruch mag nicht real existieren, er ist eine gefühlte Wahrheit.

    Wenn dies alles sowieso keine Anwendung findet, kann es ja nicht so schwer sein, das Grundgesetz so anzupassen, dass es der Realität entspricht.

    Wird dies nicht getan, fühlen wir Bürger uns vielleicht nicht mehr an ein wertloses Dokument gebunden. Und das wäre doch tragisch.

    • Roberto Mi 2 Mai 2018 at 19:45 - Reply

      Vielleicht sind ja Sie Kokolores? Denken Sie mal drüber nach.

      • Jan Nebendahl Do 3 Mai 2018 at 12:31 - Reply

        Beeindruckendes ad hominem aus der Hüfte.

        • Roberto Do 3 Mai 2018 at 13:35 - Reply

          +++Kommentar gelöscht. Zur Erinnerung: „We expect comments to be matter-of-fact, on-topic and free of sarcasm, innuendo and ad personam arguments.“ d. Red.+++

    • kgs Do 3 Mai 2018 at 11:16 - Reply

      Ich glaube Sie sind hier falsch, um etwas zu diesem Diskurs zu erfahren oder beizutragen. Hier geht es um die Behauptung eines staatlichen Rechtsbruchs. Dass es diesen nicht gab, ist oben ja ausführlich dargelegt. Sie dürfen das ja politisch falsch finden, aber niemand zwingt Sie, Thilo Sarrazin oder sonst jemand, juristisch zu argumentieren, wenn Sie davon nichts verstehen. Es ist aber durchaus auffällig, das immer wieder versucht wird, den Mythos vom Rechtsbruch (jetzt also von Ihnen als wenigstens „gefühlten“ Rechtsbruch) aufrechtzuerhalten. Das ist aber kein taugliches Argument für die Debatte. Wenn Sie den Text genau lesen, werden Sie übrigens auch feststellen, was für Argumente Sie tatsächlich vorbringen könnten, also wo Sie ein anderes politisches Handeln fordern und begründen könnten.

    • schorsch Do 3 Mai 2018 at 14:17 - Reply

      Im Übrigen: auch in einer Welt ohne jedes Europarecht, wäre Art. 16a Abs. 2 GG nicht verletzt worden. Der gebietet ja nicht, alle Menschen, die kein Asyl bekommen, an der Grenze abzuweisen. Der sagt nur, dass sie kein Asyl bekommen. Art. 16a GG verbietet auch nicht, andere Formen humanitären Schutzes neben dem grundgesetzlichen Asyl vorzusehen.
      Der Vorrang des Unionsrechts wird erst auf der Ebene des einfachen Gesetzesrechts interessant.

      • Norbert Fiedler Do 3 Mai 2018 at 22:21 - Reply

        Bei Anwendung allein des deutschen Rechts hätte die illegale Einreise i.d.R. verweigert werden müssen, vom BVerfG am 14.05.1996 so bestätigt. Dem ist z.B. die Aufnahme von Kontingentflüchtlingen unbenommen. Ebenso hätte die Legislative – Bundestag und Bundesrat – entscheiden können, Kriegsflüchtlinge aus humanitären Gründen aufzunehmen. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass Exekutive darüber zu entscheiden hätte, ob Gesetze zu Anwendung kommen und durch die Nichtanwendung geltender Gesetze huntertausende Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung nach D einreisen.

        • schorsch Do 3 Mai 2018 at 23:08 - Reply

          Das ist eine Frage des Grenzregimes, des § 18 Abs. 2 AsylG insbesondere, aber nicht des Art. 16a Abs. 2 GG. Die Pflicht zur Zurückweisung folgt nicht aus der Verfassung selbst. Deswegen steht in meinem Kommentar der Verweis auf das einfache Recht. Für dessen Anwendung wird das Unionsrecht in der Tat interessant. Das diskutieren wir ja seit gestern.

          Selbstverständlich ist die Exekutive an das Gesetz gebunden. Das haben wir ja andernorts diskutiert. Zu dieser Bindung gehört aber auch, dass sie selbst das Selbsteintrittsrecht ausüben kann und auch nach § 18 Abs. 4 Nr. 2 AsylG entscheidet die Exekutive. Insofern fügt Ihr Verweis auf die Gewaltenteilung dem Rechtsbindungsargument nichts hinzu.

    • Amon Melchers Fr 28 Sep 2018 at 19:30 - Reply

      Bitte sprechen Sie nicht von wir. Ich habe eine ganz andere gefühlte Wahrheit, nämlich, dass die Dublin-VO von Anfang an ungerecht und kokolores war. Sie repräsentieren nicht die Bürger, bitte sprechen Sie nur für sich.

      Meine Wahrheit ist, dass Menschen in Not geholfen werden muss und die EU-Staaten sich auf eine faire Verteilung einigen sollten.

  6. Daniel Thym Mi 2 Mai 2018 at 20:38 - Reply

    Ausnahmsweise eine sachliche Diskussion zum Thema, super!

    @Norbert Fielder: Ich kann mich im Wesentlichen dem Kommentar von Schorsch anschließen. Mein Fokus ist in der Tat, ob das Verhalten der deutschen Staatsorgane rechtswidrig war/ist. Hier ist meine Antwort ein klares Nein. Im Übrigen steht in Artikel 3 Dublin III-Verordnung, Art. 3 Abs. 1 Asyl-Verfahrens-Verordnung sowie Art. 3 S. 1 Grenzkodex-Verordnung, dass Asylanträge an der Grenze gestellt werden dürfen – aufgegriffen durch § 13 Abs. 3 S. 1 Asylgesetz: „Ein Ausländer, der nicht im Besitz der erforderlichen Einreisepapiere ist, hat an der Grenze um Asyl nachzusuchen.“ In einem Satz: Jemand, der an sich nicht einreisen dürfte, darf dennoch an der Grenze einen Asylantrag stellen und die deutschen Staatsorgane dürfen in der Folge nicht einfach zurückschicken.

    @Straftatbestand der illegalen Einreise: Es wurde alles Wesentliche gesagt, wobei die Grenzen der Straffreiheit bei der Reise durch dritte Länder im Einzelnen umstritten sind (UNHCR vertritt eine expansive Sicht) – und die Polizei vor allem auch deshalb ermittelt, um an die Hintermänner („Schlepper“) zu kommen, die auch dann wegen Beihilfe sich strafbar machen können, wenn der Flüchtling straffrei bleibt. Doch selbst, wenn ein Flüchtling wegen illegaler Einreise bestraft werden könnte, hieße das nicht, dass Deutschland ihn deswegen in Drittstaaten zurück schieben könnte oder eine Grenzschließung rechtmäßig wäre.

    @Jan Nebendahl: Ihre Aussage „Der Verfassungsbruch mag nicht real existieren, er ist eine gefühlte Wahrheit“ trifft – einmal abgesehen von dem Wort „Kokolores“ – vielleicht einen Kern des Problems, das die öffentliche Diskussion derzeit kennzeichnet. Es geht in der Debatte nur zum Teil um sachliche Argumente, denn Rationalität ist in dieser Welt nicht alles. Affekt, Gefühl und Emotion sind auch wichtig. Doch das sollte man dann, wie Sie, auch so thematisieren und sich nicht, wie die Erklärung 2018, hinter dem scheinbar neutralen und rationalen Recht „verstecken“. Eben das meinte ich im Tagesspiegel mit der Tarnkappen-Metapher und dem Hinweis, dass die Widerlegung der rechtlichen Argumente nur der erste Schritt sei. Danach ist die affektiv-emotionale Seite des laufenden Konflikt anzugehen, was gewiss nicht einfach ist – und wo wir Juristen dann auch nur einen Nebenschauplatz haben…

    • Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 21:42 - Reply

      Das BVerfG hat mit seiner Entscheidung vom 14.05.1996 doch ausgeführt, dass i.d.R. die Einreise zu verweigern ist, wenn die Einreise aus einem sicheren Drittstaat erfolgt. Ihr Einwand „Aus dem Asyl-Erfahrungsbericht 1994 des Bundesministeriums ….“ hat lediglich deskriptiven Charakter der damaligen Praxis. Es setzt jedoch nicht Art. 16a Abs. 2 außer Kraft. Da Sie mit den Dublin-Regeln argumentieren, müssten Sie darlegen, weshalb die Dublin-Regeln eine _*Einreise*_ entgegen nationaler Gesetzgebeung _*erzwingen*_. Das tun Sie aber nicht. Stattdessen argumentieren Sie mit Entscheidungen, wo sich die Asylsuchenden schon in D befinden und entgegen der Dublin-Regelungen (Fristversäumnnis) zurückgeschoben werden sollten.

    • Jan Nebendahl Do 3 Mai 2018 at 14:23 - Reply

      Vielen Dank, dass Sie meinen Laien-Kommentar ernst nehmen und mir den anfänglichen Säbelhieb verzeihen.

      Es findet leider von Seiten der Politik und auch der Medien nur wenig sachliche Aufklärung statt – ob juristisch, ökonomisch, oder in Sicherheitsfragen. Es wird die Kritik oder bevorzugt die Kritiker lieber denunziert als sich der Fragen und Einwände angenommen. Gleichzeitig werden unliebsame Fakten verschleiert und versteckt, anstatt sie offensiv zu kommunizieren und auch einmal zu bekennen, dass nicht alle Aspekte zu 100% gelöst sind. Eine unvoreingenommene Beschäftigung mit den Sachverhalten (wie die Fragen „Auf welcher Rechtsgrundlage nehmen wir Flüchtlinge aus Drittländern auf“ oder „Wieviel kostet uns die neue Asylstrategie der Bundesregierung pro Jahr“) wird dem Bürger so gut wie unmöglich gemacht. Stellt man solche Fragen, erhält man ideologische Propaganda (oder auch Nazibeschuldigungen), aber keine aktuellen und sachlichen Antworten.

      Insofern vielen Dank, dass Sie einen juristischen Teilaspekt dieser Fragen aufgeklärt haben.

      Dass das Grundgesetz Art. 16 nicht gilt, ist zumindest in meinem Bekanntenkreis (meist gehobenes oder hohes Bildungsniveau) niemandem bekannt. Ich empfinde es als höchst bedauerlich, dass politisch versäumt wird, diesen Artikel an die Realität anzupassen. Das Grundgesetz hat für Deutschlands Bürger eine extrem hohe Bedeutung und ein extrem hohes Vertrauen. Dieses Vertrauen wird verspielt, wenn das Grundgesetz von einer gelebten Grundlage unseres Staates auf dem Fundament unserer Werte zu einem historischen Artefakt verkümmert, das lediglich vergangene innenpolitische Konflikte dokumentiert.

      Zusätzlich zum „Rechtsbruch-Mythos“ gibt es auch viele andere unangenehme Themenkomplexe, über die man öffentlich gar nicht zu reden wagt. Wie zum Beispiel
      – Wenn in 2017 ca. 230.000 Asylanträge sachlich abgelehnt wurden, und ca. 110.000 formell, und ca. 30.000 Abschiebungen stattfanden, was passiert denn mit den anderen 310.000 abgelehnten Asylbewerbern?
      – bei 67,5% Ablehnungsquote von Januar – März 2018 (sachlich + formell) sind im ersten Quartal zu obiger Zahl 50.000 abgelehnte Asylbewerber dazu gekommen.

      Und wenn wir pro Jahr die Obergrenze aus dem Koalitionsvertrag von 220.000 erreichen, und die Ablehnungsquote konstant bleibt…

      – Schieben wir dann in Zukunft 5mal mehr Menschen, also 150.000 pro Jahr, ab? Wenn ja, wohin?
      – Oder bürgern wir sie ein? Wenn ja, ist das eine einmalige Aktion, oder legen wir Kriterien für eine jährliche Einwanderung nach Deutschland fest?
      – Oder lassen wir die abgelehnten Asylbewerber einfach in ihren Unterkünfte ohne Aussicht auf Jobs, Geld und eine legale Zukunft, in der Hoffnung, dass sie irgendwann schon von alleine verschwinden?

      Ich erwarte von Ihnen zu diesen Themen keine Antwort. Aber alleine solche Fragen zu stellen, führt sicherlich dazu, dass man von manchen als „Rechtspopulist“ betrachtet wird (wo ich mich selbst eher als aufgeklärt, rechtsstaatlich pluralistisch und linksliberal verorte).

      Aber so lange die Diskussion über diese unangenehmen Themen dem – wie Sie sagen – „rechtspopulistischen Darknet“ überlassen bleibt, so lange kritische Fragen denunziert werden und man sich den offensichtlichen Problemen nicht stellt, so lange werden auch nur die Rechtspopulisten Lösungen für diese Herausforderungen anbieten.

      Vielen Dank für Ihren Beitrag und ihre Aufmerksamkeit,
      Jan Nebendahl

  7. Daniel Thym Mi 2 Mai 2018 at 21:53 - Reply

    Sehr geehrter Herr Fiedler, die zitierte Rn. 164 des Urteils aus dem 1996 gibt eine Aussage des BVerfG wieder und zitiert nicht nur die Rechtsauffassung des BMI (die sodann Rn. 165 in der Tat nur zitiert, zugleich aber auch in keinster Weise einen Widerspruch andeutet). Doch selbst wenn Karlsruhe die Rn. 164 nicht getätigt hätte oder man auf das Grundgesetz bei einer isolierten Betrachtung aus anderen Gründen anders auszulegen hätte: Es bliebe beim Anwendungsvorrang der Dublin III-Verordnung gemäß den Ausführungen im Text, da auch die (engen und noch nie aktivierten) Verfassungsvorbehalte für den Anwendungsvorrang des Unionsrechts nicht greifen. Ich weiß, dass dies vielleicht zu viele juristische Feinheiten sind, aber so ist es nun einmal (siehe auch, halbwegs leicht verständlich https://de.wikipedia.org/wiki/Anwendungsvorrang). Viele Grüße von Daniel Thym

    • Norbert Fiedler Mi 2 Mai 2018 at 22:30 - Reply

      Vielen Dank für Ihre Antwort, in welcher Sie selbst nach Aufforderung nicht die entsprechenden Dublin-Regeln angeben, nach der eine illegale Einreise erzwungen wird. Wenn es keine Dublin-Regel gibt, welche die Einreise erzwingt, dann nützt auch ein Anwendungsvorrang einer inexistenten Regel nicht.

      • schorsch Mi 2 Mai 2018 at 23:21 - Reply

        Gegenfrage:
        Nach der Dublin-VO muss die Bundesrepublik, wenn ein Antrag auf internationalen Schutz gestellt wird (Art. 3 Abs. 1: auch an der Grenze), prüfen welcher Mitgliedstaat für diesen zuständig ist. Sollte das nicht die Bundesrepublik sein, kann binnen drei Monaten ein Aufnahmegesuch an den zuständigen Mitgliedstaat gestellt werden (Art. 21), dass binnen zwei Monaten beantwortet werden muss (Art. 22). Vor der Überstellung (Art. 29 ff.) kann der Betroffene gegen die Entscheidung klagen (Art. 27).

        Wie wollen Sie diesen Anforderungen am Schlagbaum genügen?

  8. Mattias Wendel Do 3 Mai 2018 at 00:30 - Reply

    Vielen Dank an Daniel Thym für den wichtigen, weil zentrale Aspekte nochmals (er)klärenden Beitrag! Dass auch grundlegende Rechtsinstitute, wie der bereits seit 1964 vom EuGH anerkannte Anwendungsvorrang des Unionsrechts (vorliegend relevant für Art. 3 Abs. 1 der Dublin-III-Verordnung) immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden, ist für das Funktionieren der europäischen Rechtsgemeinschaft von elementarer Bedeutung.

    Eine ergänzende Bemerkung zum Selbsteintrittsrecht: Die genannten Urteile Mengesteab und Shiri betreffen Sachverhalte, in denen der jeweilige Aufenthaltsstaat ein (Wieder-)Aufnahmeersuchen stellte. Bei Mengesteab erfolgte das Aufnahmegesuch zu spät, bei Shiri die Überstellung. Beide Fälle dokumentieren aber klar den Willen der Behörden, die Dubliner Zuständigkeits- und Verfahrensvorschriften überhaupt anzuwenden. Die Diskussion um das Selbsteintrittsrecht nahm ihren Ausgangspunkt demgegenüber in der Frage, wie die vom BAMF im Jahr 2015 missverständlich als „Aussetzung“ bezeichnete Handhabung des Dublin-Verfahrens in Bezug auf syrische Antragsteller rechtlich einzuordnen ist. Denn eine unilaterale Nichtbeachtung der Dublin-Regelungen wäre rechtswidrig gewesen, was auch das Jafari-Urteil letztlich bestätigt. Deshalb war die Frage zum damaligen Zeitpunkt von großer Bedeutung, ob die angekündigte „Aussetzung“ nicht als Ausübung des Selbsteintrittsrechts i.S.d. Art. 17 Abs. 1 der Dublin-III-Verordnung und damit als Anwendung von Dublin verstanden werden muss, wofür im Ergebnis viel spricht. Die heute so praxisrelevante Zuständigkeitsbegründung qua zeitlicher Verschleppung hat das BAMF aus damaliger Sicht mit der „Aussetzung“ sicherlich nicht gemeint und auch gar nicht antizipieren können. Denn die einschlägigen Leitentscheidungen Ghezelbash, Mengesteab und Shiri – einschließlich der darin anerkannten subjektivrechtlichen Eigenschaft der Verfahrens- und Fristenvorschriften – gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist aber richtig, dass das jetzt keine entscheidende Rolle mehr spielt, weil der EuGH die Verfahrens- und Fristenvorschriften eben (anders als zuvor bzgl. der Dublin-II-VO) subjektiviert und im Übrigen auch eine großzügige Auslegung des Selbsteintrittsrechts zu erkennen gegeben hat (vgl. Jafari, Rn. 100). Die spannende Frage ist, wie die Dublin-IV-VO in diesen Punkten am Ende aussehen wird. Auf die derzeit geplante Abschaffung des Zuständigkeitsübergangs wurde bereits hingewiesen. Aber auch das Selbsteintrittsrecht soll in seinem Anwendungsbereich erheblich eingeschränkt werden.

  9. Steffen Wasmund Do 3 Mai 2018 at 01:54 - Reply

    Zunächst vielen Dank für diesen sachlichen, umfangreichen und juristisch umfangreichen Beitrag. Diese Form ist notwendig, um die Debatte aus der Polemik herauszuheben. Wenn man sich nun aber auch dem Ergebnis des fehlenden Rechtsbruches anschließen mag und gleichzeitig eine „hochkomplexe Rechtslage“ einräumt, bei der sich sogar „BVerfG-Präsidenten“ irren können, kann man den Verfassern der „Erklärung 2018“ schwerlich Böswilligkeit vorwerfen, sondern müsste eine verständliche wenn auch eine auf einem Irrtum beruhende Verärgerung konstatieren. Mit dem berechtigten Anliegen der Unterzeichner der „Erklärung 2018“ nach einer für das Land verträglichen Migration, würden sich nun einfach deren Forderungen, weg von einer Einhaltung von Recht hin zu einer Änderung von Recht, ändern. Dem würden Sie – wenn ich Sie richtig verstanden habe – auch beipflichten.

  10. Sylvia Kaufhold Do 3 Mai 2018 at 14:34 - Reply

    Auch ich möchte mich bei Prof. Thym für seine Bemühungen um eine konstruktive Diskussion über rechtlich vertretbare Lösungswege bedanken. Die Anfeindungen von rechts und links bei solchen Bemühungen kenne ich auch und da hilft nur eins: Weitermachen.

    In der Sache möchte ich auf den Kommentar von Mattias Wendel aufsetzen. Zu Recht weist er implizit darauf hin, dass „die praxisrelevante Zuständigkeitsbegründung qua zeitlicher Verschleppung“ faktisch einem mehr oder weniger freiwilligen Selbsteintritt gleichkommt. Niemand weiß wohl genau, in wie vielen Fällen BAMF-Entscheider diese neue Zuständigkeit gezielt anpeilen und in wie vielen Fällen sie sich tatsächlich als Folge von Komplexität und Überforderung darstellt. Vermutlich ist es einen Mischung aus beidem. Tatsache ist, dass die zugrundeliegende Rechtsprechung des EuGH erst nach und aufgrund des „Kontrollverlusts“ möglich wurde und das kann man als „Dank“ für die Aufnahmebereitschaft schon als zynisch empfinden. Zumal sich Deutschland von diesem Punkt aus nicht in eine (in ihrer inneren Rechtfertigung ohnehin völlig unverständliche) Unzuständigkeit wegen systemischer Mängel geflüchtet hat und als „Retter“ des Systems wohl auch schlecht hätte flüchten können. Tatsache bleibt, dass Überforderung für Deutschland in die Zuständigkeit führt, während andere Staaten daraus ihre Unzuständigkeit ableiten. Das ist schon ein gravierender Systemmangel.

    Außerdem hat erst die Rechtsprechung des EuGH dem zuvor durchaus vertretbaren Vorwurf des Rechtsbruchs den Boden entzogen. Bis dahin hat man immer mit dem Selbsteintrittsrecht als zuständigkeitsbegründend argumentiert und das halte ich vor dem Hintergrund von Art. 16a Abs. 2 und 3 GG doch für sehr wackelig. Wenn nämlich Deutschland zum Selbsteintritt europarechtlich lediglich berechtigt, aber nicht verpflichtet ist, kann das Selbsteintrittsrecht auch nicht als Argument für die Aushebelung der verfassungsunmittelbaren Schranken eines (auf ausländische Staatsbürger beschränkten) Grundrechts dienen. Eine Überlagerung bzw. Verdrängung deutschen Verfassungsrechts findet also hier nicht statt, zumal sich Art. 16a Abs. 5 GG explizit nicht auf Sekundärakte der EU bezieht. Insofern kann man schon mit guten Gründen vertreten, dass § 18 Abs. 4 Nr. 1 AsylG, wonach von der Zurückweisung an der Grenze im Falle der Zuständigkeit Deutschlands abzusehen ist, jedenfalls auf eine (potentielle) Zuständigkeit lediglich aufgrund Selbsteintritts nicht anwendbar ist. Mit anderen Worten: Deutsches Verfassungsrecht verhindert die freiwillige Übernahme von Asylverfahren und damit den Selbsteintritt zur Entlastung anderer Mitgliedstaaten! Kann das wiederum gewollt sein?

    Auf der anderen Seite perpetuiert die jetzt zu konstatierende Dauerzuständigkeit Deutschlands aufgrund Fristablaufs und faktischer Unmöglichkeit von Dublin-Überstellungen in der Sache einen verfassungsrechtlich zumindest bedenklichen Selbsteintritt und das kann es doch in der Tat auch nicht sein (s. oben).

    Aus dem Dilemma kommt man ganz unabhängig vom Fortgang der europäischen Asylreform mE nur heraus, wenn man, wie schon anlässlich der Verfassungsreform 1993 gefordert, das Asylgrundrecht in eine institutionelle Garantie (Gewährung nach Maßgabe der Gesetze) umwandelt. Dies verlangen auch jetzt wieder führende Verfassungsrechtler (z.B. Papier und Scholz). Dass diese Forderung auch eine AfD-Position ist, ändert an ihrer Richtigkeit nichts. Sie ist schon aus Gründen der Flexibilisierung der Materie alternativlos. Was ist hierzu Ihre Meinung, lieber Herr Prof. Thym?

    • Mattias Wendel Do 3 Mai 2018 at 15:35 - Reply

      Eine kurze Rückantwort zu Frau Kaufhold:

      Erstens habe ich die automatische Zuständigkeitsbegründung qua Fristüberschreitung nicht mit der Zuständigkeitsbegründung qua Selbsteintritt gleichgesetzt.

      Zweitens halte ich es für unzutreffend, die Anwendung des supranationalen Selbsteintrittsrechts als verfassungsrechtlich durch Art. 16a GG begrenzt anzusehen. Art. 16a GG wird, wie bereits von Daniel Thym ausgeführt, durch Dublin überlagert. Wenn Deutschland sein Selbsteintrittsrecht ausübt, macht es von einem in diesem supranationalen Verteilungssystem vorgesehenen Mechanismus der Zuständigkeitsverteilung Gebrauch. Dass aus Art. 16a I-IV GG keine verfassungsrechtlichen Schranken der zuständigkeitsbegründenden Ermessensausübung (im Spielraumbereich) folgen, stellt Art. 16 V GG nochmals klar. Lediglich aus historischen Gründen spricht die Norm von „völkerrechtlichen Verträgen“ (Dublin war damals VöR). Grenzen der Ausübung des Selbsteintrittsrechts hätten sich allenfalls aus Unionsrecht ergeben können. Darum war und ist die These vom Rechtsbruch m.E. auch ungeachtet der jüngeren Rechtsprechung des EuGH verfassungsrechtlich nicht begründbar.

    • Sven Klapproth Do 3 Mai 2018 at 16:55 - Reply

      Sehr geehrte Frau Kaufhold, Herr Wasmund und Herr Nebendahl!

      Frau Kaufhold, Sie schreiben, man habe vor der Rechtsprechung des EuGH immer mit dem Selbsteintrittsrecht als zuständigkeitsbegründend argumentiert.

      Das ist nicht ganz richtig.

      Sicherlich gibt es viele, die mit dem Selbsteintritt nach Art. 17 der Dublin-III-Verordnung argumentiert haben, den übrigens der Fachbereich 3 der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags schon seit 2015 in Verbindung mit §18 IV 1 AsylG sieht:

      „Ein zuständigkeitsbegründender Selbsteintritt führt nach §18 Abs. 4 Nr. 1 AsylG dazu, dass die Einreise von Asylsuchenden aus sicheren Drittstaaten nicht verweigert werden kann.“

      https://www.bundestag.de/blob/405708/7396c6e92adfa0b6f295c4d7a5fcdf98/wd-3-299-15-pdf-data.pdf

      Hauptprotagonistin in der Flüchtlingspolitik ist aber unbestreitbar Bundeskanzlerin Merkel.

      Ihr wird indirekt mit der „Erklärung 2018“, die ihren unmittelbaren Anlass im Streitgespräch zwischen Tellkamp und Grünbein hatte, ein „Rechtsbruch“ vorgeworfen, den angeblich sogar Bundestagsjuristen „festgestellt“ hätten, was nicht der Wahrheit entspricht.

      Merkel behauptete nie einen Selbsteintritt, sondern eine unionsrechtliche Pflicht zur Einreisegestattung:

      „Nach unserer Auffassung – nach meiner Auffassung, aber auch nach Auffassung der Kommission – ist eine Zurückweisung eines Asylsuchenden nicht möglich. Dafür gibt es das Dublin-Verfahren, und das Dublin-Verfahren wird ja von der Bundesregierung auch wieder sehr viel stärker angewandt, als es der Fall war.“

      https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2016/07/2016-07-28-bpk-merkel.html

      Ähnliches – wenn auch undeutlicher – kann man ihren Reden 2015 entnehmen.

      Der Selbsteintritt betraf 2015 dann nur 10.495 Personen:

      http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/19/012/1901241.pdf (Frage 20)

      Es handelte sich dabei um eine Arbeitsentlastung des BaMF, welches – bis heute – meistens erfolglos aufgrund des Sabotageverhaltens anderer Mitgliedstaaten, insbesondere des Mitgliedstaats Ungarn, welcher 2015 Dublin sogar eigenmächtig aussetzte, Übernahmeverfahren betrieb bzw. betreibt.

      Herr Wasmund, der Vorwurf, dass die Unterzeichner der „Erklärung 2018“, an einem rationalen Diskurs gar nicht interessiert seien, ist nicht von der Hand zu weisen.

      Wie sonst ist zu erklären, dass sie im Jahre 2018 eine Diskussion, die 2015/16 z.B. hier schon in aller Ausführlichkeit geführt worden ist, wieder aufrollen, sich komplett ahnungslos gebend, was die Argumente und Positionen der Andersdenkenden betrifft, obwohl diese seit fast 3 Jahren bekannt und überall nachlesbar sind, insbesondere in den Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags, die von den Unterzeichnern selbst – allerdings falsch – zitiert werden, oder – hinsichtlich des EU-Rechts – besonders ausführlich im Gutachten Obwexers und Funks für die österreichische Bundesregierung:

      Erstes Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste vom Oktober 2015 (letzte Seite Fazit) https://www.bundestag.de/blob/410058/d2ec7b2033a18ce464b1f15658ac093c/pe-6-128-15-pdf-data.pdf

      Obwexer/Funk (Original auf Server der österreichischen Bundesregierung gelöscht, deshalb hier Workupload) https://workupload.com/pdf/esKRznq

      Herr Nebendahl, ich möchte darauf hinweisen, dass nicht nur für Rechtsnormen, sondern auch für Zahlenangaben die aufrichtige Bereitschaft, valide Daten zur Kenntnis zu nehmen, fehlt. Das ist kein Vorwurf an Sie, sondern an diejenigen, die sich seit längerem (!) mit der Materie auseinandersetzen und dennoch weiterhin zweifelhafte Zahlen kommunizieren – wie etwa die nichtssagenden Zahlen der Geschäfts(!)-Statistiken des BaMF, die nicht Personen, sondern Vorgänge zählen, welche überhaupt nicht Rechtskraft erreichen müssen.

      Valide Daten kann man den Antworten der Bundesregierung in den einschlägigen Drucksachen des Dokumentations- und Informationszentrums für Parlamentarische Vorgänge entnehmen:

      2016/17 sind über 200.000 Asylsuchende ausgereist.

      Ende 2017 hielten sich aufgerundet 350.000 Personen in Deutschland auf, über deren Antrag noch nicht rechtskräftig entschieden, 910.000, deren Asylantrag stattgegeben wurde, 90.000 geduldete Ausreisepflichtige und 30.000 unmittelbar Ausreisepflichtige mit abgelehntem Asylantrag.

      Quellen hier in den Hyperlinks (die Zahlen ergeben sich als Summen, z.B. Anzahl Ankunftsnachweis + Aufenthaltsgestattung):

      https://workupload.com/pdf/akaQsMr

      Fazit:

      Ein aufrichtiger Diskurs beginnt meiner Meinung nach damit, dass man die Position der Gegenseite zur Kenntnis nimmt.

      Die Positionen der Unterzeichner der „Erklärung 2018“ sind allen Interessierten spätestens seit Ende 2015 bekannt. Die Position der Kanzlerin, dass eine unionsrechtliche Pflicht zur Einreisegestattung bestehe, welche sie auch kommuniziert hat, dagegen nicht. Verkehrte Welt.

      Vielen Dank für die Aufmerksamkeit

      • Norbert Fiedler Do 3 Mai 2018 at 22:56 - Reply

        Das Problem der „verkehrten Welt“ liegt wohl in der Unkenntnis der hier behaupteten Rechtslage begründet. Die öffentliche Diskussion von Journalisten und Politikern fand im Wesentlichen mit GG und GFK statt. Dublin spielte oft nur bei der Zuständigkeit des Asylverfahrens eine Rolle. Wenn die Rechtslage wie von Thym behauptet wäre, dann ist die Entscheidung der Bundeskanzlerin im September 2015, welche von den Medien als „Grenzöffnung“ bezeichnet wurde, komplett überflüssig, da D zur Einreise der Asylsuchenden und zur Annahme eines Asylantrages ohnehin lt. Dublin verpflichtet gewesen wäre.

        Das Problem in der Diskussion ist auch noch heute, dass hypermoralisierend die Kritiker diffamiert werden, anstatt allein auf die Wirkung des besseren Arguments zu vertrauen.

        • Hans Reinwatz Fr 4 Mai 2018 at 16:02 - Reply

          „Wenn die Rechtslage wie von Thym behauptet wäre, dann ist die Entscheidung der Bundeskanzlerin im September 2015, welche von den Medien als ‚Grenzöffnung‘ bezeichnet wurde, komplett überflüssig, da D zur Einreise der Asylsuchenden und zur Annahme eines Asylantrages ohnehin lt. Dublin verpflichtet gewesen wäre.“
          In der Tat, genauso ist es – deswegen gab es auch keine „Grenzöffnung“. Was es gab, war ein recht weitreichender Selbsteintritt, durch den sich Deutschland anstelle von Ungarn für zuständig erklärte – was, wie der EuGH kürzlich erst feststellte, durch Dublin III abgedeckt ist.

    • schorsch Do 3 Mai 2018 at 18:47 - Reply

      Art. 16 a Abs. 2 GG steht dem Selbsteintritt nicht entgegen, weil ja kein Status nach Art. 16a Abs. 1 GG, sondern nach § 3 AsylG erfolgt.

      § 18 AsylG enthält Verfahrensregeln für die Grenzbehörde enthält. Der Selbsteintritt erfolgt aber nicht an der Grenze.

      Im Übrigen ist ja nicht ganz klar, ob die Bundesrepublik nicht auch rechtlich zum Selbsteintritt für Ungarn gezwungen war. Jedenfalls bestand insofern eine Unsicherheit, einige Verwaltungsgerichte hatten eine solche Pflicht angenommen.

  11. Daniel Thym Do 3 Mai 2018 at 20:09 - Reply

    @Frau Kaufhold: Politisch dürfte es gewiss illusorisch sein, in der jetzigen Situation auch noch die Verfassung zu ändern – aber ehrlich wäre dies, auch um den Bürgern zu zeigen, dass Asylpolitik rechtlich und politisch längst keine Sache der Nationalstaaten allein mehr ist. Eine Institutsgarantie wäre hierbei freilich nur eine Option. Wer, darüber hinaus, am Asylgrundrecht festhalten möchte, könnte „einfach“ formulieren: „Das Asylgrundrecht wird nach Maßgabe von Artikel 18 der Grundrechtecharta der Europäischen Union sowie dem europäischen Sekundärrecht gewährleistet“. Wir wissen zwar auch nicht genau, was Art. 18 GRCh beinhaltet, aber transparenter wäre eine solche Rechtslage gewiss!

  12. BenRoss Do 3 Mai 2018 at 23:32 - Reply

    Zusammenfassung:

    Es gibt ein Reihe von Experten, die einen Rechtsbruch sehen, beispielsweise Di Fabio, der das durch eine zeitliche Begrenztheit (dies nicht gibt) relativiert. Und es gibt ein Reihe von Experten, die keinen Rechtsbruch sehen.

    (Randnotiz: Merkel’s Rede von einer rechtlichen Verpflichtung zur unbegrenzten Aufnahme, war natürlich vom ersten Tag an Unfug.)

    Ungefähr der gleiche Riss geht durch die Bevölkerung, was die Gesamtbetrachtung angeht.

    Sowohl die Regierung als auch das Verfassungsgericht hatten bereits zweieinhalb Jahre Zeit, diese Rechtsunsicherheit in einer Angelegenheit, die mithin unsere staatliche Ordnung ins Wanken bringen kann, ganz einfach zu klären. Das wäre beispielsweise durch schriftliche Anweisung des BMI möglich.

    Die Brisanz der dauerhaften Nichtklärung steckt in einem agressiven Schwebezustand, der zum Ausdruck bringt: Das Gesetz ist nicht das Gesetz, das Gesetz sind am Ende WIR, die WIR die Macht haben.

    Gemeinhin nennt man das Willkür.

    • schorsch Fr 4 Mai 2018 at 00:25 - Reply

      Was die Experten angeht: Da wird das Urteil mit der Nähe zur Materie dann doch sehr schnell ziemlich einhellig.
      Was das Bundesverfassungsgericht angeht: nein. Eine zulässige Verfassungsbeschwerde bekommen Sie nicht konstruiert. Verfassungsbeschwerden dienen der Durchsetzung der Grundrechte der Beschwerdeführer.

    • Sylvia Kaufhold Fr 4 Mai 2018 at 02:01 - Reply

      Ich bin ganz Ihrer Meinung: Die völlig verkannte Gefahr für unsere Gemeinwesen (EU und Mitgliedstaaten) liegt schlicht in einer flächendeckenden, praktisch alle Bereiche erfassenden Rechtsunsicherheit begründet. Während man diese im Verbraucher-und Wirtschaftsrecht trotz mangelhafter demokratischer Legitimation noch zähneknirschend auszuhalten bereit ist, endet die Toleranz doch irgendwann bei so essentiellen Themen wie dem europäischen Grenzschutz- und Migrationsrecht.Jedoch erscheint dieser Befund unseren Politikern wohl zu banal. Daher werden von allen Seiten lieber vage Visionen verbreitet, anstatt sich endlich an die Arbeit zu machen und Rechtsklarheit zu schaffen. Vereinfachungen wird man dabei nicht nur in Kauf nehmen, sondern auch anstreben müssen.

    • Fritz Teufel Mi 9 Mai 2018 at 15:41 - Reply

      Udo Di Fabio hat sich aber auch selbst relativiert.

  13. Sylvia Kaufhold Fr 4 Mai 2018 at 01:43 - Reply

    @Herr Wendel und Herr Klapproth: Ich verstehe die Argumentation mit der Überlagerung kraft Zuständigkeitsdelegation aus Art. 16a Abs. 5 GG, jedoch bleibe ich skeptisch: Erstens kann man bezweifeln, ob die voraussetzungslose Befugnis, ein Verfahren an sich zu ziehen, sich also kraft eigener Machtvollkommenheit selbst für zuständig zu erklären, überhaupt als – gemeinhin zumindest an bestimmte Voraussetzungen gebundene – Zuständigkeit iSv Art. 16a Abs. 5 GG angesehen werden kann. Eine so verstandene Zuständigkeit würde außerdem die in § 18 Abs. 4 Nr. 2 AsylG geregelte Aufnahmeanordnung aus humanitären oder politischen Gründen obsolet machen. Wo wäre der Unterschied? Auf diesen Punkt geht der wissenschaftliche Dienst des BT im Rahmen von § 18 Abs. 4 Nr. 1 AsylG nicht ein. Zweitens mag man Art. 16a Abs. 5 GG historisch so auslegen wollen, dass er auch die funktional an die völkerrechtlichen Verträge tretenden EU-Rechtsakte erfassen solle. Angesichts der gewichtigen Unterschiede in der demokratischen Legitimation halte ich diese Auslegung jedoch nicht für überzeugend (gibt es Rechtsprechung des BVerfG hierzu?). Drittens folgt nicht nur aus der Rechtsprechung des EGMR zum Kollektivausweisungsverbot, sondern auch aus dem Wortlaut des § 18 Abs. 1 Nr. 1 AsylG, dass eine Einreiseverweigerung oder Zurückweisung auch „an der Grenze“ nur nach vorheriger Identitäts- und Zuständigkeitsprüfung in Betracht kommt; nur muss diese Prüfung dann eben in geschlossenen Einreisezentren erfolgen, was bis zum heutigen Tage nicht der Fall ist.

    • Sylvia Kaufhold Mi 13 Jun 2018 at 09:10 - Reply

      Korrektur zum letzten Absatz: Es handelt sich um § 18 Abs. 4 Nr. 1 AsylG und nicht um § 18 Abs. 1 Nr. 1 AsylG.

  14. BenRoss Fr 4 Mai 2018 at 07:06 - Reply

    „schnell ziemlich einhellig“

    … und wer die einhelligen Experten „mit der Nähe zur Materie“ sind, bestimmen Sie?

    „Eine zulässige Verfassungsbeschwerde bekommen Sie nicht konstruiert.“

    Nachweisbar ist allenfalls
    „Eine Verfassungsbeschwerde bekommen Sie nicht zugelassen.“.

    Die formale Klärung der Frage des Rechtsbruchs, die ein zumindest gewisse Befriedung der Situation erzielen könnte, wird offensichtlich verweigert.

    Wer auf solch unsicherer Rechtsgrundlage in großem Stil Fakten schafft, gerät mindestens in den Verdacht, die Regeln dem Spiel anzupassen, statt das Spiel den Regeln.

    • schorsch Fr 4 Mai 2018 at 07:53 - Reply

      Grobe Linie: Lesen Sie Fachzeitschriften, keine Welt-Interviews. Hören Sie auf Migrations-, nicht auf Zivil- und Strafrechtler. Werden Sie misstrauisch, wenn emeritierte Professoren immer noch vom Dublin-Abkommen reden. Heben Sie eine Augenbraue, wenn nur vom GG geredet wird, nicht vom Unionsrecht. Überlegen Sie, ob Gutachten von interessierten Politikern bezahlt wurden, ob man das, was darin steht auch irgendwo anders lesen kann.

      Was die „Nachweisbarkeit“ prozessrechtlicher Argumente eingeht: Da müssen Sie sich schon auf eine Teilnemerperspektive einlassen.

  15. BenRoss Fr 4 Mai 2018 at 10:07 - Reply

    „Hören Sie auf Migrations-, nicht auf Zivil- und Strafrechtler.“

    Damit sind dann jene unabhängigen Experten gemeint, die mit Migration ihr Geld verdienen?

    „Werden Sie misstrauisch, wenn emeritierte Professoren immer noch vom Dublin-Abkommen reden.“

    Herr Thym redet auch „immer noch vom Dublin-Abkommen“. Warum soll ich gegen ihn nicht misstrauisch sein?

    „Heben Sie eine Augenbraue, wenn nur vom GG geredet wird, nicht vom Unionsrecht.“

    Man darf aber schon auch noch vom Grundgesetz reden oder gilt’s schon nicht mehr und das ist nur in Fachkreisen bekannt?

    „Überlegen Sie, ob Gutachten von interessierten Politikern bezahlt wurden, ob man das, was darin steht auch irgendwo anders lesen kann.“

    Haben Sie etwa Erkenntnisse, dass Peukert/Hillgruber/Foerste/Putzke von interessierten Politikern bezahlt wurden? Ist Udo Di Fabio korrput?

    Erachten sie eine hohe Anzahl von gleichlautenden Veröffentlichungen als beweiskraftstärkend oder könnte es sich nicht auch um Zitierkartelle handeln?

    • schorsch Fr 4 Mai 2018 at 10:42 - Reply

      1. nein
      2. tut er nicht
      3. das geltende flüchtlingsrecht ist in dee tat im wesentlichen dem unionsrecht zu entnehmen.
      4. p/h/f/p: gutes beispiel für fachfremde autoren. di fabio: interessegeleitete rechtsargunentation ist ja keine korruption. jeder anwalt tut das und soll das tun. es ist halt keine unabhängige wahrheitssuche, hat aber auch gar nicht den anspruch.
      5. nein. aber di fabio betreibt rechtsschöpfung.

  16. BenRoss Fr 4 Mai 2018 at 11:04 - Reply

    Tut er doch. Er schreibt sogar selbst, das er es geschrieben hat. 🙂

    ‚Im Tagesspiegel schrieb ich: „Die These vom Rechtsbruch beruht im Kern auf einem Missverständnis der Dublin-Regeln, die auch an der deutschen Grenze zu beachten sind und den einschlägigen Bestimmungen des Aufenthaltsgesetzes vorgehen.“‘

    • schorsch Fr 4 Mai 2018 at 12:04 - Reply

      Mein Punkt war: Die „Dublin-Regeln“ sind nicht mehr in einem Abkommen, sondern in einer EU-Verordnung enthalten. Steht auch oben im Text. Experten, die wirklich Experten sind, wissen das.

  17. Peter Henschel Fr 4 Mai 2018 at 11:21 - Reply

    Ich würde sagen, der Versuch hier uns von einem Mythos zu überzeugen ist absolut daneben gegangen. Es ist offensichtlich, dass hier auch wieder nur und schlussendlich um eine willkürliche Auslegung geht. Fakt ist, ein Staat ist nicht dazu verpflichtet Asylgewährung durch Massenanträge, sein eigenes Staatsgebilde bzw. Sicherheit auszuhebeln!Verräterisch hierbei ist auch o.a. Polemik, wie:Thilo Sarrazin über „Professor Unfug“, den diskursiven Echokammern des politischen Darknet überlassen. Hierduch hat sich Prof Thym selbst disqualifiziert!

    • schorsch Fr 4 Mai 2018 at 12:06 - Reply

      Steile These. Ich hatte gedacht, mit „Professor Unfug“ habe sich Sarrazin disqualifiziert.

  18. BenRoss Fr 4 Mai 2018 at 12:06 - Reply

    Als Mythos ist bisher alleine Merkels Erzählung von einer Rechtspflicht zur unbegrenzten Aufnahme von Migranten anderer Kontinente entlarvt.

    Das Asylrecht ist weder dazu gedacht noch dazu geeignet, mit Massenmigration vernünftig umzugehen. Die Anerkennungsquoten für politische Asyl lagen in den letzten beiden Jahren deutlich unter einem Prozent und davon muss man noch den Familiennachzug abziehen.

  19. BenRoss Fr 4 Mai 2018 at 12:17 - Reply

    Ich bedanke mich bei dem Experten, der wirklich Experte ist, für die entscheidene Klarstellung.

    Erimitierten Professoren sei die Berherzigung dieser Klarstellung vom Experten, der wirklich Experte ist, angeraten. Fraglich bleibt wie lange das Wort „Dublin“ für Kompetenzpächter noch zulässig ist.

    • schorsch Fr 4 Mai 2018 at 12:35 - Reply

      Mein Fall zeigt leider nur, dass dieses Wissen lediglich notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für einen echten Experten ist.

  20. Paul Sa 5 Mai 2018 at 16:01 - Reply

    Wenn ich schon lese:
    „Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration“

    und unter:

    https://www.svr-migration.de/

    mir dann direkt „Deutschland ist ein Einwanderungsland“ entgegenspringt, dann ist mir meine Zeit zu wertvoll den Beitrag gründlich zu erfassen.

    Die AFD-Fraktion des Bundestages hat eine Organ-Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Wird diese angenommen, lasse ich mir den Sachverhalt vom Bundesverfassungsgericht erklären und nicht von einem Lobbyisten.

    • schorsch Sa 5 Mai 2018 at 18:59 - Reply

      Definiere Filterblase.

      Echt? Organstreit? Die AfD-Fraktion? Auf der Fraktionshomepage hab ich nichts gefunden (Suchworte: Organstreit, Bundesverfassungsgericht bzw. Organklage). Gegen welche Maßnahme, die ihr erst seit weniger als 6 Monaten bekannt ist (§ 64 III BVerfGG), ist der Antrag denn gerichtet? Und mit welcher Begründung? (Es gibt übrigens kein Annahmeverfahren für den Organstreit.)

      • Paul Sa 5 Mai 2018 at 20:33 - Reply

        Quelle: Video einer lockeren Gesprächsrunde von 4 AFD-Politikern. Zum Schluß verriet Hr. Meuthen (in meiner Erinnerung) ein „Geheimnis“. Organ-Klage eingereicht (wegen nicht Einbeziehung des Bundestages bei der Grenzöffnung). Er wollte das ursprünglich noch nicht ankündigen, weil er noch keine Bestätigung vom BfG bekommen hatte.
        Das Video finde ich leider nicht mehr.

        • schorsch Sa 5 Mai 2018 at 20:59 - Reply

          Die “Grenzöffnung“, die keine war, ist zweieinhalb Jahre her.

          • Paul Sa 5 Mai 2018 at 22:13

            Und? Ich hab keine Organ-Klage eingereicht.
            Wie schon geschrieben, die Beurteilung des Sachverhaltes sehe ich außerhalb dieses Artikels und schon gar nicht von manch merkwürdig artikulierenden Kommentatoren.

  21. Sylvia Kaufhold Sa 5 Mai 2018 at 23:01 - Reply

    Noch einmal der Versuch, lösungsorientiert nach vorne zu sehen (s. oben): Es folgt nicht nur aus der Rechtsprechung des EGMR zum Kollektivausweisungsverbot, sondern auch aus dem Wortlaut des § 18 Abs. 1 Nr. 1 AsylG, dass eine Einreiseverweigerung oder Zurückweisung auch „an der Grenze“ nur nach vorheriger Identitäts- und Zuständigkeitsprüfung in Betracht kommt; nur muss diese Prüfung dann eben in geschlossenen Einreisezentren erfolgen, was bis zum heutigen Tage nicht der Fall ist. Wenn die künftigen ANkER-Zentren nur mit einer Residenzpflicht operieren (ohne die Bewerber bis zur Identitätsklärung wirklich festzuhalten), was Herr Seehofer im Spiegel beschwichtigend angekündigt hat, sind wir so schlau als wie zuvor. Dann können wir diese Zentren auch weglassen und alle wie gehabt so wie sie hereinkommen auf Land und Leute „verteilen“, sage: loslassen.

    • Sylvia Kaufhold Mi 13 Jun 2018 at 08:59 - Reply

      Korrektur: Es handelt sich um § 18 Abs. 4 Nr. 1 AsylG und nicht um § 18 Abs. 1 Nr. 1 AsylG.

  22. BenRoss So 6 Mai 2018 at 07:37 - Reply

    „Die Verfassung ist öffentlich sichtbar, in der Rechtspraxis aber weitgehend irrelevant.“

    Ein Satz, den man in der Vergangenheit dann wohl eher Verschwörungstheoretikern zugeordnet hätte.
    Wir stellen also ein Verfassung ins Schaufenster, die gilt aber nicht mehr. Denn zwischenzeitlich haben wir eine völlig intransparente, außerparlamentarische Rechtsfortschreibung betrieben. Das dabei entstanden Konvolut versteht kaum noch einer, die Rechtspraxis funkioniert vorne und hinten nicht, aber der Bürger, vornehmlich der deutsche, darf am Ende die Kosten an Sicherheit und Geld tragen …

    • schorsch So 6 Mai 2018 at 09:27 - Reply

      „Außerparlamentarische Rechtsfortschreibung“? Sie sollten dringend mal an den Europawahlen teilnehmen!

  23. BenRoss So 6 Mai 2018 at 07:56 - Reply

    „… weil die Bundesregierung damals – dem Bericht von Robin Alexander zufolge – bereits eine Grenzschließung vorbereitet hatte, auf diese jedoch aus juristischen Gründen verzichtete.“

    Wörlich steht im Cicero Artikel: ‚Doch in einer Beratung im Innenministerium äußerten einige Beamte, die nicht für Sicherheit, sondern für Migration zuständig waren, rechtliche Bedenken, die, als es zu spät war, sich als falsch, vielleicht sogar als vorgeschoben erwiesen.‘

    Das hört sich für mich nicht nach sicherer Rechtslage an.

    Als weitere Grund werden dort ‚keine öffentlich schwer vermittelbaren Bilder vom Einsatz der Bundeswehr gegen Flüchtlinge‘ genannt.

    Und weiter: ‚Die Öffentlichkeit rieb sich verwundert die Augen über den Widersinn, dass Grenzkontrollen eingeführt wurden, die keine wirklichen Kontrollen waren und vor allem nicht die Möglichkeit der Zurückweisung beinhalteten – ein teurer Placebo. Daran hat sich bis heute nichts geändert.‘

    ‚Die negativen Bilder sollten dennoch entstehen, zwar nicht an der Grenze, sondern in Köln und zu Weihnachten 2016 am Berliner Breitscheidtplatz.‘

  24. BenRoss So 6 Mai 2018 at 09:39 - Reply

    „… mal an den Europawahlen teilnehmen!“

    Mit was wollten Sie hier jetzt punkten?
    Seit wann handelt es sich bei der Versammlung in Strassburg um ein Parlament?

    Ein Parlament ohne Gesetzgebungsfunktion ist wie eine Kanone ohne Rohr. Sie können die Kanone natürlich trotzdem Kanone nennen. Die schießt trotzdem nicht.

    • schorsch So 6 Mai 2018 at 09:42 - Reply

      Es ist aber ein Parlament MIT Gesetzgebungsfunktion. Wenn Sie die Überschrift der Dublin-Verordnung lesen, werden Sie schnell feststellen, dass diese vom Europäischen Parlament beschlossen wurde.

  25. DPZ So 6 Mai 2018 at 09:47 - Reply

    @BenRoss: Wenn Sie wollen, dass man Ihre Argumente als Einwände ernst nimmt, sollten Sie das auch bei den Gegenargumenten zu Ihren Argumenten erwidern. Sonst bekommt man den Eindruck, Ihnen ginge es hier allein um die Durchsetzung dessen, was Sie für richtig halten, ohne Wahrnahme von Kritik. Warum aber sollte man dann Ihre Kritik überhaupt ernst nehmen?

    Weiterhin könnte es sein, dass Sie einem Missverständnis in Sachen Diskussion aufsitzen. Das könnte darin bestehen, dass Sie meinen, man müsse Sie vom Gegenteil dessen, was Sie bereits für richtig halten, überzeugen. Das muss aber niemand. Sie sind für die von Ihnen aufgestellten Thesen ebenso beweispflichtig wie alle anderen hier. Und der mögliche Umstand, dass Sie etwas bereits für richtig halten, rechtfertigt keine Umkehrung der Beweislast.

  26. BenRoss So 6 Mai 2018 at 12:14 - Reply

    Die EU Versammlung in Strassburg ist seiner Funktion nach kein Gesetzgeber, sondern ein Gesetzempfänger. Sie können mir jetzt eine großen Gefallen tun in dem Sie versuchen eine Tatsache zu bestreiten, die sich aus dem fehlenden Initiativrecht ergibt.

    Die Absegnung empfangener Gesetze macht den Umstand des fehlenden Initiativrechts in keiner Weise besser, sondern im Gegenteil noch schlimmer.

    Vom Initiativerecht für jeden Bürger (Schweiz) bis zu einer Versammlung, die von hunderten Millionen Bürgern gewählt wird, aber über kein Initiativerecht verfügt (EU), führt der lang Weg der subtilen und umfassenden Entmündigung.

    • schorsch So 6 Mai 2018 at 12:51 - Reply

      Auch mir wäre ein EP mit echtem Initiativrecht lieber, keine Frage. Aber ganz so schwarz/weiß, wie Sie sie malen, ist die Welt dann doch nicht.

      Erstens ist natürlich auch innerhalb der Bundesrepublik die Gesetzesinitiative vor allem Aufgabe der Regierung.
      Zweitens kann auf europäischer Ebene das EP die Kommission zumindest zu Initiativen auffordern (Art. 225 AEUV). Gleiches gilt für die Bürger (Art. 11 EUV, Art. 24 AEUV).
      Drittens ist die bei Ihnen anklingende Hierarchisierung zwischen direkter und indirekter Demokratie, wie man in diesem Forum neuerdings sagt, Kokolores.

      Mir scheint Ihr Argument ein schlechter Grund dafür zu sein, nicht zur Wahl zu gehen. Das EP bleibt ein wichtiger Akteur in der Europäischen Gesetzgebung mit erheblichem Einfluss auf den Inhalt der Gesetzgebung. Nur weil es kein „Gesetzesinitiator“ ist, ist es mitnichten „Gesetzesempfänger“

      Vor allem aber müssen Sie auch die Gründe für das Initativmonopol bedenken: Es gibt einen integrationstheoretischen Zusammenhang zwischen dem Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung und dem Initiativrecht der Kommission. Die expertokratische Einhegung der Kompetenzausübung entfiele ohne Initiativmonopol. Ein Initiativrecht des EP würde die Kompetenzen und ihre Grenzen auf europäischer Ebene politisieren. Mir wär das ganz Recht. Ihnen vielleicht nicht?

      • schorsch So 6 Mai 2018 at 12:55 - Reply

        P.S. Ich glaube, wir sind damit dann auch weit genug vom Thema weg, um die Diskussion zu beenden. Cheers.

        • Syndikus Mo 7 Mai 2018 at 12:04 - Reply

          Ich muss Ihnen – und anderen Kommentatoren – an dieser Stelle ein riesiges Lob aussprechen: nicht nur weil Ihre Beiträge ausgesprochen erhellend sind (wenn auch für mich als jemanden mit juristischem, aber nicht verfassungsrechtlichen Hintergrund größtenteils zu komplex), sondern vor allem, weil Sie sich die Zeit nehmen und die Mühe machen, auch auf solche Beiträge zu antworten, die augenscheinlich von juristischen Laien verfasst werden. Diskussionen wie diese scheinen mir leider die absolute Ausnahme darzustellen, ob in der Öffentlichkeit oder im privaten Raum. Ich selbst habe inzwischen nicht mehr die Nerven, mich mit dem Teil meines Bekannten-und Familienkreises, der die hier von Einzelnen geäußerten Thesen vertritt, überhaupt über Politik zu unterhalten.

  27. Holly01 So 6 Mai 2018 at 14:18 - Reply

    Hallo,
    Danke für den ausführlichen Beitrag.
    Leider beruht diese Einschätzung auf einem Grundsätzlichen Fehler:
    In Deutschland gilt deutsches Recht.
    Die Entstehung von Gesetzen ist in Deutschland klar gesetzlich geregelt.
    EU-Recht kann natürlich zu deutschem Recht werden, aber dazu muss der in den deutschen Gesetzen festgelegte Weg benutzt werden.
    Das ist aber nicht geschehen.
    Es ist ein gerne gepflegter Mythos, das EU Recht vor nationales Recht (also auch vor deutsches Recht) geht.
    EU-Recht bricht KEIN deutsches Recht.
    Das ist kein Nationalismus, das ist eine reich sachliche Feststellung.
    Ausserdem gibt es genug öffentliche Aussagen, aus denen hervorgeht, dass deutsches Recht im deutschen Rechtsraum nicht mehr durch gesetzt wird.
    Das gilt nicht nur für die Einwanderung.
    Ich verweise auf die „Mauerschützen-Prozesse“.
    Es ist Bürgerpflicht, zu wissen, das auch Gesetze die inhaltlich „falsch“ sind, keine Gültigkeit haben. Das man diese Gesetze nicht durchsetzen darf, weil man sich sonst „schuldig“ im Sinne des Gesetzes macht.
    Aussetzen von bestehenden und sinnigen Gesetzen ist unter diesem Aspekt mehr als fahrlässig, es ist vorsätzlich und führt (nach meiner Meinung) zur Haftung, auch wenn es im Ausübung eines Amts und auf Anweisung passiert.
    Genauer ist es Vorsatz, gerade WENN man als Amtsträger so ein Vorgehen der Politik zulässt.
    Sie erklären Ihren Standpunkt ausführlich und qualifiziert.
    Ihre Grundlage ist aber leider falsch.
    Sollte es geheime Absprachen geben (etwa im Rahmen des UNO resettlement), sind diese ungültig.
    Das BVG hat mehrfach darauf hingewiesen, dass geheime Verträge keine verpflichtende Wirkung entwickeln können, da der Parlamentsvorbehalt verletzt wird. Von einer Rechtsnorm durch Geheimverträge ist da noch nicht einmal die Rede, nur vom „befolgen“.
    Also in Summe gilt deutsches Recht. Auch dann wenn es formal beschädigt wurde, weil man die Geltungsbereiche gelöscht hat.
    Es gilt trotzdem, aus der „Macht des faktischen“ und aus der Bestätigung durch den Bundespräsidenten und die Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt und ständige Anwendung.

    So einfach, wie Sie hier tun, ist es also nicht.

    • Fritz Teufel Mi 9 Mai 2018 at 15:52 - Reply

      Ganz albern. Mal Francovich lesen. Oder die Verbrauchsgueterkaufrichtlinie, die im Zweifel staerker ist als das Buergerliche Gesetzbuch.

      Es gibt nur keine Allzustaendigkeit der EU. Frueher hiess das: das Prinzip der begrenzten Einzelzustaendigkeit. Moeglicherweise wird das heute anders gesagt, vielleicht: Prinzip der kuenftigen Allzustaendigkeit. Im Kern hat sich aber nichts geaendert.

  28. DPZ So 6 Mai 2018 at 15:28 - Reply

    @Holly01: Sie übersehen etwas. Sie schreiben:

    „In Deutschland gilt deutsches Recht.“

    Ich zitiere GG §16a Abs. 5:

    „(5) Die Absätze 1 bis 4 stehen völkerrechtlichen Verträgen von Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaften untereinander und mit dritten Staaten nicht entgegen, die unter Beachtung der Verpflichtungen aus dem Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, deren Anwendung in den Vertragsstaaten sichergestellt sein muß, Zuständigkeitsregelungen für die Prüfung von Asylbegehren einschließlich der gegenseitigen Anerkennung von Asylentscheidungen treffen.“

    Womit hier argumentiert wird ist also deutsches Recht. Insofern ist Ihre Behauptung

    „EU-Recht kann […] zu deutschem Recht werden, aber dazu muss der in den deutschen Gesetzen festgelegte Weg benutzt werden.
    Das ist aber nicht geschehen“

    nachweislich falsch.

    „Ausserdem gibt es genug öffentliche Aussagen, aus denen hervorgeht, dass deutsches Recht im deutschen Rechtsraum nicht mehr durch gesetzt wird“ – Aus der Häufigkeit einer Behauptung die Geltung derselben zu schließen, ist ein Fehlschluss, vgl. http://www.hoheluft-magazin.de/2016/02/na-logisch-der-genetische-fehlschluss-ii-der-ad-populum-fehlschluss/

    „Es ist Bürgerpflicht, zu wissen, das auch Gesetze die inhaltlich ‚falsch‘ sind, keine Gültigkeit haben.“ – Was „Bürgerpflicht“ ist, legen Sie nicht fest. Und für das, was Sie hier als Pflicht angeben, setzen Sie voraus, dass bereits nachgewiesen ist, dass irgendwelche „Gesetze … inhaltlich ‚falsch‘ sind“. Ich sehe aber nicht, wo Sie diesen Nachweis erbracht hätten.

    „Aussetzen von bestehenden und sinnigen Gesetzen ist unter diesem Aspekt mehr als fahrlässig …“ – Soweit ich sehen kann, haben Sie an keiner Stelle den Nachweis erbracht, dass ein Gesetz ausgesetzt worden wäre. Zudem ignorieren Sie vollständig die Argumentation des Artikels oben, unter dem Sie hier ja kommentieren.

    „Genauer ist es Vorsatz…“ – Non sequitur, da kein Nachweis für die Voraussetzung dieser Behauptung erbracht. Aus beliebig gesetzten Prämissen kann man Beliebiges fordern.

    „Ihre Grundlage ist aber leider falsch.“ – Die Wiederholung einer Behauptung ist kein Ersatz für ihre Begründung.

    „Das BVG hat mehrfach darauf hingewiesen, dass geheime Verträge keine verpflichtende Wirkung entwickeln können…“ – Wieder: Sie etablieren eine Prämisse, die keiner hält (geheime Absprachen), offenbar in eklektischer Wiederholung typischer Argumentationstopoi in der rechtslastigen Rezeption des hier diskutierten Themas und schließen daran eine Argumentation an, die aber nur Sinn macht, wenn die Prämisse gilt. Das müssten Sie allerdings erst nachweisen.

    „Also in Summe gilt deutsches Recht.“ – Richtig. Und das gilt dann eben auch für den § 16a (5).

    „So einfach, wie Sie hier tun, ist es also nicht.“ – Das folgt leider nicht aus Ihrer Argumentation. Sie haben lediglich ein paar unbegründete Behauptungen aneinandergereiht und gegen Thesen argumentiert, die hier keiner hält (Ignoratio elenchi).

  29. Holly01 So 6 Mai 2018 at 16:13 - Reply

    Ich zitiere GG §16a Abs. 5 ??

    Wenn Sie schon diesen Artikel heranziehen (hätte ich nicht gedacht) dann in Gänze.

    https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_16a.html

    Dort sind ganz klare Voraussetzungen und Abwägungen formuliert.
    Sie wollen doch nicht behaupten das fände statt?
    Das wäre je geradezu lächerlich.

    Die Behörden stellen regelmässig fest, dass sie nicht wissen wieviele Menschen in Deutschland Asyl suchen, wo diese Menschen sind oder was sie tun.
    Selbst in den System nahen Medien wird immer wieder beschrieben, wie Migranten Papiere handeln, tauschen oder vernichten.

    Wenn Sie ausgerechnet den Artikel 116 heranziehen, ist tatsächlich jedes Gespräch relativ sinnfrei.
    Unsere Regierung könnte höchstens in einer Kabarettveranstaltung behaupten, sie käme ihren Verpflichtungen aus dieser Rechtsnorm nach.

    Ihre Kommentare zu meinem Text sind zum größten Teil ok.
    Begründungen enthält der Text nicht.
    Es ist eine Aufzählung, richtig.

    Ausser hier:

    „“Das BVG hat mehrfach darauf hingewiesen, dass geheime Verträge keine verpflichtende Wirkung entwickeln können…” – Wieder: Sie etablieren eine Prämisse, die keiner hält (geheime Absprachen), offenbar in eklektischer Wiederholung typischer Argumentationstopoi in der rechtslastigen Rezeption des hier diskutierten Themas und schließen daran eine Argumentation an, die aber nur Sinn macht, wenn die Prämisse gilt. Das müssten Sie allerdings erst nachweisen.“

    Die Urteile der höchsten deutschen Gerichte zu diesem Thema sind Allgemeingut.
    Es ist einfach Tatsache, dass nur gilt, was den deutschen Recht entspricht.
    Unsere Regierung hält sich nach meinem Eindruck nicht an das Recht, nach dem sie selbst gewählt und ins Amt gekommen ist.
    Aber ja, das ist meine Meinung und Einschätzung.
    Sie haben eine andere .. und das ist auch gut so.
    Es herrscht nämlich eine leider nur noch relative Meinungsfreiheit in diesem unserem lande, dem es gar nicht so gut geht.

    • Hinweisgeber So 6 Mai 2018 at 18:00 - Reply

      Wie Sie aus Lektüre des Artikel 23 GG erkennen können ist die Bundesrepublik Mitglied der EU. EU-Recht geht deshalb dem nationalen Recht vor. Vor diesem Hintergrund sind Ihre Ausführungen neben der Sache.

      • Holly01 So 6 Mai 2018 at 18:26 - Reply

        „Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet ist“

        Nun ist der Grundsatz aber, das das Recht von der Basis zur Spitze definiert.
        Bürger -> Gemeinde -> Kreis -> Bundesland -> Land -> EU

        Dieser Grundsatz soll die Vielfalt erhalten. Die Einzigartigkeit der Menschen und der Regionen.
        Es gibt leute die leiten daraus den Grundsatz „fördern und