Warum ich schreibe
Vom Menschsein in der algorithmischen Gesellschaft
Dieses Editorial ist Teil unserer Reihe „Hinter den Kulissen“, in der unsere Redakteur:innen und Autor:innen ihren kreativen Prozess in Zeiten von künstlicher Intelligenz beschreiben. Wie kommen wir auf Ideen? Wie säen und gießen wir Ideen, wann merken wir, dass sie reif sind? Und welche Rolle spielt künstliche Intelligenz dabei?
Ich bin weder preisgekrönte Autorin noch gefeierte Wissenschaftlerin. Ich lebe und arbeite unter Bedingungen, die mir unendlich viel Schreibstoff liefern. Doch sind es genau diese Bedingungen, die mir das Schreiben fast unmöglich machen. Und trotzdem schreibe ich. Vernünftig ist das nicht. Aber beim Schreiben erfahre ich, was es heißt, Mensch zu sein, und dass ich mich so mit anderen verbinde, über Zeit und Raum hinweg. Menschsein bedeutet für mich: mit dem Leben um mich herum verwoben zu sein. Sich meiner Zerbrechlichkeit bewusst zu sein. Sich Möglichkeiten vorzustellen, die über die eigenen Grenzen hinausreichen. Und anzuerkennen, dass wir sterblich sind.
Was mich zum Schreiben bringt, kommt fast immer aus der Welt, in der ich lebe. Meist gärt etwas in mir: ein Gedanke, eine Frage, Ärger, den ich mit anderen teilen will. Schreibe ich längere Zeit nicht, werde ich unruhig, sogar gereizt. Schreiben zentriert mich. Es ist ein Ventil, es stiftet Verbindung, und oft erinnert es mich daran, was ich will und wofür ich lebe. Es hilft mir, mich und die Welt zu verstehen.
Als ich im Verfassungsrat Sri Lankas saß und so manches Unwetter überstehen musste, war das Schreiben meine Zuflucht. Früh am Morgen saß ich am Schreibtisch und rang mit Gedanken, Formulierungen, dem Aufbau eines Textes. Das gab mir Halt. Es beruhigte mich, und es half mir, am nächsten Tag mit klarem Kopf weiterzukämpfen. Schreiben ist für mich also mehr als eine Tätigkeit. Es gehört zu mir, als Teil eines Kreislaufs, in dem ich mein Menschsein lebe. Zu dem Kreislauf gehören auch Lesen und lange Spaziergänge, erste Ideen, die ich mit dem Stift aufs Papier bringe, gern in verschiedenen Farben. Und dazu gehören Gespräche. Oft hat mir ein langer Spaziergang oder ein intensives Gespräch (insbesondere Streit!) geholfen, ein Argument zu schärfen und Zusammenhänge zu erkennen. An Tagen, an denen mir alles über den Kopf wächst, bringt mich das zurück an den Schreibtisch. Manchmal schreibe ich auch aus Verzweiflung: wenn ich auf keinem anderen Weg mehr gehört werde, wenn ich Institutionen oder Menschen anders nicht überzeugen kann. Schreiben war für mich oft kathartisch, eine Art von Archiv, Einmischung, Widerspruch und Selbstausdruck.
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Postdoctoral Researcher in Comparative Constitutional Law and Political Community at Charles University, Prague.
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Vielleicht nutze ich deshalb beim Schreiben keine KI. Jedenfalls nicht absichtlich, und jedenfalls noch nicht. Freundliche, kluge Kolleg:innen, die ich sehr schätze, haben mir erklärt, wie KI mir die Arbeit erleichtern könnte. Manche meinen, ich sollte sie sogar nutzen. Aber ich schreibe ja, um mein Menschsein zu erfahren. Natürlich bin ich auf Technik angewiesen. Doch wenn ich Technik nutze, unterstützt sie mich als Mensch, statt mich einzuschränken. KI dagegen würde, so mein Eindruck, genau das ersetzen, worum es mir geht. Ich bin in der privilegierten Lage, mein Tempo selbst zu bestimmen. Ausbildung und Erfahrung geben mir genug Selbstvertrauen, um eigene Ideen zu entwickeln, meine Worte selbst zu wählen und meine Entwürfe selbst zu überarbeiten. Momentan sehe ich keinen zwingenden Grund dafür, KI zu nutzen – und stattdessen viele gute Gründe, um mich ihr bewusst zu verweigern und meine Arbeitsweise zu verteidigen. Mir ist bewusst, dass ich im Zeitalter von KI bald überholt werde: zu wenig Output, zu viele Fehler. Damit kann ich leben, denke ich.
Auch wenn ich selbst keine KI verwende, schränkt ihre Allgegenwart meine Freiheit ein, Mensch zu sein. Ich lehre, prüfe und betreue. Ich verwalte, diskutiere, begutachte, schreibe Berichte und politische Empfehlungen. Ich erziehe und konsumiere, fahre Auto und engagiere mich politisch. In all diesen Bereichen ist KI längst angekommen. Sie denkt für uns, liest, sortiert, fasst zusammen, analysiert und prognostiziert. Ich habe Situationen erlebt, in denen Menschen nur noch Fassade waren: das Denken, die Kommunikation, die Ergebnisse – all das kam von KI. In solchen Momenten bin ich traurig, frustriert, verzweifelt.
Dort, wo ich lebe und arbeite, ist Englisch für die meisten eine Zweitsprache. KI ist hier zum bequemen Ausweg geworden. Schlechte Grammatik, Rechtschreibfehler, wackelige Gliederungen: All das begegnet mir kaum noch. Lebensläufe zählen viel, Zeit haben die wenigsten, sprachlich sind viele unsicher. Gründlichkeit, ob in der Wissenschaft oder im Beruf, ist aus der Mode gekommen. Es ist vor allem der Wettlauf um Erfolg, der zählt – und KI hilft dabei. Wie gut jemand wissenschaftlich arbeitet, lässt sich an den Fotos in den sozialen Medien ablesen und an den Punkten, die man für die nächste Beförderung sammelt. Auch das ist eine Dystopie, nur eben eine andere. Studierende erzählen mir, dass KI-Plattformen sie süchtig machen. Lernen heißt für viele von ihnen: die PowerPoint-Folien der Vorlesung in eine KI hochladen, zusammenfassen lassen und das Ergebnis in die eigene Erstsprache übersetzen. Ich dagegen wehre mich mit meinem hoffnungslos altmodischen Weltbild noch immer dagegen, dass PowerPoint im Hörsaal überhaupt zum Standard wird. Immer öfter komme ich mir vor wie ein Dinosaurier: fehl am Platz, etwas eigenartig, eine Erinnerung aus einer Welt, die es nicht mehr gibt.
Dass wir kollektiv anders lesen, denken, schreiben, begutachten und diskutieren, seit es KI gibt, betrifft auch mich und mein individuelles Weltverhältnis. Ich kann ein Argument entwickeln oder zu neuen Einsichten kommen. Ob mein Text stimmt, überzeugt oder weiterhilft, entscheiden aber andere. Verlassen sie sich dabei zunehmend auf KI, wird es auch für mich schwerer, Mensch zu sein und mich als Mensch zu erfahren. Die bittere Wahrheit ist: Ob ich Mensch bleibe, hängt vor allem von den Menschen um mich herum ab. Und derzeit hängt es an einer Handvoll Tech-Konzerne, die unseren Alltag auf eine Weise beherrschen, die vor Kurzem noch unvorstellbar war – und der man sich kaum entziehen kann.
Ich arbeite mit jungen Erwachsenen, und ich bin Mutter. Deshalb frage ich mich ständig, was all das für meine Verantwortung bedeutet, für das Leben, das mir anvertraut ist. Noch kann ich daran festhalten, wie ich schreibe und mich engagiere. Aber was schulde ich meinen Kindern, meinen Studierenden und all jenen, die ich betreue, begutachte, begleite oder prüfe? Wie gebe ich weiter, was für mich zum Menschsein gehört? Beantworten lässt sich das nur gemeinsam, im Nachdenken und im Gespräch, und zwar über lange Zeit –genau dafür lässt die Allgegenwart der KI immer weniger Raum.
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Editor’s Pick
von VERENA VORTISCH

Copyright: Verena Vortisch
„He came after Homer and before Gertrude Stein, a difficult interval for a poet“, so beginnt Anne Carsons Autobiography of Red. Diese fantastische Autorin sprengt alle Genregrenzen – wen interessiert auch, ob es nun Essay, Lyrik, Prosa oder Drama ist – und fliegt mühelos zwischen den Zeiten hin und her. Für die klassische Philologin Carson ist die Antike wichtigster, aber keineswegs einziger Bezugspunkt. Sie schält das alle Zeiten überdauernde Menschliche heraus, ist präzise, witzig, erratisch in einem. Bei ihr kann die antike Helena zugleich sie selbst und Marilyn Monroe sein (in Norma Jean Baker of Troy). Hier notiert sie Lektionen zur Geschichte des Krieges, die ins Mark treffen. Wer Abstand von der Gegenwart will, um gleichzeitig tief in sie einzutauchen, der konsultiere Anne Carson.
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Die Woche auf dem Verfassungsblog
zusammengefasst von EVA MARIA BREDLER
Während Donald Trump und Xi Jinping Baby-Pak-Choi – angeblich aus dem Garten des Weißen Hauses – essen, denken die EU und Kanada darüber nach, kurzerhand einen gemeinsamen Garten anzulegen: Letzte Woche schlug Kommissionspräsidentin von der Leyen vor, Kanada als erstes „assoziiertes EU-Mitglied“ aufzunehmen. Der Vorschlag hat inmitten der aktuellen geopolitischen Misere Hoffnung gemacht, aber auch einige Fragezeichen hinterlassen. Was genau soll eine „assoziierte EU-Mitgliedschaft“ sein (noch dazu eines amerikanischen Landes)? ARNE P. WEGNER (EN) sucht Antworten im geltenden Recht und erklärt dabei, wie eng die EU und Kanada schon jetzt zusammenarbeiten. ANDREW DUFF (EN) wird konkret und legt einen Entwurf für einen Artikel vor, mit dem sich die Verträge entsprechend ergänzen ließen.
Als ganz normaler EU-Beitrittskandidat wurde Island gehandelt. Doch in einem Referendum haben sich die Isländer:innen jetzt selbstbewusst gegen einen EU-Beitritt entschieden. MARIA ELVIRA MENDEZ PINEDO (EN) erklärt die Gründe und resümiert: Island hat bloß für den gut funktionierenden Status quo gestimmt.
Mit dem Status quo ist in Sachsen-Anhalt dagegen jetzt Schluss: Am 6. Oktober tritt der neue Landtag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Darin muss er auch die Besetzung seiner Ausschüsse klären. Die AfD sorgte mit ihrer Forderung für Aufruhr, dass die Ausschüsse zwölf Mitglieder haben sollen – von denen die Hälfte auf sie selbst entfiele. ROBERT BÖTTNER (DE) hält das für mit dem Demokratieprinzip unvereinbar und damit für verfassungswidrig.
Während der sachsen-anhaltische Landtag bald zusammentritt, ist eine Landesregierung noch immer nicht in Sicht. Die AfD wird jedenfalls nicht müde zu betonen, dass sie den Regierungsauftrag erhalten habe. In ihrem Regierungsprogramm kündigte sie unter anderem an, das „Experiment der schulischen Inklusion“ beenden zu wollen. Doch könnte eine Landesregierung die schulische Inklusion einfach abschaffen? MARTEN BREUER (DE) zeigt: Bundesregierung, Bundestag, andere Länder und Betroffene könnten solche Pläne vor Gericht stoppen.
Ob die Reform des Nachrichtendienstrechts auch vor Gericht gestoppt werden könnte, darüber haben wir hier schon viel Tinte vergossen. Dabei ging es vor allem darum, dass die Nachrichten- zu Geheimdiensten gemacht werden sollen, mit operativen Befugnissen. Doch mit der Reform erhalten Nachrichtendienste auch erstmals Befugnisse im Spannungs- und Verteidigungsfall. Für den BND ist dies misslungen, meinen ROBERT FRAU und NICOLE NÄTHER (DE) – und weisen dabei nicht nur auf ein Kompetenzproblem des Bundes hin.
MARKUS OGOREK und LUCA MANNS (DE) nehmen die neuen Auskunftsrechte im Bundesnachrichtendienstgesetz ins Visier. Diese sollen stärker begrenzt werden. Ogorek und Manns erklären, warum sie das für richtig halten – und warum die Gesetzesbegründung trotzdem mehr verspricht, als das Grundgesetz hergibt.
Im Juli hat ein Münchner Gericht ein irakisches Ehepaar verurteilt, weil es die religiöse Identität zweier jesidischer Mädchen gezielt angegriffen hatte. Die systematische Zerstörung jesidischer Tempel und Schreine durch den IS blieb dagegen bislang ungeahndet. GREGORY MOSE (EN) argumentiert, dass solche Angriffe auf das religiöse Leben als eigenständiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt werden sollten.
Diese Woche ging außerdem unser Symposium „Die umkämpfte Freiheit der Wissenschaft“ (DE) zu Ende. JANIKA SPANNAGEL zeigt am Beispiel Floridas, wie ein Klima der Verunsicherung Wissenschaftler:innen auch ohne direkte Eingriffe dazu bringen kann, ihre Forschung und Lehre einzuschränken. HANS MICHAEL HEINIG vergleicht Deutschland und die USA und fragt, ob das deutsche Universitätsorganisationsrecht die Mitspracherechte an Hochschulen überspannt. CHRISTOPH MÖLLERS, MAX LENZ und NILS WEINBERG argumentieren, dass aus dem Grundgesetz kein allgemeines Neutralitätsgebot für Hochschulen folgt. DÖRTHE ENGELCKE und ILYAS SALIBA analysieren, wie im Namen der Antisemitismusbekämpfung staatskritische Wissenschaften diszipliniert werden. JÖRG NIEWÖHNER und FELIX MAUCH zeigen, warum Wissenschaftsfinanzierung und Hochschulautonomie untrennbar miteinander verbunden sind. MICHAEL ZÜRN argumentiert, dass eine rechtliche Absicherung nicht ausreicht, wenn die Wissenschaft zunehmend an Autonomie verliert. SASCHA SPOUN und SEBASTIAN WEINER finden: Ob eine Wissenschaft objektive Standards verfolgt, könne nur die Wissenschaft selbst kritisch beurteilen. Nicht jede:r verdient jede Bühne – aber wann ist No-Platforming gerechtfertigt? DAVID LANIUS & MICHAEL SCHEFCZYK erklären, welche epistemische Verantwortung Gatekeeper tragen, wenn sie Expert:innen einladen, und schlagen eine Kosten-Nutzen-Analyse vor.
Mit der Expertise ist es so eine Sache. „He’s an expert on stones, and he loves good granite,” sagte Trump etwa über Xi. Ob Universitäten Xi Jinping nun als Steinexperten einladen sollten oder nicht – das überlasse ich Ihrer Analyse.
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Das war’s für diese Woche.
Ihnen alles Gute!
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