16 Juni 2022

Verhältnismäßig politisch

Mit Urteil vom 15. Juni 2022 hat der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts festgestellt, dass die Äußerungen der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sie im Rahmen einer Südafrikareise anlässlich der Wahl Thomas Kemmerichs zum Ministerpräsidenten in Thüringen tätigte, sowie deren anschließende Veröffentlichung auf der Webseite des Bundeskanzleramts gegen die Chancengleichheit der politischen Parteien verstoßen. In der Entscheidung nimmt der Senat nicht nur eine administrative Perspektive auf Regierungshandeln ein, sondern weitet seine Anwendung von Verhältnismäßigkeitsmaßstäben auf staatsorganisationsrechtliche Konstellationen weiter aus. Er entfernt sich damit weiter von einer Berücksichtigung der politischen Dimension des Regierungshandelns. Continue reading >>

Was darf eine Bundeskanzlerin sagen?

Am 15. Juni 2022 hat der Zweite Senat des BVerfG entschieden, dass die Äußerungen der Bundeskanzlerin Merkel zur Thüringer Ministerpräsidentenwahl im Februar 2020 sowie die anschließende Veröffentlichung auf den Regierungswebseiten die AfD in ihrem Recht auf Chancengleichheit verletzt haben. Merkel hatte gefordert, die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich, die mit den Stimmen der AfD zustande gekommen war, rückgängig zu machen. Der Rechtsprechung zu den Äußerungsbefugnissen von Regierungsmitgliedern fügt das Urteil wenig Neues hinzu. Es sieht sich aber einer pointierten Kritik seiner Prämissen durch ein Sondervotum ausgesetzt. Insgesamt ist der Fall gekennzeichnet durch verpasste Chancen. Continue reading >>
15 Juni 2022

British Bare Necessities

In the latest episode of the Brexit saga, the United Kingdom government has published the Northern Ireland Protocol ('NIP') Bill, by which it seeks to unilaterally disapply large parts of the Protocol on Ireland/Northern Ireland to the 2019 Withdrawal Agreement (‘WA’) concluded between the UK and the European Union. The British government has shared a summary of its legal position, seeking to justify the NIP Bill on the basis of the doctrine of necessity. However, this justification seems to be a literal, if unconvincing, attempt to make a virtue of necessity. Continue reading >>
14 Juni 2022
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Moving Beyond Token Participation

The concept of human rights due diligence was developed over the past decade as a way for companies to grapple with adverse human rights violations and impacts connected to their business practice, including within their value chains. In February of this year, the European Commission published a proposal for European Union-wide mandatory human rights due diligence for companies that fall under its scope. For such legislation to succeed in advancing the rights of the most affected and to lead to better human rights outcomes for rights-holders, it is crucial to anchor such laws and regulations with not only the perspective of rights-holders but their ongoing involvement. To do otherwise would miss an invaluable opportunity to improve the landscape of business and human rights to center rights-holders in the years to come. Continue reading >>
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13 Juni 2022

Serbia on Hold

Since 3 April 2022, when elections at all levels were held, Serbia has been on hold. Two months after the elections, only the President of Serbia has begun to serve his regular mandate, while the official results of the parliamentary elections are yet to be proclaimed, the new composition of the National Assembly is yet to be convened, and the new government is yet to be formed. Russia’s aggression against Ukraine, which occurred at the beginning of the election campaign, added to the already tense political situation. Continue reading >>
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10 Juni 2022

Erlaubt das Grundgesetz eine Übergewinnsteuer?

Die Freie Hansestadt Bremen hat mit einem Entschließungsantrag im Bundesrat die Einführung einer Übergewinnsteuer gefordert – der vorläufige Höhepunkt einer Diskussion, die schon während der Corona-Pandemie ins Rollen kam und im Zuge des Ukraine-Kriegs weiter Fahrt aufnimmt. Angesichts hoher verfassungsrechtlicher Hürden ist jedoch zweifelhaft, ob diese Maßnahme überhaupt verfassungskonform wäre. Continue reading >>
09 Juni 2022

How the Data Retention Legislation Led to a National Constitutional Crisis in Portugal

Some weeks ago, the Portuguese Constitutional Court (PCC) triggered a heated political debate on the need to amend the Constitution to grant criminal investigative authorities access to metadata on personal communications. Whilst disagreements between the political branches and the constitutional jurisdiction are common, this conflict is located at a wider critical juncture that intersects EU and national constitutional law, the CJEU, the domestic constitutional court, and ordinary courts. Continue reading >>
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Das Bundesverfassungsgericht zementiert die beitragsrechtliche Erdrosselung von Familien

Der jüngste Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 7.4.2022 zur Bedeutung der Kindererziehung für das Beitragsrecht der Sozialversicherung bringt für den Bereich der Pflegeversicherung kleinteilige Verbesserungen: Die Entlastung von Eltern darf künftig nicht mehr pauschal erfolgen, sondern muss proportional mit der Anzahl der Kinder steigen. Im Beitragsrecht der Renten- und Krankenversicherung hingegen bleibt alles beim Alten. Continue reading >>
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08 Juni 2022

Censuring von der Leyen’s Capitulation on the Rule of Law

The spectre of a motion of censure is looming over the von der Leyen Commission. While this rather extraordinary, perhaps desperate, measure appears unlikely to attain the required number of signatures to be tabled – and even less likely to be adopted by the European Parliament –, this initiative deserves some scrutiny. Perhaps even some praise by those who still believe in the primacy of law over power.  Continue reading >>
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Das Tinder-Profil einer Offizierin – eine Frage der Ehre?

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 25.05.2022, einen einfachen Disziplinarverweis gegen die transgeschlechtliche Generalstabsoffizierin Anastasia Biefang aufrechtzuerhalten, hat in den letzten Tagen zurecht einige Aufmerksamkeit erregt. Grundrechtsdogmatisch geht es hier um die Rechtfertigung eines Eingriffs in das allgemeine Persönlichkeitsrecht der Soldatin. Doch schon an der Frage, ob sich soldatische Pflichten etwa von den Beamtenpflichten kategorial unterscheiden, ob also Soldatin (und Soldat) eben kein Beruf wie jeder andere ist (oder sein soll), dürften sich die Geister scheiden. Wie die Antwort ausfällt, wird wohl genauso vom historisch-gesellschaftlichen Kontext abhängen wie die Reichweite der außerdienstlichen Wohlverhaltenspflicht. Continue reading >>
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07 Juni 2022

Gesetzblatt aus Papier

Mit Ende des Jahres 2022 soll die Gesetzesverkündung auf Papier enden. Den entsprechenden Regierungsentwurf hat die Bundesregierung am 25. Mai veröffentlicht – digital in einem PDF-Dokument und damit genau so, wie es laut Pressemitteilung auch für künftige Gesetze geplant ist. Das geplante Gesetz steht allerdings unter dem Vorbehalt einer parallelen Verfassungsänderung, die noch im Innenministerium ausgearbeitet werden müsse, verkündete Justizminister Marco Buschmann. Dabei ist eine Verfassungsänderung unnötig. Continue reading >>
06 Juni 2022

Ein Riss in zementierten Ansichten

Am 18. Mai 2022 hat die Berufungsinstanz Cour d‘appel de Paris ein u.a. wegen Beihilfe an Verbrechen gegen die Menschlichkeit und dem Vorwurf der Terrorismusfinanzierung eingeleitetes Strafverfahren gegen das Zementunternehmen Lafarge SA bestätigt. Der Umgang der französischen Justiz mit dem „Fall Lafarge“ könnte einen Wendepunkt bei der Adressierung von Kriegsökonomie markieren. Das Unternehmen „an sich“, das durch seine Anerkennung im Recht, seine Einbindung in den Markt und seine Eingliederung in gesellschaftliche Wirkungszusammenhänge längst als „corporate citizen“ in der gesellschaftlichen Realität angekommen ist, wird hier in einem starken Sinne zur Verantwortung gezogen. Continue reading >>
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Compensation Without Recognition

The German-Italian dispute over civil liability for Germany’s crimes during World War II has developed into a veritable saga. This saga, however, might come to an end soon. By passing the Decree-Law of 30 April 2022, No. 36, the Italian government has temporarily blocked the distraint of properties of Germany located in Rome. Furthermore, the Decree-Law has established a fund through which the Italian government aims to definitively close the issue by paying compensation to the victims in place of Germany. Even if in the future Germany decides to contribute to those compensations, such a solution would fail to acknowledge that historical justice is not just about financial compensation. It is about listening and recognition. Continue reading >>
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The European Commission Cedes its Crucial Leverage vis-à-vis the Rule of Law in Poland

The worst thing about the European Commission’s decision of 1 June 2022 to approve Poland’s EUR 36 billion national recovery plan, despite this country’s very meek (to put it mildly) assurances about improvements to its rule-of-law situation, is not even its substance, bad though that is. Worse still is the sequencing. Continue reading >>
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03 Juni 2022

Das Sondervermögen Bundeswehr, der Bundeshaushalt und die Schuldenbremse

Am 3. Juni 2022 hat der Bundestag eine Änderung des Grundgesetzes und eines Gesetzes zur Errichtung eines „Sondervermögens Bundeswehr“ gebilligt und damit das größte Investitionsprogramm der Bundesrepublik auf den Weg gebracht. Für die Finanzausstattung des Sondervermögens ist Ermächtigung zur zusätzlichen Nettokreditaufnahme vorgesehen. Das wirft die Frage auf, ob es angesichts des aktuellen Nettokreditbedarfs noch angeht, die verfassungsrechtliche Schuldenbremse für sakrosankt zu erklären. Continue reading >>
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The French Constitutional Council’s Problem with Impartiality

If only one example was needed to show the oligarchic nature of the French political system and the limited power of civil society, the game of musical chairs that was played between the Government and the Constitutional Council in the decision “Association La Sphinx” would be perfect. Two ministers directly involved in the drafting of the challenged policy were also judging the constitutionality of the legislative provisions they themselves brought forward. The Constitutional Council’s rules of procedure dismiss impartiality concerns in such cases. This management of conflicts of interests in this court is unacceptable. Continue reading >>
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02 Juni 2022

Die Kapitulation

Im Ringen um die Einhaltung eingegangener Verpflichtungen und im Kampf für den Primat des Rechts vor der Macht ist die Entscheidung der Europäischen Kommission vom 1. Juni 2022 eine Niederlage. Dass hier etwas Problematisches passiert ist, indiziert der ungewöhnliche Vorgang, dass fünf Kommissare – und nicht die Unwichtigsten – sich im Kollegium gegen den Beschlussentwurf ausgesprochen haben. Continue reading >>

Innerbehördliche Extremismusbekämpfung durch „Denunziation“

Am 13. Mai veröffentlichte das Bundesamt für Verfassungsschutz den Lagebericht „Rechtsextremisten, ‚Reichbürger‘ und ‚Selbstverwalter‘ in Sicherheitsbehörden“. Als Maßnahmen zur Bekämpfung von Extremismus gerade in den Sicherheitsbehörden führt der Lagebericht diverse Instrumente zur Prävention, Detektion und Reaktion auf. Er könnte aber auch weitergehend zum Nachdenken über die Frage anregen, wie sich Beamt:innen zu verhalten haben, wenn ihnen entsprechende Verdachtsfälle aus dem Kolleg:innenkreis bekannt werden. Continue reading >>
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Competition and Conditionality

On 5 April 2022, just two days after the Hungarian national elections, the European Commission formally announced that it would apply the conditionality mechanism enshrined in Regulation 2020/2092 in relation to Hungary. In the past the Commission has frequently addressed issues related to “systemic irregularities, deficiencies and weaknesses in public procurement procedures”. In Hungary, however, it has not probed the enforcement of competition (cartel) law in public tender procedures. The Commission should seize the opportunity to act in this area. Continue reading >>

Dating-Tipps vom Bundesverwaltungsgericht

Bundeswehrsoldat*innen mit besonderen repräsentativen Funktionen müssen beim Online-Dating Zurückhaltung üben. Diese Entscheidung des 2. Wehrdienstsenats des BVerwG vom 25. Mai 2022 ist nicht nur deshalb kritikwürdig, weil sie das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung durch heteronormative Moralvorstellungen einschränkt. Ebenso problematisch ist, dass eine antidiskriminierungsrechtliche Betrachtung des Falls ausgeblieben ist. Continue reading >>